„Die Polen sind sehr gastfreundlich“

Laura Brandes aus der Pfarrei Wettstetten nimmt an den Weltjugendtag in Polen teil. Wie alle Teilnehmer aus den Bistümern Eichstätt und Bamberg wohnt sie in einer Gastfamilie in der Pfarrei Bibice. Mit Laura (im Bild spielt sie Querflöte) sprach Anita Hirschbeck für den Blog „weitblick“.

weitblick: Am Mittwoch hat in Bibice ein Festival für die deutschen Gäste stattgefunden. Was war da geboten?

Laura: Die Leute aus Bibice haben sich sehr viel Mühe gemacht. Es waren mehrere Jugendgruppen auf der Bühne. Eine ganz junge Sängerin hat das Festival eröffnet. Die Hymne vom jetzigen und vom letzten Weltjugendtag in Polen wurden gespielt. Unsere Gruppen haben auch spontan einen Überraschungsbeitrag geleistet: Wir haben die Frankenhymne und die Bayernhymne gesungen. Die Stimmung war grandios.

Habt ihr denn viel Kontakt mit Einheimischen?

Während des Festivals haben wir zum Beispiel mit einem Mädchen aus dem Dorf gesprochen. Sie heißt Claudia, hat in einer Tanzgruppe mitgemacht und war sehr engagiert. Und wir haben Kontakt zu den freiwilligen Helfern aus Bibice. Die Jugendlichen haben viel mitgesungen und da hat man sich schon ein bisschen ausgetauscht. Ich schätze, mit Claudia werden wir auch weiterhin in Kontakt bleiben.

Wie nimmst du die Polen wahr?

Ich finde, sie sind super gastfreundlich. Wir haben eine sehr tolle Gastfamilie. Mittlerweile wurde uns sogar der Hausschlüssel anvertraut. Als wir gestern spät abends heimkamen, standen da noch Kuchen und Kekse. Sie machen sich sehr viel Mühe und man kommt sehr leicht mit ihnen ins Gespräch.

Und sind die Polen so katholisch wie ihr Ruf?

Bei unserer Gastfamilie würde ich das nicht vermuten. In der Wohnung hängt nirgendwo ein Kreuz. Aber die Jugendlichen, die sich in Bibice als Freiwillige engagieren, sind schon sehr begeistert von der Kirche. Trotzdem: Als so erzkatholisch, wie man es manchmal hört, würde ich sie nicht beschreiben.

Am Donnerstag haben der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke und Vertreter aus Bibice einen Baum gepflanzt – als Zeichen der Versöhnung zwischen Deutschland und Polen. Spielt das Thema Zweiter Weltkrieg in eurer Generation überhaupt noch eine Rolle? Sprichst du darüber mit Polen in deinem Alter?

In meinem Alter eher nicht. Aber meine Nachbarn zu Hause sind Polen. Sie kommen aus Schlesien und haben deshalb eine besondere Geschichte. Unser ehemaliger Pfarrer war auch Pole. Von dieser Generation bekommt man das Thema schon eher mit. Auch dass die Freundschaft mittlerweile sehr eng geworden ist. Deswegen finde ich es eine sehr schöne Geste, dass wir einen Baum gepflanzt haben. Damit man sich daran erinnert, dass die Freundschaft nicht immer so tief war.

Der Weltjugendtag läuft noch bis 31. Juli. Worauf freust du dich besonders?

Ich freue mich vor allem auf die Stimmung, die entsteht, wenn so viele Nationen zusammenkommen. Schon die Eröffnungsmesse war voller Freude. Viele Leute sind danach noch durch die Straßen gezogen. Ich freue mich auf viel Austausch und gemeinsames Gottesdienstfeiern.

Das Interview als Audio

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Ausharren an der Grenze zum Lande des Terrors – ein Besuch bei den Christen im Irak

Der Vizerektor des Collegium Orientale Eichstätt, Archimandrit Dr. Thomas Kremer, hat im März 2016 zusammen mit Prof. Dr. Karl Pinggéra (Marburg) die christlichen Gemeinden im Irak, näherhin in der Autonomen Region Kurdistan, besucht. Einige seiner Eindrücke hält er in diesem Beitrag fest.

