Lebensperspektive durch Betania in Kolumbien

„Das Textilhandwerk gefällt mir sehr. Ich lerne, wie man Stoffe verarbeitet, mit den entsprechenden Maschinen umgeht und neue Kleidungsstücke entwirft.“ Begeistert demonstriert mir die 28-jährige Angela Salazar im Haus Betania in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá, was sie im Schneiderkurs gelernt hat. Auf einer privaten Reise habe ich die Sozialeinrichtung für alleinstehende Mütter der Ordensschwestern der Gemeinschaft „Töchter des barmherzigen Herzens Mariens“ vor kurzem besucht, die ich seit viele Jahre gemeinsam mit der Eichstätter Journalistin Dagmar Kusche unterstütze. Angela Salazar lebt seit einem Jahr in Betania, inzwischen mit einem acht Monate alte Töchterchen.

Vor einigen Jahren hatte sie in der Stadt San José de Guaviare etwa 400 Kilometer südöstlich von Bogotá Furchtbares erlebt: „Es gab Massaker mit vielen gewaltsamen Gruppen der Paramilitärs, Guerilla und anderer Banden. Mein Bruder verschwand im Alter von 13 Jahren spurlos, was für mich besonders hart war. Und ich hatte viele familiäre Probleme“, erzählt sie mir. Sie wurde alkohol- und drogenabhängig. Eine Ausbildung hat Angela Salazar nie absolviert. Neben ihr im Schneiderkurs sitzen und werkeln die 20-jährige Laura Camila, die erst seit drei Wochen mit ihrem Baby in Betania wohnt, und die 30-jährige Mary Luz Susa Martinez, die bereits seit elf Jahren in der Einrichtung ist und ihr Kind zur Adoption freigegeben hat. Wie Angela Salazar konnten auch sie nicht mehr in ihren Familien leben. Eine der beiden gesteht mir, dass sie missbraucht wurde.

In der Schneiderei werden die Mütter mit Eichstätter Unterstützung beruflich qualifiziert und finden sie Spaß und Entspannung. Foto: Peter Esser
In der Schneiderei werden die Mütter mit Eichstätter Unterstützung beruflich qualifiziert und finden sie Spaß und Entspannung.
Foto: Peter Esser

Hilfe durch psychosoziale Begleitung und Bildung

Dass die drei Frauen sowie derzeit zehn weitere in Betania wohnende alleinerziehende Mütter mittlerweile neuen Lebensmut schöpfen, verdanken sie einer Vielzahl an Hilfen in Betania: zum Großteil der Betreuung durch das Team einer Psychologin, Sozialarbeiterin und Ernährungsberaterin, auch dem Kurs in der Schneiderei. Beides wird vom Referat Weltkirche der Diözese Eichstätt und dem Eichstätter Verein Welt-Brücke finanziell gefördert. Dass die Frauen von Anfang an und sogar noch mehrere Monate nach ihrem Auszug aus der Einrichtung durch das psychosoziale Team begleitet werden, kann nach Überzeugung der Ordensoberin Marlén Pulido in seiner Bedeutung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden: So können sie als Persönlichkeiten gestärkt und mit ihren Kindern ein stabileres Leben anfangen.

Seit zwei Jahren koordiniert Schwester Sandra Lopez die verschiedenen Hilfeprogramme. Wie sie mir mitteilt, hat das Team der drei Fachkräfte erheblichen Anteil daran, dass etwa die Hälfte der jährlich rund 60 Mütter in der Einrichtung im Durchschnitt nach einem Jahr wieder in ihre alte Familie zurückkehrt oder ein neues Familienleben beginnt sowie ebenfalls rund die Hälfte eine Arbeit aufnimmt. Zu Letzterem trägt freilich wesentlich bei, dass die Frauen während ihrer Zeit in Betania den Schulabschluss nachholen -, an der Ausbildung in der Schneiderei, dem Angebot „Computer“ eines Ehrenamtlichen und den Werkstätten Friseurhandwerk und Maniküre/Pediküre teilnehmen können, die von Bürgern in Bogotá unterstützt werden.

Eine Schneiderin lehrt interessierte Frauen zum Beispiel, Röcke und Blusen, Kissen, Etuis für Handys, aber auch Kinder- und Sportkleidung zu produzieren. Der Verkauf von selbst hergestellten Produkten wird in neue Materialien für die Schneiderei reinvestiert. Aus dem seit gut zwei Jahren angebotenen Kurs hat es mittlerweile eine Frau geschafft, eine Festanstellung in einem Textilbetrieb zu bekommen. Mehrere andere haben sich selbstständig gemacht und arbeiten für Betriebe und Privatleute von zu Hause aus. Dies tun viele durchaus gerne, weil sie so bei den Kindern bleiben können, wie die Schwestern mir sagen. Angela Salazar träumt davon, später eine eigene Textilfabrik zu gründen. Nicht alle im Kurs haben solche Ziele. Laura Camilia stellt sich beruflich anderes vor, „aber ich mache in der Schneiderei gerne mit, weil ich merke, dass ich dadurch Stress abbauen kann.“

