Shalompreis geht an israelisch-palästinensische Familienorganisation

Am Sonntag, 24. April, wurde die Shalom-Aktion 2016 im Salesianum Rosental in Eichstätt eröffnet. Hochschulseelsorger Pater Johannes Haas zelebrierte den Eröffnungsgottesdienst, der vom Chor „Kunterbunt“ musikalisch gestaltet wurde.

Der Shalompreis wird in diesem Jahr dem Parents Circle Families Forum (PCFF) in Israel und den palästinensischen Autonomiegebieten verliehen. Mitglieder des AK Shalom für Gerechtigkeit und Frieden stellten den Arbeitskreis und das Projekt im Gottesdienst vor. Sie erinnerten auch an die am 2. März 2016 ermordete Shalompreisträgerin von 2012, Berta Cáceres. Außerdem gedachte der AK Shalom seines Gründers Thomas Beutler, der in der vergangenen Woche verstarb.

Eröffnungsgottesdienst der Shalom-Aktion 2016
Eröffnungsgottesdienst der Shalom-Aktion 2016

In einer Zeit, in der aus dem Nahen Osten fast nur Nachrichten von Krieg und Terror zu lesen sind, setzen die Mitglieder von PCFF ein Zeichen für Frieden und Versöhnung. PCFF ist eine gemeinsame israelisch-palästinensische Organisation von über 600 Familien. Alle haben im langjährigen Konflikt einen nahen Angehörigen verloren. Trotz des grausamen Verlustes eines geliebten Menschen wollen die Familienangehörigen keine Rache sondern Austausch und Versöhnung.

Der Shalompreis wird am 18. Juni 2016 in Eichstätt verliehen. Eine Israelin und ein Palästinenser werden den Preis gemeinsam entgegen nehmen.

Der Shalompeis ist einer der höchstdotierten Menschenrechtspreise in Deutschland. Im AK Shalom sind derzeit 12 Mitglieder, Studierende und Bürgerinnen aus Eichstätt. Die Arbeit ist rein ehrenamtlich, das Preisgeld kommt durch Spenden zusammen. Das Referat Weltkirche des Bistums Eichstätt, die private Oswaldstiftung und der Rotary-Club Eichstätt sind institutionelle Spender. Alles andere sind Spenden von Privatleuten. Die Preisverleihung findet am 18. Juni 2016 statt.

Wer für die Aktion 2016 spenden möchte, kann das bis September tun. Die Bankverbindung lautet: Katholische Hochschulgemeinde, Konto 1 09 62 03 20 bei der Volksbank Raiffeisenbank Bayern Mitte, BLZ 721 608 18, IBAN: DE34721608180109620320, Stichwort „AK Shalom“.

Mission: Vom Helfen zur wahrhaftigen Hilfe

Die Hitze in den vergangenen Wochen war fast unerträglich und es war schwer, erholenden Schlaf zu finden. Nicht nur die Menschen mit weißer Haut hatten ihre Probleme, auch die Einheimischen klagten über Hitzeausschlag und Abgeschlagenheit. Hier im Südsudan ist die politische Lage weiter sehr angespannt und viele Menschen hungern aufgrund der Dürre und wegen des totalen Wertverlusts der Währung. So frage ich mich als Missionar, wie man wahrhaftig helfen kann in einem Land, in dem die Hilfe pro Kopf weltweit am höchsten ist.

Eine Lesung aus der Apostelgeschichte in der vergangenen Woche hat mich bewegt, wieder einmal über das Thema „Mission“ und die Beziehung zum Nächsten nachzudenken, was für einen Missionar gar nicht so abwegig sein sollte.