Ruhig ist es auf der Terrasse von Mor Mattai, kein Geräusch ist zu hören. Der Blick schweift in die Ferne, die Ebene liegt zu unseren Füßen. Es ist Frühling. Die Felder stehen in saftigem Grün, die Sonne scheint hell und klar. Kornkammer Mesopotamien, uraltes Kulturland. Alles wirkt so friedlich, so harmlos, so in Ordnung, wo doch von Ordnung und Friede die Rede nicht sein kann. Unser Blick schweift vorbei an Ninive hinüber nach Mossul, Hochburg des sogenannten „Islamischen Staates“, der gar nicht verdient „Staat“ genannt zu werden und „islamisch“ eigentlich auch nicht. Da unten stehen sie, die Schergen islamistischer Söldner aus allen Landen, kaum drei Kilometer entfernt. Da irgendwo verläuft auch die Front zwischen den Feldern. In der Ebene kleine Städte, ehemals christlich. Heute sind sie verlassen, überrannt nicht nur von wütenden Kriegern, sondern vor allem vom Hass und der Verstocktheit derer, für die Respekt und Achtung des anderen und seiner Kultur Fremdworte sind. Da stehen wir nun, in dem syrisch-orthodoxen Kloster, das, so erzählt die Geschichte, 363 gegründet, sich klammert an den Berghang des Jebel Maqlub, sich im Innern in Höhlen in ihn auch eingrub, um sich untrennbar mit diesem Land zu vereinen. Mehr als eineinhalb Jahrtausende ist hier der Lobpreis Christi erklungen, in seiner eigener aramäischen Sprache. Über allem schwebt heute gespenstische Ruhe: Ist es die Ruhe vor dem nächsten Ansturm des Wahnsinns? Die Totenruhe der geplünderten Städte, die hinaufsteigt? Die Angststarre derer, die geblieben sind und doch nicht wissen, wann vielleicht auch sie Hals über Kopf weglaufen müssen, eine der ältesten christlichen Stätten verlassend?!

Der Besuch in Mor Mattai steht symptomatisch für das, was man erleben kann, wenn man heute zu den Christen im Irak aufbricht: ein Leben am Rande des Abgrunds, das aber voll ist von Hoffnung und einem Tatendrang, bei dem nicht immer klar ist, ob es wirklich Zuversicht oder auch Trotz ist, der zum Neuaufbau antreibt. Viele Christen haben das Land längst verlassen. Die andern konzentrieren sich auf einige Orte. Sicher, in Bagdad sind manche geblieben, es ist ja die Hauptstadt. Doch die meisten sind in Erbil, dem Zentrum der Autonomen Region Kurdistan. Oder um genauer zu sein: in Ainkawa, einem in sich geschlossenen Vorort nördlich der Stadt, selbst schon zur eigenen Stadt geworden. Hier wohnen nur Christen. Der Begriff des Ghettos wäre zu vorbelastet und auch zu negativ besetzt. Und doch lebt man unter sich, Christen verschiedener Bekenntnisse, die „Ökumene des Blutes“ schweißt sie zusammen. Den Einheimischen mangelt es nicht an Geld, die Häuser sind bestens in Schuss. Für die vielen freilich, die geflüchtet sind, Zehntausende aus Mossul und den eroberten christlichen Orten der Ebene, die meisten von ihnen syrisch-katholisch, ists freilich bitter, das Erbland der Väter in 30 oder 50 Kilometer Entfernung verwüstet zu wissen und selbst in Containern zu darben, demütig auszuharren in Blechbüchsen, die wie Karawanen von einem Kriegsschauplatz dieser Erde weiterziehen zum nächsten.