Wie viele in Kolumbien sehnen sich auch die Ordensschwestern und die ihnen anvertrauten alleinstehenden Mütter danach, dass der derzeit in Kolumbien stattfindende Friedensprozess zwischen der Regierung und der größten Guerillaorganisation FARC erfolgreich verläuft. Auf die eigene Arbeit hat sich dieser bisher allerdings offenbar noch nicht ausgewirkt. Viele Frauen, welche Hilfe in Betania suchen, sind wie Angela Salazar auch Opfer politischer Gewalt sowie Vertreibung. „Und es kommen jetzt auch etliche, die Drogen, zum Beispiel Marihuana oder Kokain, konsumieren“, berichtet mir Schwester Sandra. Auch müsse sich Betania in Kürze vermutlich minderjähriger alleinstehender Mütter annehmen. Um sie kümmerten sich zwar grundsätzlich staatliche Einrichtungen. „Doch diese sind zum Teil überbelegt“, hat die Schwester erfahren.

Neue Kinderkrippe geplant

Die Ordensobere Schwester Marlén Pulido zeigt, wo die Einrichtung eine neue Kinderkrippe mit rund 30 Plätzen errichten will. Foto: Peter Esser
Die Ordensobere Schwester Marlén Pulido zeigt, wo die Einrichtung eine neue Kinderkrippe mit rund 30 Plätzen errichten will.
Foto: Peter Esser

Ein weiterer Trend, den sie beobachtet, ist, dass inzwischen mehrere alleinstehende Mütter, die Betania verlassen haben, oder auch solche, die nie dort gewohnt haben, die Dienste der Einrichtung wahrnehmen. Auch jenen, die nicht in der Instituion wohnen möchten, wollen die Schwestern Chancen eröffnen. Ein Nachteil für diese Mütter ist allerdings, dass sie ihre Kinder zu Hause lassen müssen. Denn die derzeitige Kinderkrippe, von der ein Teil zudem keine Belüftungsanlage hat und der andere in einem Kellerraum liegt, bietet für sie keinen Platz.  Daher planen die Ordensschwestern, eine neue Kinderkrippe mit rund 30 Plätzen zu errichten. Die Kosten von kalkulierten rund 18.000 Euro sollen – wie für andere Initiativen auch – durch eine Kofinanzierung unterschiedlicher Geldgeber aufgebracht werden. Dabei hoffen sie auch auf Unterstützung aus Eichstätt.

Wer für dieses Projekt oder andere Anliegen in Betania spenden will, kann dies auf folgendes Konto der Diözese Eichstätt tun:
Liga Bank, Eichstätt
IBAN: DE96 7509 0300 0007 6030 02
BIC: GENODEF1M05
Stichwort: Betania, junge Mütter in Bogotá

Die Zukunft Kubas ist ungewiss

Pater Klaus Väthröder, Missionsprokurator der Jesuiten in Nürnberg, nimmt an der Kubatagung zum Thema „Barmherzigkeit und kirchliche Arbeit in existentiellen Randbereichen“ von 21. bis 22. November 2016 in Eichstätt teil. Hier berichtet er von seinen Erlebnissen in der kubanischen Stadt Cienfuegos, wo er für sechs Wochen den Pfarrer der Gemeinde Nuestra Señora de Montserrat vertrat.  

„Pan Suaveeee“, ertönt es auf der Straße unter meinem Fenster früh am Morgen, begleitet von einer Trillerpfeife. Nach dem Verkäufer von „Feinem Brot“ kommen dann die ersten Pferdetaxis (siehe Foto oben) vorbeigerumpelt. Es sind Einspänner mit Platz für bis zu sechs Fahrgästen, die für 5 oder 10 Cent die Bewohner Cienfuegos an ihre Arbeitsplätze kutschieren. Mein Blick aus dem Fenster geht über die Bahia zum einzigen Atomkraftwerk Kubas. Es wurde allerdings nie in Betrieb genommen, da der Zusammenbruch der UDSSR die sowjetisch-kubanische Freundschaft Ende der 90er Jahre jäh beendete.

Es ist 6 Uhr morgens und Zeit die Kirche aufzuschließen. Im Laufe des Tages werden noch viele Verkäufer, rufend zu Fuß oder klingelnd auf dem Fahrrad, ihre Produkte anbieten: Gemüse, Nudeln, Handbesen, Putzlumpen, Knoblauch und vieles mehr. Sie sind die unüberhörbaren Vertreter der neuen Generations von Unternehmen, sogenannte „Cuentapropistas“, private Klein- und Kleinstunternehmen, die seit einigen Jahren im sozialistischen Cuba erlaubt sind. Dazu zählen Restaurants, Kleinbauern, Gästehäuser, Taxis, und Reparaturwerkstätten, um nur einige der insgesamt 178 unterschiedliche Kategorien zu nennen, die das Wirtschaftsministerium für die Gründung eines kleinen Unternehmens zulässt. Mit der Zeit wurden auch die Restriktionen weniger: so wurde die Anzahl der verfügbaren Restaurantplätze von 12 auf 20 und später auf 50 erhöht und die vormals regulierte Speisekarte wurde liberalisiert. Noch kann man nicht vom freien Unternehmertum auf Cuba sprechen, da unübersichtliche und zum Teil absurde Kontrollen weiterbestehen, aber es ist sicher ein Schritt in die richtige Richtung.