Apostelgeschichte 3,1-10. In jenen Tagen, Petrus und Johannes gingen um die neunte Stunde zum Gebet in den Tempel hinauf.
Da wurde ein Mann herbeigetragen, der von Geburt an gelähmt war. Man setzte ihn täglich an das Tor des Tempels, das man die Schöne Pforte nennt; dort sollte er bei denen, die in den Tempel gingen, um Almosen betteln. Als er nun Petrus und Johannes in den Tempel gehen sah, bat er sie um ein Almosen. Petrus und Johannes blickten ihn an, und Petrus sagte: Sieh uns an!

Da wandte er sich ihnen zu und erwartete, etwas von ihnen zu bekommen.
Petrus aber sagte: Silber und Gold besitze ich nicht. Doch was ich habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi, des Nazoräers, geh umher!
Und er faßte ihn an der rechten Hand und richtete ihn auf. Sogleich kam Kraft in seine Füße und Gelenke; er sprang auf, konnte stehen und ging umher. Dann ging er mit ihnen in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott. Alle Leute sahen ihn umhergehen und Gott loben.

Sie erkannten ihn als den, der gewöhnlich an der Schönen Pforte des Tempels saß und bettelte. Und sie waren voll Verwunderung und Staunen über das, was mit ihm geschehen war.

Über Mission konnte man die vergangenen 30 Jahre bis in die jüngere Geschichte hinein kaum mehr reden. Mission war fast eine „NO-GO-Zone“. Es war gewissermaßen ein Synonym für Kulturzerstörung in den Fußstapfen des Kolonialismus. Dagegen habe ich in den vergangen Jahren bei Besuchen in Schulen und Gemeinden in Süddeutschland festgestellt, dass das Wort „Mission“ durchaus wieder „salonfähig“ geworden ist. Nicht, weil sich ein Bewusstseinswandel ergeben hätte, sondern vielmehr weil das Wort „Mission“ von verschiedenen Institutionen übernommen worden ist. Fast jede Firma spricht heute von einer Mission und jeder, der was auf sich hält, hat eine Mission.

Hier im Südsudan ist das Wort Mission allgegenwärtig. Insbesondere die UNMISS, die „United Nation Mission in South Sudan“ ist überall sichtbar. Die UN-Mission im Südsudan ist derzeit die größte MISSION der Vereinten Nationen auf der Welt. Die Herrschenden nehmen die UNMISS als Besatzungsmacht wahr, während viele von der UN direkt oder indirekt leben. Mit ungeheurem Aufwand wird versucht, die unsichere Lage im Land zu stabilisieren und über das Welternährungsprogramm (WFP) werden viele Menschen „am Leben“ erhalten, vor allem die, die in großen Lagern zusammengepfercht leben. Es ist kein Geheimnis, dass nur 20 Prozent des Aufwandes der UN bei den Menschen ankommt, der Rest bleibt im Apparat stecken. In diesem Land jagt eine Notlage die andere und man frägt sich, wo das hinführen soll?

Mission im Südsudan. Foto: Hans Eigner
Mission im Südsudan. Foto: Hans Eigner

Die Lesung aus der Apostelgeschichte definiert Mission anders, auch anders als wir Mission normalerweise definieren und wahrnehmen.
Petrus und Johannes gehen wie gewohnt in den Tempel und dort sitzt – wie immer – ein Bettler. Eine Situation, an die sich alle Beteiligten schon gewöhnt haben. Möglicherweise hat der Bettler sein Gesicht nach unten geneigt, und die Hände nach oben – er will ja auch nicht erkannt werden. Und wahrscheinlich schauen die Vorbeiziehenden auch kaum nach unten, denn in eine echte Beziehung mit dem Bettler wollen sie eigentlich gar nicht treten. Das Gebet im Tempel ist ja nur ein kleiner Teil des strengen Tagesprogramms und die Zeit läuft.
So bleibt die Situation so, wie sie ist und immer war. Auf keiner Seite ändert sich was. Der Bettler bleibt ein Bettler, der Almosengeber ein Almosengeber.