Immerhin professionell eingerichtet sind sie und gut auch versorgt, nicht nur mit dem Brot allein, das der Tod wahren menschlichen Lebens ist. An einem Abend werden wir eingeladen ins Flüchtlingscamp Mar Elia. Der Apostolische Nuntius, Bischof Alberto Ortega Martín, macht seinen Antrittsbesuch im Norden des Landes. Sehr praktisch, so ist alles bereitet und wir brauchen bloß seinen Fußstapfen zu folgen, um überall offene Türen zu finden. Im Camp Mar Elia empfängt uns Pfarrer Douglas al-Bazi. Er war in den Händen des IS, doch ist ihm entronnen: ein Mann voller Tatendrang. Unermüdlich müht er sich um die vielen inlandsvertriebenen Christen, baut Camps auf, reist ins Ausland, sammelt Geld, vermittelt Exil, besonders im Osten Europas. Unter dem Vielem, was mich an ihm faszinierte, ist eines besonders zu nennen: Er hat den ganzen Menschen im Blick, Leib und Seele vereint, darin offenbart sich sein wahrhaft christlicher Geist. Zum Konzept seiner Camps gehört zunächst und vor allem ein Kirchengebäude: Ort der Zuflucht, der Hoffnung, des Trostes – sicherer Anker in Zeiten des Sturms, so wie zugleich Bischöfe und Priester als geistliche Väter Zuflucht und Heimat der vertriebenen Seelen sind. Professionelle Behandlung der Traumatisierten und Betreuung der Kinder nach einem wohldurchdachten, anspruchsvollen pädagogischen Konzept in Kindergärten und Schulen sind sichergestellt: Hier werden Menschen nicht bloß irgendwie halbherzig versorgt, hier wird einer Generation vermittelt, dass es Zukunft gibt, für sie, und zwar in ihrem eigenen Land. Die selbst bereiteten Speisen schmeckten köstlich, und zu Ehren der Gäste wurden Tänze aufgeführt. Die Kinder hatten ihren Spaß und die Erwachsenen auch. Das Leben geht weiter, auch am Rande des Abgrunds, und es ist viel zu kurz und zu wertvoll, um sich die Freude daran stehlen zu lassen.

Einer, der wie kaum ein anderer vieles bewegt, war auch mit dabei: Erzbischof Bashar Warda, das Oberhaupt der katholischen Chaldäer in Erbil. Mit 46 ist er noch jung, über fünf Jahre schon leitet er das Geschick seiner Kirche vor Ort, ein Mann, der an die Zukunft der Christen glaubt. Er predigt mit Überzeugung vom Bleiben und begeistert viele, schenkt den Menschen stets neuen Mut. Er ist aber auch ganz ein Mann des Konkreten, ein begnadeter Organisator seiner Projekte: neue Kirchen ließ er entstehen, baute ein Zentrum mit Priesterseminar, kirchlicher Kurie und Wohneinheiten für vertriebene und alte Priester, und er steht überall zur Seite, wo es in den Camps an irgendetwas mangelt. Er ist ein Mann unserer Zeit, der es auch versteht, die kurdische Regierung für die Sache der Christen zu gewinnen, die schon Millionen in seine Projekte gesteckt hat. Das jüngste Vorhaben ist die Katholische Universität Erbil. Am 8. Dezember 2015 gegründet, ist der Campus gerade im Entstehen begriffen. Nun werden zahlreiche Hektar Ackerland am Rande der Stadt verwandelt in ein Zentrum der Bildung – professionell und mit hoch gesteckten Zielen.