P. Klaus Väthröder (hinten Mitte) mit Kindern in Cienfuegos. Foto: privat
P. Klaus Väthröder (hinten Mitte) mit Kindern in Cienfuegos. Foto: privat

Die kubanischen Jesuiten haben dies zum Anlass genommen, um ihr Arbeitsfeld, das weitgehend auf die kirchliche Pastoral beschränkt war, zu erweitern. In ihren Zentren „Fe y Cultura Loyola“ in Havanna, Camagüey, Cienfuegos, Colón und Santiago bieten sie Kurse für die Cuentapropistas an. Hierbei werden die Grundlagen der Geschäftsführung eines kleinen Unternehmens vermittelt: Buchhaltung, Personalführung – inzwischen darf auch eine gewisse Anzahl von Nicht-Familienmitglieder angestellt werden -, Kostenrechnung etc. Diese Kurse erfreuen sich einer großen Nachfrage. Auf meine Frage an den Oberen der kubanischen Jesuiten, ob dies denn legal sei, antwortet er etwas nebulös: „Die Kurse werden geduldet, kein Aufheben machen, sich bedeckt halten, weitermachen“.

Nachdem ich die Kirche aufgeschlossen habe, kommen schon die ersten Gläubigen, die vor der täglichen 7:30 Uhr Messe beten oder eine Andacht vor dem Bild der „Virgen de la Caridad de Cobre“ halten. Die Jungfrau von Cobre ist die Patronin Kubas quer durch alle Konfessionen, Religionen und politischen Bekenntnissen. Im Unterschied zu anderen lateinamerikanischen Ländern war die katholische Kirche in Kuba allerdings nie besonders bedeutend. Vor und auch nach der Revolution gingen und gehen ca. 5 Prozent der Bevölkerung regelmäßig zum Gottesdienst. So auch in unserer Gemeinde Montserrat in Cienfuegos. Jeden Morgen versammeln sich hier gut 30 Personen, um die Eucharistie mitzufeiern. Dienstag und Donnerstag sind es mehr, da wir dann der Toten gedenken. Dann kommen auch Kirchenferne und bringen Blumen zum Andenken an ihre Verstorbenen mit.

Wandel durch Papstbesuche

Die freie Ausübung des Glaubens war nicht immer so selbstverständlich. Nach dem Sieg von Fidel Castros Revolution Anfang der 60er Jahre wurde die katholische Kirche auf die Sakristei beschränkt. Soziale Aktivitäten und Schulen mussten eingestellt werden, Gebäude wurden enteignet, Ausländer des Landes verwiesen. Priester, Ordensleute und bekennende Katholiken wurden in vielen Bereichen der Gesellschaft diskriminiert und schikaniert. Dies änderte sich ab den 90er Jahren mit den Besuchen der Päpste Johannes Paul II (1998), Benedikt (2012) und Franziskus (2015) in Kuba. Ohne das Regime direkt anzugreifen haben die drei Päpste politische Freiheiten, die Achtung der Menschenrechte und mehr Autonomie für die katholische Kirche angemahnt. Auch die auf Dialog angelegte Politik des Kardinals von Havanna Jaime Ortega hat dazu beigetragen, dass sich die Beziehung zwischen Staat und Kirche entspannt hat. Kardinal Ortega ist inzwischen aus Altergründen zurückgetreten. Seine nicht allzu konfrontative Annäherung an das Regime war innerhalb der katholischen Kirche in Kuba nicht unumstritten.

Jesuitenschule in Cienfuegos, Kuba. Foto: Klaus Väthröder
Jesuitenschule in Cienfuegos, Kuba. Foto: Klaus Väthröder

Nach dem Gottesdienst treffe ich Pater Ignacio beim Frühstück der Kommunität. Ich frage ihn nach den Baufortschritten. Auf dem Gelände der Pfarrei in Cienfuegos befindet sich auch eine große ehemalige Schule der Jesuiten, die 1880 in Betrieb genommen und 1961 mit der Revolution vom Staat enteignet wurde. Zur Überraschung aller hat der Staat das Gebäude, das einen ganzen Häuserblock umfasst, vor drei Jahren der Gesellschaft Jesu zurückgeben. Allerdings in einem bemitleidenswerten Zustand. Türen, Fenster, Böden und Wände wurden entfernt oder sind zerstört. Das renovierte Gebäude würde Räume für Gemeinde, für Exerzitien und große Versammlungen ermöglichen. Die Renovierungsarbeiten werden wohl noch Jahre dauern. Es fehlt an Material, Geld und ausgebildeten Arbeitskräften. Der Hintergedanke der Regierung war wohl, dass die Jesuiten die Renovierung eher voranbringen können und dass zumindest die Fassade des ehemaligen Kollegs von Montserrat zum 200sten Stadtjubiläum Cienfuegos 2019 im alten Glanz erstrahlen wird. Das Kolleg ist eines der wenigen architektonisch bedeutenden Gebäude der Stadt. Cienfuegos, die auch „Perle des Südens“ genannt wird, wurde 1819 durch französische Siedler gegründet und hat sich einen frankophonen Charakter erhalten. Heute hat die Stadt, die 250 Kilometer von Havanna entfernt an der Bahia de Jagua gelegen ist, rund 170.000 Einwohner und wird von vielen Touristen besucht.