Diese Situation haben wir jetzt 33 Jahre im Südsudan. 1983 ist der zweite Krieg nach der Unabhängigkeit 1955 ausgebrochen. Seitdem wird von außen interveniert, aber immer nur halbherzig. Beide Seiten: Bettler und Almosengeber „profitieren“, aber es tut sich nichts. Hilfswerke, NGOs und Vereinte Nationen (UN) haben ihr Mandat mit einer ganzen Armee von „Helfern“ und Blauhelmen und garantieren für ein Heer von Mitarbeitern ein sicheres Arbeitsfeld.
Auf der anderen Seite haben wir ein Land, das sich leicht selbst ernähren könnte. Die Menschen aber haben sich an das „Handaufhalten“ gewöhnt und die Regierung nimmt ihre soziale Verantwortung nicht wahr. Hilfsmaßnahmen, die nicht herausfordern, bewirken meist das Gegenteil. Man gewöhnt sich an die „bequeme“ Hilfe von außen (wie der handaufhaltende Bettler) und macht auf niedrigstem Niveau weiter. So wurden über die Jahre die Menschen hier zum Objekt der Hilfe. Kaum wurden sie herausgefordert, ihr Leben selbst in die „Hand“ zu nehmen.
Ich will hier die Not der Menschen nicht kleinreden – im Gegenteil; in der Tat, die Probleme sind riesengroß und Hilfe ist notwendig und wichtig. Die Frage ist nur wie?

Die Zeilen in der Apostelgeschichte geben hier wirklich erleuchtende Hinweise und bringen einen Neuansatz in die Begegnung mit den Armen.

Petrus und Johannes machen Halt beim Bettler. Das unterscheidet sie von den Vorbeieilenden. Gold und Silber haben sie nicht und können es auch nicht anbieten. Aber im Namen Jesu können sie sprechen. Sie sprechen den Bettler also an und, man stelle sich vor, fassen ihn – einen Bettler – an. Und dann heißt es im Text so wunderbar: „Und er fasste ihn an der rechten Hand und richtete ihn auf. Sogleich kam Kraft in seine Füße und Gelenke; er sprang auf, konnte stehen und ging umher“.

Menschliche Nähe und das Vertrauen, dass Gott die bestimmende Kraft im Leben des Menschen ist, verändert auch das Leben des Bettlers. Und genau so kann und muss unsere Hilfe aussehen, die Bettler wieder zu Menschen macht, sie also aufrichtet. Wie sagt Papst Franziskus selbstkritisch: „Mir ist eine ‚verbeulte‘ Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinausgegangen ist, lieber, als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist.“ Mit anderen Worten: Mission, die direkt zum Menschen führt ist die Ursprungsidee von Kirche. Weg also vom Projekt – hin zum Menschen.

Und wir werden feststellen: Echte Hilfe verändert nicht nur den Empfänger, sondern auch den Geber.

„Amoris laetitia“: Handeln nach dem Vorbild eines Pfarrers und Hirten

Als Papst Franziskus im vergangenen November die evangelische Kirche in Rom besuchte, wurde er gefragt, wie er sein Papstamt verstünde. Franziskus stellte das Wirken des Pfarrers in den Mittelpunkt seiner Ausführungen. Auch als Papst mühe er sich, pastoral zu handeln nach dem Vorbild eines Pfarrers und Hirten. Dieser Wesenszug durchzieht auch das postsynodale Schreiben Amoris laetitia. Anliegen ist die Stärkung des schon in der Schöpfungsordnung gründenden Ehebundes zwischen Mann und Frau sowie die Entdeckung der Schönheit einer vom Glauben an Gottes Gegenwart und Sorge getragenen Liebe zwischen den Eheleuten. Gedanken, die auf wunderbare Weise und stark biblisch verankert ausgeführt sind.

Ferner offenbart das Dokument das Ziel, die in der Ehe zwischen Mann und Frau gründende Familie zu stärken und gefördert zu wissen. Es geht Papst Franziskus primär um die Stärkung dessen, was uns als Schatz von der Schrift und der Tradition der Kirche zu Ehe, ehelicher Liebe und Familie gegeben ist, nicht um Kritik oder Verurteilung der Abweichungen davon.