Es ist erstaunlich, doch beschreiben diese Eindrücke die Grundstimmung Ainkawas. Trübsal und Resignation trifft man nur selten, obschon an Gründen dafür Mangel nicht herrschte. Man hat den Eindruck, ein jeder versucht, das Beste in seiner Lage zu tun, konzise und stets das Ziel vor Augen. Von dem orientalischen Phlegma, das den Dingen ihre Patina anhaften und die Menschen gleichgültig erscheinen lässt, ist kaum etwas zu spüren. Dafür aber gibt es viele Idealisten, deren Taten es wert sind, sich dem Gedächtnis der Menschheit einzuprägen. Einer von ihnen ist P. Nageeb Michaeel OP. Er ist ein echter Büchernarr, liebt seine Handschriften wie eigene Kinder und schläft gar bei ihnen. Er war es, der den Ernst der Lage witterte und aus Mossul rettete, was einer allein retten kann: die Bibliothek der Dominikaner mit ihren kostbaren Schätzen, mit Schubkarren und einer alten Camionnette im letzten Augenblick in Sicherheit gebracht. Großartige Bauten können die Christen des Orients nicht vorweisen, keine Dome und Kathedralen wie hierzulande. Ihr kulturelles Gedächtnis lebt in den Büchern, in den Manuskripten vergangener Jahrhunderte, welche die Poesie der großen syrischen Dichter auffangen, ein Florilegium poetisch-symbolischer Theologie, wie es nur von Menschen gepflückt werden kann, für die die Schönheit der Worte Ersatz ist für den Mangel an Farbe in der Kargheit der Wüste. „Centre Numérique des Manuscrits Orientaux Dominicains“ steht stolz an der primitiven Behausung von P. Nageeb im Erdgeschoss eines unvollendet gebliebenen Hotels. Dort arbeitet er unermüdlich mit seinem Team, katalogisiert, digitalisiert und restauriert auf höchstem Niveau. Absurde Nostalgie in Zeiten größerer Not? Keinesweg. Der Mensch braucht Identität, und P. Nageeb rettet, was christliches Leben im Irak immer schon ausmachte.

So gehen auch wir den Spuren der Geschichte nach und fahren nach Mor Mattai, nach Alqosh mit seinen Klöstern Rabban Hormizd und Notre Dame des Semences, begegnen dem Archidiakon Emanuel Youkhana von der Assyrischen Kirche des Ostens in Dohuk, dem Leiter des „Christian Aid Program Nohadra-Iraq“, und besuchen auch das Heiligtum der Jesiden in Lalesh. Mesopotamien: Land der Aramäer, Assyrer, Chaldäer. Die Völker von einst gibt es nicht mehr, doch die Christen von heute lassen die Erinnerung an sie weiterleben, wenn sie sich selbst nach ihnen benennen. Anachronistisch mag man das nennen. Und auch wenns so ist, dann ist wie in allem doch auch etwas Wahres daran: dass nämlich die irakischen Christen zutiefst ihrem Lande verbunden sind, gleichsam mit ihm verwachsen seit den ersten Tagen der Christen. Sie wollen nicht bloß Ausharren an der Grenze zum Lande des Terrors. Sie wollen leben und das Leben der anderen fördern, wollen lebendiger Teil einer modernen irakischen Gesellschaft sein, Teil ihres Landes, das in seiner langen Geschichte immer schon verschiedene Kulturen, Ethnien und Religionen miteinander zu vereinen vermochte. Die neue Katholische Universität in Erbil-Ainkawa ist vielleicht das sprechendste Zeichen der Hoffnung, dass es Zukunft gibt in diesem Land – auch für die Christen.

Wenige Tage und doch eine Fülle von Eindrücken. Nur ungern bestieg ich die Maschine nach Ankara, Istanbul und weiter nach München. Gerne wäre ich noch geblieben. Die Gastfreundschaft der Iraker ist großartig, ihre Herzlichkeit anrührend, Ainkawa, ja auch Alqosh und Dohuk sind Orte, in denen man bleiben möchte. Zuhause bei Freunden, Schicksalsgenossen, denn wem könnte das Schicksal anderer Christen je gleichgültig sein. Und dennoch: Es war Mor Mattai, das sich mir am tiefsten ins Herz gegraben hat. Shawki Sham‘un, ein junger syrisch-katholischer Christ aus Baghdeda, hat uns dorthin begleitet. Auf der Terrasse des Klosters hält er mit dem Feldstecher Ausschau. Vor ihm ein Hügel und dahinter ebenjenes Baghdeda, seine Heimat. So nah, ein Fußweg von zwei Stunden vielleicht, und doch unerreichbarer als eine verlassene Insel im Ozean. Auch er gehört zu denen, die am 6. August 2014 Hals über Kopf weglaufen mussten. Wann er je seine Heimat wiedersehen wird, ist ungewiss. Und was er dann wiederfinden wird, wenn der Weg über den Hügel noch einmal frei wird… Die Christen im Irak sind traumatisiert, und doch lebt die Hoffnung in ihnen weiter. Im Diwan des Klosters begegnet uns später die Familie des Shamshono Jakob Matti. Auch sie mussten fliehen, aus Bartilla in der Ebene, und wohnen heute in Zako. Ob sie noch einmal zurückkehren oder für immer den Irak verlassen werden? Ja, sie wollen zurück, wenn ihnen internationaler Schutz gewährt wird, zurück in ihre Heimat, denn wenn sie sich erst in alle Welt zerstreut haben, ist ihre Kultur und ihr Erbe für immer verloren. Und so bleibt, wer bleiben kann. Der Bischof und die sechs Mönche von Mor Mattai harren aus am Rande des Abgrunds und strahlen die beeindruckende Zuversicht aus, dass der IS die letzten beiden Kilometer zu ihnen nie überwinden werde. Und die kurdischen Peschmerga versichern uns, sie hätten die Lage völlig im Griff.