kuba-seniorenkreisNach dem Frühstück gehe ich zum Treffen der Senioren im Gemeindesaal. Die Sorge um die alten Menschen ist eine wichtige Aufgabe der katholischen Kirche. Bis vor einigen Jahren war diese Caritas für die Senioren vom Staat verboten. Gemäß offizieller Verlautbarung haben alle Menschen in Kuba das Notwendige zu einem zufriedenstellenden Leben inklusive einer guten und kostenlosen Gesundheitsversorgung sowie schulischer bzw. universitärer Ausbildung.  Das ist immer noch wahr, doch die Unterschiede im Lebensstil sind inzwischen gravierend. Wer Zugang zu Dollars oder Euros hat über Verwandte und Freunde im Ausland oder durch eine Arbeit in Kuba, z.B. im Tourismussektor, lebt um einiges besser, als die ohne diese zusätzliche Einkommensquelle. Das trifft auf die meisten alten Menschen zu. Sie leben von einer monatlichen staatlichen Rente von 10 bis 20 US Dollar. Und auch mit der famosen „Libreta“, eine Art von Bezugsscheinen für den Erwerb verbilligter Lernmitteln, kann man nicht mehr viel bekommen, da die Produkte der Libreta immer weniger und teurer werden.

Señora Maria Emilia, 115 Jahre. Foto: Klaus Väthröder
Señora Maria Emilia, 115 Jahre. Foto: Klaus Väthröder

Es sind vor allem Frauen, die zum Seniorenkreis kommen und sich ein gutes Frühstück schmecken lassen. Unter ihnen sind Lehrerinnen, Ärztinnen und auch die Gewinnerin einer olympischen Bronzemedaille. Die Hälfte des verteilten Essens packen sie ein und auch an einer kleinen Tasse Kaffee wird nur genippt, der Rest für die nächsten Tage aufgespart.  Besonders gern unterhalte ich mich mit Señora Maria Emilia. Sie ist 115 Jahr alt und bis vor kurzem kam sie noch zur sonntäglichen Messe zu Fuß, nun wird sie im Rollstuhl gebracht. In den letzten Wochen hatte sie Besuch von in- und ausländischen Journalisten und auch mir gibt sie bereitwillig Auskunft über meine Fragen zur Geschichte Kubas. Sie ist das lebendige Beispiel für die hohe Lebenserwartung in Kuba, vergleichbar mit der der westlichen Ländern und eine Zeugin der immer noch guten Gesundheitsversorgung.

Zerrissene Generation

Am Abend nehmen mich die großen Ministranten mit zum Malecón, dem Treffpunkt der jungen Generation an der Bahia Cienfuegos. Da die hunderten von Jugendlichen kein Geld haben, gibt es hier am Malecón auch kaum Smartphones, kaum Alkohol, kein Internet, kein Facebook oder Twitter und sowieso keine Drogen. Hier hängt man ab, redet und singt, hört oder macht Musik, ohne Stress oder Angst vor Kriminalität, wie in anderen lateinamerikanischen Ländern. Es ist eine friedliche und schöne Stimmung.

Straßenmusiker in Cienfuegos. Foto: Klaus Väthröder
Straßenmusiker in Kuba. Foto: Gerhard Rott

Allerdings wären die meisten dieser Jugendlichen jetzt lieber in Miami oder Madrid, denn trotz ihrer guten Ausbildung sehen viele von ihnen für sich keine Zukunft in Kuba. Diese Generation kennt die wichtigen Ereignisse der Revolution, die Diktatur Batistas und den Befreiungskampf Fidels in der Sierra Maestra, die Invasion in der Schweinbucht, die Raketenkrise 1962 und die Notlage Kubas nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Blocks nur aus Erzählungen und Büchern. Diese Ereignisse sind für sie kaum mehr identitätsstiftend. Es sind die Geschichten Ihrer Eltern und Großeltern. Bei meinen Gesprächen mit den Ministranten und am Malecón spüre ich die Zerrissenheit dieser Generation. Sie hängen an ihrem Land, ihren Familien und Freunden und doch wollen sie lieber ein neues Leben in einem anderen Land beginnen. Sie träumen von einem Leben wie ihre Altersgenossen in der globalisierten Welt: sie wollen an der vernetzten Welt teilhaben, sie wollen freie Information und Unterhaltung anstatt staatlich monopolisierte Zeitungen und Fernsehen, sie wollen mit Freunden über Internet, Facebook und Twitter verbunden sein, angesagte Klamotten tragen, für Ihre Arbeit einen entsprechenden Lohn erhalten. Sie wollen nicht Taxifahrer werden, da man damit mehr verdient als ein Arzt oder Lehrer. Ähnlich wie die junge Generation der Kubaner in Miami, die die radikale und revanchistische Anti-Castro Haltung ihrer Eltern und Großeltern hinter sich gelassen haben, ist vielen jungen Kubanern auf der Insel die revolutionäre Rhetorik des Regimes fremd geworden. Zwar hat sich in den letzten 20 Jahren durch die vorsichtigen Reformen einiges auf Kuba gewandelt, doch vielen in der jungen Generation geht dies zu langsam. Die Zukunft Kubas ist ungewiss. Wie gehen die Reformen der politischen und wirtschaftlichen Öffnung weiter? Was geschieht, wenn nach Fidel auch Raúl Castro 2018 zurücktreten wird? Werden immer mehr der jungen Generation Kuba verlassen und ihr Glück woanders suchen? Es bleibt zu hoffen, wie es Papst Johannes Paul II gesagt hat, „dass Kuba sich mit all seinen wunderbaren Möglichkeiten der Welt öffnen möge, und die Welt sich Kuba öffnet.“