Der Papst lehnt die Veränderung der kirchlichen Norm ab, wie er selbst mehrfach schreibt. Auch der Vorstellung von der Gradualität des Gesetzes widerspricht er im Dokument. Andererseits lässt ihn der pastorale Wesenszug, der sein Pontifikat durchzieht, gerade auch Brüche und Abweichungen von der Norm in den Blick nehmen. Für den Umgang damit setzt er auf die Gabe geistlicher und pastoraler Unterscheidung in Einzelfällen.

Der Papst als Seelsorger will dem Einzelnen, der in einer schwierigen Situation ringt und sucht, eine Brücke hin zum Ideal bauen. In Brücken steckt oft eine innere Spannung. Die Tragfähigkeit einer solchen Brücke hängt an ihrer Verankerung. Es legt sich daher nahe, das Dokument mit seinen vielen pastoralen Impulsen nicht außerhalb des Kontextes der bisherigen Verlautbarungen der Päpste und des Lehramtes lesen und verstehen zu wollen.

Eindrücke aus dem Flüchtlingslager von Idomeni

Seit Wochen gibt es Meldungen in den Nachrichten, dass sich die Flüchtlingsströme aufgrund von Grenzschließungen auf der sogenannten Balkanroute von Nahost und Afrika nach Europa zunehmend stauen. Vor wenigen Tagen wurde die Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland bei Idomeni nahezu vollständig geschlossen. Die Folge ist, dass sich rund 15.000 Menschen vor der Grenze in einem nicht organisierten Lager aufhalten. Nicht organisiert heißt, dass es keine geordnete Lebensmittelversorgung gibt, dass keine offizielle Verteilung von lebensnotwendigen Dingen stattfindet und dass die medizinische Versorgung  nicht existiert.

Die internationale Nichtregierungsorganisation humedica hat – wie auch andere Hilfsorganisationen  – entschieden, Ärzteteams nach Idomeni zu senden. Wie dringend der Bedarf vor Ort in Griechenland ist zeigt die Tatsache, dass es akzeptiert wird, dass ich nur eine Woche in den Einsatz fahren kann – normalerweise sind keine Einsätze unter zwei oder drei Wochen möglich. Ich hätte auch nie gedacht, dass ich meine Erfahrungen aus den Einsätzen in Afrika und Asien irgendwann mal auf europäischen Boden anwenden sollte und könnte.

Bei der Ankunft im Lager direkt vom Flughafen aus gehe ich durch das Areal, um mir einen ersten Eindruck zu verschaffen. Die Zelte stehen zwischen den Bahngleisen, auf den Bahnsteigen, auf jedem denkbaren freien Fleck, direkt aneinander. Dazwischen brennen oft die stark rauchenden Feuer, auf denen Wasser gekocht oder auch Essen zubereitet wird. Es sind viele hunderte von Zelten, meist kleine Campingzelte, gelegentlich erweitert mit Decken und Folien. In bestimmten Bereichen stehen auch Großzelte mit Betten, die von Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen, UnHCR, Rotes Kreuz und anderen Organisationen aufgebaut wurden. Hier sind auch „sanitäre Anlagen“ vorhanden, die von allen benutzt werden: rund 30 Dixi-Toiletten an einer Stelle, daneben die Waschcontainer, etwas weiter unten ist ein (neu erstandener?) See, auf dem viel Unrat schwimmt. Man hat das Gefühl, dass die Toiletten auch nicht immer ihr „Dichtigkeitsversprechen“ halten und manchmal etwas in den See ablassen. An mehreren Stellen sind solche Plätze aufgebaut. Auch wenn wirklich täglich zweimal versucht wird, diese Toiletten zu reinigen, bei der Vielzahl der Menschen reichen sie einfach nicht aus und die Verschmutzung der Häuschen passiert ziemlich schnell immer wieder.