Wir verlassen den Diwan und treten in der Kirche mit Vater Jakob an das Grab des Gründers Mor Mattai und an das Grab des großen Gregorios Bar Hebräus. Wir beten gemeinsam mit den Worten, die uns gleichermaßen vertraut sind, die Worte Jesu, in seiner eigenen Sprache: „Wa-shebuq lan chaubain wa-chtohain, aikano d-of chnan shbaqn l-chayobain…“ Welch eigenen Klang entfalten diese Worte aus dem Vaterunser an diesem Ort: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern…“ Ein anrührender Augenblick, der erklärender Worte nicht bedarf. Christliche Präsenz im Nahen Osten ist mehr als die Sache persönlichen Glaubens. Christentum ist kulturprägend und kulturbildend. Es hat die Kraft, Frieden zu stiften in einem Landstrich, zu dessen Identität immer auch religiöse Pluralität gehörte. Es gibt viele gute Gründe dafür, darauf zu hoffen, dass Christen dort weiterhin Zukunft haben werden.

Warme Worte aus dem chilenischen Winter

Der Prophet Jesaja fragt: 58.6-7

„Besteht nicht ein Gott wohlgefälliges Fasten (Handeln) darin, die Unterdrückten zu befreien, den Hungrigen dein Brot zu brechen und heimatlose Elende in dein Haus zu führen, wenn du einen Nackten siehst, dass du ihn bedeckst und dass du dich deinem Nächsten nicht entziehst?“

Und gleich fährt er fort: 58.8: „Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte. Und deine Heilung wird schnell sprossen. Deine Gerechtigkeit wird vor dir herziehen, die Herrlichkeit des Herrn wird deine Nachhut sein. Dann wirst du rufen und der Herr wird dir antworten…“

Diese Worte des Propheten Jesaja möchte ich mit euch teilen, weil sie mich seit langen Jahren begleiten und ermutigen, sie in unserer Zeit zusammen mit euch an unseren verschiedenen Orten und mit unseren Fähigkeiten und Möglichkeiten zu verwirklichen. All euer Einsatz für unsere Dienste in Chile, Bolivien und Peru betrachte ich aus dieser Perspektive, aber auch all euer Engagement für das Wohl anderer Menschen vor Ort oder in anderen Ländern, wie auch für die Flüchtlinge…

Nach meiner langen Reise durch Deutschland und Luxemburg möchte ich euch allen danken, denen ich begegnet bin, aber auch allen, die mich liebevoll in Gedanken und Gebeten begleitet haben. Voll Freude kehre ich heim, zusammen mit meinen beiden Mitarbeiterinnen Marla Solari und Dr. Ana Maria Pereira, die zur Mitgliederversammlung Cristo Vive Europa eingeladen waren. Wir fühlen uns reich beschenkt. Meine beiden Freundinnen hören nicht auf, von den wundervollen Erfahrungen während ihres Aufenthaltes in Deutschland zu erzählen. Sie waren – wie auch ich – ganz begeistert von der Cristo Vive Europa-Mitgliederversammlung. Ich kann nur staunen über den großen Einsatz des Vorstandes und die fröhliche Unterstützung der ehemaligen Freiwilligen. Auch die Migliederversammlung von Amntena war ein großes geschwisterliches Treffen.