Barmherzige Schwestern aus Nigeria

Das von Papst Franziskus ausgerufene Jahr der Barmherzigkeit geht nun zu Ende, aber Barmherzigkeit kennt kein Ende. Schon gar nicht für uns „Töchter Mariens, Mutter der Barmherzigkeit“ (Barmherzige Schwestern – wie wir in Deutschland genannt werden). Unser Ordensname ist Programm.

Vielleicht haben Sie mich oder eine meiner Mitschwestern in blauer Kutte in Eichstätt oder in einer anderen Stadt schon gesehen und gefragt: Wer sind diese Schwestern? Und was machen sie?

Ich lebe seit Oktober 2012 hier in Eichstätt bei den Schwestern der Congregatio Jesu in Eichstätt. Zurzeit studiere ich Pflegewissenschaft an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

Unser Orden, Daughters of Mary Mother of Mercy (DMMM) , wurde 1961 in Nigeria gegründet. Der damalige Bischof der Diözese Umuahia in Abia, Anthony Gogo Nwedo, suchte Hilfe, um sein junges Bistum zu evangelisieren. Er wollte unter anderem auch Schulen, Krankenhäuser und Waisenhäuser errichten. Da es für diese Aufgabe keine Orden vor Ort gab, wurde ein eigener Orden gegründet, der 1994 als Kongregation päpstlichen Rechts anerkannt wurde.

Ordensgründer Anthony Gogo Nwedo. Foto: DMMM
Ordensgründer Anthony Gogo Nwedo. Foto: DMMM

Zurzeit hat der Orden über 1.000 Schwestern, 82 Novizinnen und 90 Postulantinnen unter anderem auch in Deutschland, Belgien, Italien, Schweden, England, Österreich und in den USA. Unser Mutterhaus ist in Nigeria (unsere General-Oberin Rev. Mother Mary Angeleen Umezuruike hat ihre Ausbildung in Bonn absolviert) und wir sind auch in weiteren afrikanischen Ländern präsent. Wir leben nach den drei Gelübden des Gehorsams, der Armut und der ehelosen Keuschheit. Nächstenliebe, Demut, Gebet, Buße und Hingabe an den Willen Gottes machen den Geist unserer Ordensgemeinschaft aus.

General-Oberin Rev. Mother Mary Angeleen Umezuruike . Foto: DMMM
General-Oberin Rev. Mother Mary Angeleen Umezuruike . Foto: DMMM

Durch unser Tun und unsere Lebensweise wird die Barmherzigkeit Gottes den Menschen vermittelt. Als Ausdruck unserer Berufung in der Nachfolge Jesu sind wir tätig in der Fürsorge der Armen und Bedürftigen in Krankenhäusern, Heimen, Waisenhäusern, Altenheimen und bei Obdachlosen sowie in der Seelsorge und der Vorbereitung der Erstkommunionkinder in der Pfarrgemeinde und auch der jungen Frauen für das Familienleben. Beruflich sind wir hauptsächlich Krankenschwestern und/oder Hebammen, Altenpflegerinnen, Ärztinnen, Kindererzieherinnen, Sozialarbeiterinnen und Lehrerinnen in verschiedenen Ebenen.

In Nigeria, einem Land in dem rund 180 Millionen Menschen aus 250 ethnischen Gruppen leben, besucht ein großer Teil der Kinder im Schulalter keine Schule. Die Analphabeten-Quote beträgt bei Männern 30 Prozent, bei Frauen sogar rund 50 Prozent. Zum einen sind die Schulgebühren sehr hoch, zum anderem müssen viele Kinder für ihren Lebensunterhalt arbeiten. Deshalb ist es unserem Orden sehr wichtig, in diesen Bereich tätig zu werden, denn ohne Bildung ist ein erfolgreicher Einstieg in das Berufsleben kaum möglich. Mit unseren Schulen unterstützen wir vor allem die armen Kinder.