An der zentralen Stelle, neben dem Lager der griechischen Polizei, ist ein mit Drahtverhau abgeschirmter Gang, der direkt zur Essensausgabe führt. Wenn hier die Uhrzeit gekommen ist, ist es schon ein stark gewöhnungsbedürftiges Bild, wenn die dichten Menschmassen in diesem Käfiggang stehen, um zu ihrem Essen zu gelangen. Aber es ist nicht sinnlos. Vor Kurzem wurde die Essensausgabe an einem Tag ausgesetzt, weil vorher die Essensverteiler – freiwillige Helfer – von einer kleinen Gruppe militanter Flüchtlinge mit dem Essen beworfen wurden. Sie wollten Forderungen mit einem Hungerstreik durchsetzen und mit dieser Aktion alle anderen zum Mitmachen zwingen. Andere solche Aktionen sind zum Beispiel das Absperren der Autobahn. Das alles wird natürlich immer medienwirksam inszeniert. Wie übrigens die Presse sehr oft hier vertreten ist. Praktisch jeder von uns wird von Journalisten angesprochen, zu einem Interview gebeten, telefonisch oder persönlich. Wir versuchen unsere Arbeit und Motivation zu erklären und enthalten uns jeder politischen Stellungnahme.

Politik – auch für uns ist es nicht so ganz einfach, hier zu arbeiten: Es dauert einige Tage bis wir von der inoffiziellen Duldung dann die Erlaubnis der griechischen Ärztekammer haben, hier als mobile Klinik im Lager auf griechischen Boden arbeiten zu können.

Unsere Arbeit: Jeden Morgen fahren wir über die griechisch-mazedonische Grenze zum Lager. In den griechischen Dörfern und Städtchen in der Umgebung des Lagers finden wir einfach keine Unterkunft. Die Bereitschaft, Unterkünfte zu vermieten ist sehr stark eingeschränkt oder die Preise sind massiv überteuert für ziemlich heruntergekommene Häuser. Also sind wir in einer mazedonischen Unterkunft kurz hinter der Grenze. Wir holen aus einem der anderen Lager unseren Übersetzer ab, fahren anschließend zu unserem Standplatz am Bahnhof und bauen aus dem Sprinter heraus unser Vorzelt auf. Hierin befinden sich eine der Behandlungsplätze und die Medikamentenausgabe zusammen mit dem Wundbehandlungs- und Versorgungsplatz für die Verbände und Ähnliches. Im Wagen ist der zweite Behandlungsplatz. Ein Arzt und der Übersetzer sind immer beim Patienten und versuchen, so gut wie eben möglich, eine Diagnostik zu erstellen und mit den vorhandenen Mitteln eine adäquate Therapie durchzuführen. Natürlich sind da Grenzen gesetzt. Die eventuell empfohlene Krankenhausbehandlung wird in den allermeisten Fällen nicht durchgeführt – aus Geldmangel, aus Angst nicht zurückzukommen oder auch anderen für uns nicht nachvollziehbaren Gründen.

Wir sehen die üblichen grippalen Infekte, Bronchitiden und Lungenentzündungen, Sonnenbrände, Verbrennungen von den offenen Feuern, Erschöpfungszustände, aber auch chronischen Erkrankungen (bei denen die benötigten Medikamente ausgehen), Kriegsfolgen und akute Verletzungen von Rücktransporten aus mazedonischem Gebiet, wo Kontakt mit der dortigen Polizei stattgefunden hat. Vom 27 Tage alten Säugling bis zum 85 jährigen Opa – auf alle Altersklassen sind wir eingestellt. Bis zu 33 Grad hatte es schon, alles wird staubig und der Helikopter, der vormittags und nachmittags teilweise stundenlang über dem Lager kreist, führt nicht unbedingt zu einer ruhigen Atmosphäre. Ebenso die Tatsache, dass nicht klar ist, wie lange das Lager überhaupt noch besteht – morgen schon die Räumung oder in den nächsten Tagen – oder überhaupt nicht. Eine Räumung würde wohl mit ziemlicher Unruhe einhergehen – es bleibt abzuwarten und spannend.