Während meines Rückfluges überkam mich eine große Freude und Dankbarkeit. Auf Einladung des Katholikentages in Leipzig hatte ich zum Leitwort: „Seht, das ist der Mensch!“ folgendes geschrieben: „Mensch, ich und du und alle, gewünscht, gesehen und bedingungslos geliebt von Gott! Diesem Menschen – uns Menschen heute – gibt Gott die Erde in die Hände. Jesus hat uns die gute Botschaft gebracht und uns eingeladen, seine Jüngerinnen und Jünger zu werden. Er vertraut uns, dass wir von ihm lernen und mitarbeiten, allen Völkern das Reich Gottes anzukündigen und uns einzusetzen, dass es durch unseren konkreten Dienst in der Familie, in der Gemeinde, in der Arbeit, in Politik, Wirtschaft und Kultur Wirklichkeit wird.

Als sein Abbild tragen wir Gottes Liebe in unserem Herzen. Diese Liebe ist eine unendliche Energie. Durch sie können wir teilnehmen, die Erde verwandeln, Hunger, Ausgrenzung und Unterdrückung bekämpfen, Gerechtigkeit und Frieden schaffen. Ein alter Kirchenvater sagte: „Die Herrlichkeit Gottes ist, dass der Mensch lebe!“, San Oscar Romero sagte darauf: „Die Herrlichkeit Gottes ist, dass der Arme lebe!“ Dafür treffen wir uns auf dem 100. Katholikentag.

Wir sind alle Gottes Kinder. Was will ein Gott, der sich Vater nennen lässt, mehr als dass wir, seine Söhne und Töchter auf Erden, glücklich werden? Doch dieses Glücklich-Werden ist nicht von vornherein gegeben, fällt nicht vom Himmel und hat mit uns selbst und den anderen zu tun. Aber alle haben wir eine Sehnsucht danach.

Oft frage ich mich, ohne eine Antwort zu finden, warum viele Menschen – und ich kenne so viele – von klein auf ein so schweres Leben haben? Umso mehr spüre ich den liebenden Ruf Gottes in meinem Herzen, alles mir Mögliche zu tun, um den Menschen in Not beizustehen, dass sie in Würde und mit ihrer Mitarbeit ein gutes Leben oder wenigstens bessere Bedingungen erreichen. Das macht mich glücklich. Ich habe gesehen, dass auch ihr, liebe Freunde, an euren Orten auf dem gleichen Acker Gottes beschäftigt seid und ich fühle mich darin mit euch verbunden.

Nun ein paar Nachrichten: Am Freitag nach meiner Ankunft hatte ich gleich zusammen mit Gustavo und Ignacio eine Audienz bei unserem chilenischen Sozialminister, Marcos Barraza. Wir haben ihm unsere verschiedenen Dienste vorgestellt und um Unterstützung, vor allem für die Arbeit mit den Kranken im Gesundheitszentum, gebeten. Beistand, den wir dringend brauchen! Er hat uns sehr aufmerksam zugehört. Nächsten Mittwoch freuen wir uns, dass – während des Staatsbesuches unseres deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck – seine Lebensgefährtin Daniela Schadt, uns mit einer Delegation besuchen kommt, um das Gesundheitszentrum Cristo Vive und die Krankenpflegeschule kennenzulernen.

Ansonsten kann ich euch berichten, dass alle unsere Mitarbeiter sich engagiert einsetzen. Ende nächster Woche geht es wieder nach Bolivien, wo wir unsere Freunde, Familie Hildebrand Alberti und Familie Schenker von Cristo Vive Suiza, erwarten. Natürlich möchte ich dabei auch unsere Mitarbeiter in den verschiedenen Diensten begleiten. Wieder möchte ich euch allen für eure Liebe und Unterstützung danken.