Nigeria ist in erster Linie aufgrund seiner vielen Rohstoffe ein reiches Land. Aber dieser Reichtum ist auf Wenige konzentriert. Etwa zwei Drittel der Menschen in Nigeria leben in extremer Armut. Als Folge davon stranden viele Kinder heimat-, eltern- und obdachlos in den Slums und Straßen der Städte wie Lagos, Kano, Ibadan und Abuja. Auch diese Menschen unterstützen wir durch unsere Arbeit. Allein unser Orden unterhält vier Waisenkinderheime.

Barmherzige Schwestern in Nigeria (1. von rechts: Sr. Angela bei Ihrem 25jährigen Professjubiläum). Foto: DMMM
Barmherzige Schwestern in Nigeria (1. von rechts: Sr. Angela bei Ihrem 25jährigen Professjubiläum). Foto: DMMM

In Deutschland sind wir überwiegend im Krankenhausbereich tätig und legen hier durch unser Wirken Zeugnis für unseren Glauben ab. Mit unserem Gehalt unterstützen wir wiederum unsere Einrichtungen in Nigeria. Unsere Einrichtungen in Nigeria werden hauptsächlich durch Spenden und durch die Arbeit der Barmherzigen Schwestern im Ausland finanziert.

Es gibt auch die „Barmherzigen Brüder“, die Sons of Mary Mother of Mercy (SMMM). Auch sie sind hier in Deutschland in mehreren Diözesen tätig.

Bischof Hrutsa: „Barmherzig sein gilt immer“

Diese Woche besuchte der neugeweihte Bischof Dr. Volodymyr Hrutsa, der neue Weihbischof der griechisch-katholischen Erzeparchie Lviv (Lemberg)/Ukraine, das Collegium Orientale. Ziel des Besuchs war, die Seminaristen und Priester seiner Erzdiözese, die im COr studieren, kennenzulernen, unser Kolleg zu besuchen und sich über die Studienmöglichkeiten an der Katholischen Universität zu erkundigen sowie insgesamt die Gemeinschaft des COr kennenzulernen. Die Studenten und die Leitung haben sich über den Besuch sehr gefreut. Es ergaben sich in diesem gemeinsamen Tagen mehrfach Möglichkeiten zur Begegnung auf der Ebene des Bistums Eichstätt mit unserem Bischof Dr. Gregor Maria Hanke, mit dem Leiter des Referats Weltkirche, Prälat Dr. Christoph Kühn, sowie mit dem Leiter der Personalkammer des Bistums, Monsignore Paul Schmidt, dem Altrektor des Kollegs.

Mit Bischof Hrutsa habe ich folgendes Interview zum Jahr der Barmherzigkeit geführt.

Dr. Oleksandr Petrynko: Lieber Herr Weihbischof Volodymyr, in weniger als einem Monat geht das außerordentliche Heilige Jahr der Barmherzigkeit, ausgerufen von Papst Franziskus vor knapp einem Jahr, zu Ende. Wie haben Sie dieses Jahr erlebt, besonders als neugeweihter Bischof?

Bischof Dr. Volodymyr Hrutsa: Auf das Jahr der Barmherzigkeit muss man vieldimensional schauen. Ich bin vor allem ein Mensch sowie ein Christ und dann erst Bischof. Ich habe dieses Jahr vor allem als Christ erlebt. Die Kirche hat, kann man sagen, ihre mütterliche Seite herausgestellt und, wie Papst Franziskus dies immer wieder betont hat, die Türen ihres Hauses für ihre Kinder aufgetan. In diesem Haus wartet auf die Kinder voll Sehnsucht der barmherzige Vater. Denn das Motto dieses Jahres heißt ja: „Barmherzig wie der Vater“. Was die Kinder angeht, so sind sie eingeladen, diese geöffneten Türen wahrzunehmen und einzutreten. Das Jahr der Barmherzigkeit impliziert, dass der Mensch ein soziales Wesen ist. Der Mensch soll fähig sein, Liebe anzunehmen und sie zu schenken, die Barmherzigkeit zu empfangen und Barmherzigkeit weiterzugeben. Das soll im Jahr der Barmherzigkeit besonders sichtbar werden. Dabei ist es aber nicht so zu verstehen, dass wir dieses Jahr mit diesem bestimmten Thema „absolvieren“ und dann auf das nächste warten, um zu sehen, was es an geistlichen Impulsen mit sich bringt. Sich auf die Barmherzigkeit zu besinnen, heißt die eigentliche Berufung, sozial und barmherzig zu sein, neu zu entdecken, darüber nachzudenken und dementsprechend zu handeln. Barmherzig sein gilt immer und in jedem Jahr.

An was denken Sie als geistlicher Mensch und Christ, wenn Sie von der Barmherzigkeit Gottes hören? Oder welche Rolle spielte die Barmherzigkeit Gottes auf Ihren Pfarrmissionen als Redemptorist?