Exit im Glauben: als Willibald sich für „leave“ entschied

„Niemand ist eine Insel“ – England schon, in seiner ganzen Geschichte! Und doch kamen aus England die Missionare zu uns, auf den Kontinent. Willibald und seine Gefährten sind Menschen eines „Exit“ – eines Herausgehens aus ihrem Land. Willibald hätte mit „leave“ gestimmt: mit „verlassen“, aber anders als die Brexit-Befürworter! Die eigene Heimat, die Insel verlassen, um auf den Kontinent zu gehen, um „aufzubrechen im Glauben“.

Nicht „remain“, nicht unter sich bleiben auf der Insel, war das Motiv, sondern: „leave“ – verlassen, die Heimat, die Insel, um zu evangelisieren; auf Wunsch des Papstes in unserer Heimat. Alle Missionare von der Insel – angelsächsische, irische, schottische – gaben damit dankbar zurück, was sie selber als Geschenk bekommen hatten: die beglückende Erfahrung, dass der Glaube an Christus zur Weitergabe drängt. Aufbrechen und reisen, das war damals alles andere als bequem für Willibald und Gefährten. Statt der heute schnellen Fahrt mit dem „EuroStar“ durch den Channel-Tunnel war die Überfahrt damals eher vergleichbar heutigen Flüchtlingsbooten. Doch, Willibald brach auf im Glauben, weil er eine Botschaft hatte und diese Botschaft leben wollte.

Und auch das, was er vorfand, schreckte ihn nicht: nur ein kleines Marienkirchlein fand er vor, keine Stadtverwaltung und auch kein Ordinariat! Auch das Zusammenleben mit den indigenen Stämmen, den Bajuwaren, Franken, Schwaben – es war nicht einfacher als in der heutigen transkontinentalen Völkerwanderung; die gleichen Probleme mit: Sprache, Mentalität, Kulturen; überkommene Glaubensreste, mit heidnischen Kulten vermischt. Willibald, der Missionar, er führte geduldig, über Jahrzehnte, zusammen, und machte damit deutlich: Die Kirche Jesu Christi ist kein Club von Einheimischen, die unter sich bleiben wollen. Kirche ist Gemeinschaft, über jede soziale, abstammungsmäßige Schranke hinweg! Die Kirche Jesu Christi kennt keine Fremden; in Jesus Christus sind alle zur Einheit und zur Gemeinschaft berufen. Ein Getaufter, der sich abschotten will, der sein Gruppen-Ego bedienen und sich auf eine eigene Insel zurückziehen will, der hat das Evangelium nicht verstanden. Und einer solchen Haltung muss auch jeder Verkünder des Evangeliums entgegentreten – so wie es Willibald auch bei unseren Vorfahren immer getan hat. Über vier Jahrzehnte hat Willibald hier standgehalten, er ist als erster Bischof „geblieben“.

„Remain – bleiben“: im biblischen Verständnis, besonders im Johannes-Evangelium, heißt das für jeden Getauften: bei Jesus bleiben, mit ihm in innerer Verbindung stehen – „Bleibt in mir, dann bleibe ich in Euch“!

„Aufbrechen im Glauben“: Wie steht es überhaupt mit der Bereitschaft, sich auf den Weg zu machen, ausgetretene Pfade zu verlassen? Haben wir, so sagen wache Beobachter, in unserer Gesellschaft heute nicht eine ganz andere Bewegung? Überzogene, ja, irrationale Ängste machen sich breit und führen zum Rückzug vieler in private Sicherung und Abschottung, wegen vermeintlicher Bedrohung durch alles, was fremd ist. Willibald und die Glaubensboten kamen als Fremde zu Fremden, allein mit der Botschaft, dass alle in Jesus Christus eine Gemeinschaft werden können. Eine Gemeinschaft, die Eigenheiten und Unterschiede nicht einebnet, sondern nutzen will zum Wohl aller. Aufzugeben, zu verlassen haben wir freilich, im Sinne Jesu, das Kreisen um uns selbst, um unser Ego, das sich gerne, sich selbst genügend, auf eine Insel zurückziehen möchte.