Die Redemptoristen sind eine internationale Gemeinschaft. Wir sind auch in Österreich und in Deutschland tätig. Während meines Studiums hier im deutschsprachigen Raum habe ich oft gehört, dass die Redemptoristen früher als die „Höllenprediger“ galten. Sie haben nämlich sehr furchterregend über die Hölle gepredigt. Man muss aber den gesamten Zusammenhang sehen: Sie haben das getan, nicht um den Menschen Angst einzujagen, sondern um die Menschen zur Bekehrung anzustoßen. Und sie benützten die damaligen pädagogischen Methoden, die den heutigen womöglich zuwiderlaufen. Das eigentliche Ziel war immer, auch zu jener Zeit, dass die Menschen sich auf die Gottessuche begeben, ihm näher kommen und seine große Liebe zu ihnen erfahren. Man kann das natürlich nicht mit Zwang oder mit Angst machen. Selbst der heilige Alfons, Ordensgründer der Redemptoristen, hat zu seiner Zeit bemerkt: Eine Bekehrung, die von Angst geprägt ist, kann nicht standhaft sein; eine solche Bekehrung ist sehr zerbrechlich. Das Ziel einer jeden Redemptoristenmission war und bleibt jedoch die Umkehr des Menschen, das heißt ihr Sinneswandel; unter anderem durch das Sakrament der Versöhnung. Die Folge davon soll die Vereinigung mit Gott sein. Danach braucht keiner Angst zu haben, dass es ihm mit Gott schlecht gehen wird, wenn er mit Gott verbunden ist.

Als Unterstützung für unsere Pfarrmissionen wurde Redemptoristen die Ikone der Gottesmutter der immerwährenden Hilfe geschenkt. Sie wurde unserem Orden vom Heiligen Stuhl vor 150 Jahren anvertraut. Sie gilt ja als Ikone der Liebe und ist als solche in der ganzen Welt bekannt. Die Redemptoristen haben sie und ihre Idee aktiv verbreitet und sich für die Menschen eingesetzt, um ihnen Trost zu spenden und ihr Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes zu stärken. Bei den Worten über die Barmherzigkeit denke ich in erster Linie an die immerwährende Hilfsbereitschaft Gottes zu den Menschen, die sie, vermittelt durch die Heiligen im Himmel und hier auf der Erde, bewusst oder unbewusst erfahren und von ihr leben.

Kann ein gerechter Gott zugleich barmherzig sein? Geht das zusammen? Kann ich es mir irgendwie vorstellen oder beides in einem denken?

Es geht um zwei Begriffe „gerecht“ und „barmherzig“, die auf den ersten Blick unverträglich erscheinen. Ich würde diese Begriffe noch mit einem dritten ergänzen oder sie beide damit koppeln, nämlich „Gottes Pädagogik“. Wenn die Eltern dem Kind etwas verbieten oder es unterweisen, bedeutet dies fast nie, dass sie das Kind bestrafen wollen. Sie kümmern sich um ihr Kind und sind dabei zugleich streng oder gerecht und barmherzig. Die Eltern können die Folgen von bestimmten Entwicklungen und Ereignissen oder einfach Kinderwünschen aus ihrer Erfahrung besser einschätzen. In den Augen des Kindes kann dies unbarmherzig erscheinen. Längerfristig und pädagogisch gedacht, erscheint eine kindesgemäße und –gerechte Strenge als barmherzig.

Gott ist gerecht, und zwar so, dass er zugleich immer barmherzig bleibt. Er ist keinesfalls rach- oder strafsüchtig. Für mich persönlich erkläre ich die Sache folgendermaßen. Wenn Gott mich bestrafen würde, geht es ihm dann besser? Nein. Geht es dann mir besser? Auch nicht. Keiner profitiert davon. Das ist nicht nur ein Spiel mit Begriffen. Ich sehe darin eine kluge Pädagogik Gottes mit uns Menschen. Natürlich ist es nicht so, dass Barmherzigkeit ein billiges Produkt ist, das man jederzeit und jede Menge davon fast kostenlos bekommt, nach dem Verständnis: Ich habe etwas Schlechtes getan, aber Gott ist barmherzig und vergibt mir alles, so dass ich auch weiterhin so weitermachen und bleiben darf. Nein, alles, was wir schlecht sagen und tun, hat seine Folgen, die wir spüren und sie auch tragen müssen. Jede Verletzung und Wunde hinterlässt eine Narbe. Eine geheilte Wunde deutet auf Gottes Barmherzigkeit hin und eine Narbe als Folge davon auf seine Gerechtigkeit, wenn ich das so vereinfacht sagen darf.

Gibt es in der ostkirchlichen Spiritualität einen besonderen Zugang zur Barmherzigkeit Gottes, etwas, was sie auf eine besondere Weise beleuchtet?

Ich muss Ihnen etwas gestehen: Wenn ich in der Muttersprache die Liturgie bete, schaffe ich es nicht immer, mich in die Texte zu vertiefen. Während meines Aufenthaltes in diesen Tagen in Eichstätt, wenn wir jetzt die mir bekannte Liturgie auf Deutsch beten, ist mir der Sinn auf Ukrainisch an mehreren Stellen neu aufgegangen. Denn ich lese und singe jetzt jedes Wort sehr genau und sehr bewusst. Hier öffnet sich auch wunderbar die Wirklichkeit, die hinter den Wörtern steht und die ich nicht automatisch an mir vorbeiklingen lasse. So auch zum Thema Barmherzigkeit. Indem ich mich auf die deutschen Übersetzungen der einzelnen Gebete und Lieder konzentriere, stelle ich fest, es spricht ja alles von der unbegrenzten Barmherzigkeit Gottes zu uns Menschen.

Sehr konzentriert ist die Barmherzigkeit Gottes in der ostkirchlichen Tradition im sogenannten Jesusgebet: „Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme Dich meiner, des Sünders“. Dies ist ein wunderschönes sowohl gemeinschaftliches als auch persönliches Gebet. Dieses Gebet ist inhaltlich durch und durch von der Barmherzigkeit Gottes geprägt. Durch dieses Gebet lässt es sich hervorragend über die Barmherzigkeit Gottes nachsinnen, wenn man allein die einzelnen Wörter dieses kurzen Stoßgebetes meditiert. Das ständige Wiederholen des Gebetes bringt es mit sich, dass wir empfänglich werden für das Geschenk der Barmherzigkeit.

An Bedeutung ist in diesem Zusammenhang sicherlich nicht zu übersehen das Sakrament der Buße, nicht nur im Osten, sondern auch im Westen. In diesem Sakrament begegnet uns die Barmherzigkeit auf eine sehr intime, persönliche und direkte Weise. Sie wird uns durch die Stimme des Priesters vernehmlich und zugänglich zugesprochen. Die Barmherzigkeit und hier ist sie mit der Vergebung der Sünden gleichzusetzen, ist das erste und wichtigste Geschenk des auferstandenen Christus an die Jünger: „Friede sei mit euch! … Empfangt den Heiligen Geist! … Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben“.

Können Sie sich aus Ihrem priesterlichen Wirken als Mönchspriester und Bischof an ein Beispiel erinnern, wo Sie die Barmherzigkeit Gottes deutlich verspürten oder unerwartet erlebten?

Es ist schwierig sehr konkret darauf zu antworten. Sicherlich habe ich das öfter erlebt. Die Barmherzigkeit Gottes begleitet mich aber ständig und jeden Tag. Es kommt darauf an, was man darunter versteht. Wenn jemand behaupten würde, die Barmherzigkeit Gottes ist nicht beständig, dann versteht er auch nicht, was sie bedeutet. Das müssen nicht unbedingt große Wunder sein. Die Barmherzigkeit Gottes zeigt sich auch und vor allem in kleinen unscheinbaren Dingen, zum Beispiel, dass ich heute in der Früh aufgestanden bin. Als ich noch in Innsbruck studierte, habe ich an einem Morgen folgenden Gedanken gehabt, der mir dann immer wieder kam: Gegenüber unserem Kloster steht ein großes Krankenhaus, das ich vom Fenster meines Hauses jeden Tag sehen konnte. Damals in der Früh und danach sehr oft schaute ich in der Richtung der Klinik und ich sagte mir, wie viele von den Patienten heute nicht mehr aufgestanden sind, wie viele haben diese Nacht nicht überlebt. Und ich bin noch da. Gott hat sich meiner erbarmt. Das ist nicht selbstverständlich, dass meine Beine mich heute noch tragen. Ich stehe da, denke darüber nach, Gott war wieder barmherzig mit mir, ich lebe weiter und er gibt mir immer wieder eine Chance. Das ist für mich beispielsweise ein konkretes Erlebnis der Barmherzigkeit Gottes.

Auch im Sakrament der Beichte, die als geistliche Therapie verstanden wird, erlebe ich das sehr oft, wie die Barmherzigkeit Gottes bei den Menschen am Werk ist und wie erleichternd sie wirkt. Ich erlebe das natürlich auf zweifache Weise, als Beichtvater und auch als Beichtender. Ich kann sagen, dass es die ständige Erfahrung der Barmherzigkeit Gottes ist, die mich durch das Leben trägt. Insofern war das Jahr der Barmherzigkeit ein Impuls dahingehend, in uns diese Tatsache wieder bewusster zu machen und sie in Erinnerung zu rufen. Dank der Barmherzigkeit Gottes leben und bewegen wir uns von Tag zu Tag.

Als Bischof, der im Heiligen Jahr der Barmherzigkeit zu diesem Dienst ernannt und geweiht worden ist, fühlen Sie sich dieser Eigenschaft oder Tugend besonders verbunden? Wird sie vielleicht zum Motto Ihres bischöflichen Wirkens?

Ja, da haben Sie recht. Dieses Jahr der Barmherzigkeit, hat mich dazu inspiriert, dass mein Wappenspruch heißt „Barmherzigkeit und Freude“. Diese zwei Begriffe stehen mir immer vor Augen und begleiten mich und mein Wirken. Ich hoffe, dass sie mich auch weiterhin begleiten werden. Ich brauche selber sehr viel Barmherzigkeit Gottes, um sie den Menschen weitergeben zu können.

Herzlichen Dank für das Interview!