Dass diese Botschaft zu allen Zeiten verstanden wurde, das zeigt die Meditation eines Mannes, der über 700 Jahre nach Willibald ebenfalls in England lebte. Es ist der anglikanische Priester John Donne; er galt als einer der gewandtesten Prediger seiner Zeit. Er starb im Jahr 1631 als Dekan von St. Paul’s in London.

Zwei Wendungen aus dem Werk Donnes fanden Eingang in die Populärkultur, nämlich das sprichwörtliche „Niemand ist eine Insel“, das Thomas Merton und Johannes Mario Simmel als Buchtitel wählten, und „Wem die Stunde schlägt“ als Titel eines Romans von Ernest Hemingway. Beide stammen aus demselben Absatz in Meditation XVII: „Niemand ist eine Insel, in sich ganz; jeder Mensch ist ein Stück des Kontinents, ein Teil des Festlandes. Wenn eine Scholle ins Meer gespült wird, wird Europa weniger, genauso als wenn’s eine Landzunge wäre, oder ein Landgut deines Freundes oder dein eigenes. Jedes Menschen Tod ist mein Verlust, denn ich bin Teil der Menschheit; und darum verlange nie zu wissen, wem die Stunde schlägt, sie schlägt dir selbst.“ (aus: Wikipedia, John Donne).

„No man is an island – Niemand ist eine Insel, in sich ganz“ – leave or remain – verlassen oder bleiben: Willibald verließ die Insel, ging aufs Festland und blieb, bis ihm die Stunde schlug in Eichstätt. Leave and remain – loslassen, aufbrechen und bleiben: Willibald lädt uns ein, den anderen Weg zu gehen – Aufbrechen im Glauben!

Dieser Blogbeitrag basiert auf der Predigt von Generalvikar Isidor Vollnhals bei der Pontifikalvesper zum Tag der Mitarbeiter(innen) im Rahmen der Willibaldswoche am 6. Juli 2016 im Eichstätter Dom

Gebet in der Klostergemeinschaft

Vor einigen Wochen war das Glockenseil hier in der Kirche der Benediktinerabtei von Tabgha (am See Genezareth in Israel) abgerissen, so dass wir selbst die Zeit zum Gebet herausfinden mussten. Umso mehr freut es mich, wenn das Glöckchen wieder fünfmal am Tag zum Gebet ruft. Das mag von außen viel erscheinen. Ich erlebe es als einen wohlklingenden Ton, der dem Tag seine Struktur gibt und der Arbeit dazwischen ihren Wert. Das gleichmäßige Miteinander-vor-Gott-treten macht deutlich, dass hier ein Ort ist, an dem man Gott dient und vor seinem Angesicht lebt.

An die 150 Psalmen, jahrtausendealter Gebetsschatz, die hier in zwei Wochen alle gebetet werden, muss ich mich gewöhnen. In meinen Ohren klingen sie stark alttestamentlich. Mit der Zeit finde ich mich in vielen angesprochenen Lebenslagen wieder und finde nur Teile der Texte sehr befremdlich, besonders wenn man bedenkt, dass wir hier von radikalen Fundamentalisten aller Religionen umgeben sind.

Ich habe das Gefühl, dass man kein besserer Mensch wird, weil man viel betet, aber ich schätze mich glücklich, an einem Ort sein zu dürfen, an dem wir miteinander versuchen, Gott auf dieser Erde einen kleinen Anteil der Ehre zu geben, die ihm gebührt und gleichzeitig einen Beitrag für Frieden in dieser Region zu leisten.

Gebet gibt der Freundschaft, die Gott uns von sich aus anbietet, eine Antwort. Die Freundschaft zu Gott miteinander zu gestalten in allen Tagesformen, die man so durchlebt, ist ein Geschenk, das in der Form nur in Gemeinschaft möglich ist. Sie ersetzt nicht die ganz persönliche Beziehung zu Gott, die jeder für sich selber pflegen muss. Die Hinwendung zu Gott im Gebet ist wie das Einatmen, die Arbeit und Begegnung mit unseren Nächsten ist wie das Ausatmen.