Die sieben Quellen von Tabgha – Teil 3

Gemeinschaftliches Leben.

Basis des gemeinschaftlichen Lebens ist eine fundierte spirituelle Tradition mit Regeln und Strukturen, die man spürt, auf die man sich einlässt und die unsichtbar wirken. Wie ich es im Benediktinerkloster Tabgha erlebe, kümmert man sich nicht so persönlich um den Einzelnen, sondern gibt jedem Lebensraum, Aufgaben und die Möglichkeit, sich und seine Gaben einzubringen.

Es kommt auch zu Mängeln und Verletzungen, die alle spüren und miteinander aushalten, aber durch das gemeinsame Leben stabilisiert sich das etwas. Besonders das Zusammenkommen fünfmal am Tag vor Gott bewirkt eine eigene Dynamik, gibt manchen Psalmen Aktualität. Man kann sich mittendrin einsam fühlen, aber man ist es nicht wirklich. Das gleichen Einzelne durch persönliche Gesten aus. Die Steuerung gemeinschaftlicher Anlässe stabilisiert den Einzelnen in der Gesamtheit, die stets im Wandel ist. Leitung spielt eine starke Rolle, denn sie ist für die Gesamtheit und für den Einzelnen verantwortlich.

Die Klostergemeinschaft von Tabgha mit Abt Gregory aus Jerusalem und den Volontären, Juni 2015. Foto: Andrea Krebs
Die Klostergemeinschaft von Tabgha mit Abt Gregory aus Jerusalem und den Volontären, Juni 2015. Foto: Andrea Krebs

Als Teil des gemeinschaftlichen Lebens bringe ich mein Wesen, meine Zeit, meinen menschlichen Umgang, meine Gaben, Fehler und Verletzungen ein und präge das Miteinander. Deshalb ist ein Versöhntsein mit sich selbst und Heilwerden in Christus und durch andere wichtig, weil ich als Teil das Ganze mitpräge.

Das gemeinschaftliche Leben hier unterscheidet sich aus meiner Perspektive schon sehr vom Familienleben, wo man offener und direkter kommuniziert. Besonderer Teil des gemeinschaftlichen Lebens hier ist, dass Tabgha Priorat von der Dormitio in Jerusalem ist und viel Austausch in beide Richtungen stattfindet. Es ist ein richtiges Geschenk nach Jerusalem zu kommen und dort zu Hause zu sein. Diese Erfahrung haben meine Kinder auch gemacht.

Kann denn eine Mutter ihre Kinder vergessen?

Die Frage steht immer im Raum: Was sagen deine Kinder, dass du so lange fort bist? Und oft höre ich im Geist mit, was nicht ausgesprochen wird. Selbstverständlich haben wir Sehnsucht! Alle Kinder waren schon zu Besuch, sind berührt von dem Ort, zum Teil etwas verunsichert von den strengen, klösterlichen Strukturen. Sie finden mich hier in einem anderen Kontext.

Aber wir sind uns einig: Den Mut, hierher zu gehen, alles zu verlassen, um vor Gott meine Trauer auszuhalten und in ihm einen neuen Lebensabschnitt zu begründen, ist eine originelle und konsequente Fortführung dessen, was ich mit meinem Mann gelebt habe. Wir wünschen uns wieder örtliche Nähe, wenn ich auf neue Weise gefunden habe, was mir verloren ging.

Mein Hiersein bereichert in einer besonderen Art unsere Familienbande, ist wie eine Horizonterweiterung mit der Gewissheit: Die Mama ist an einem Heiligen Ort. Was mich sehr gefreut hat, als ich kurz in Deutschland war: Meine Enkelkinder haben kein bisschen gefremdelt und durch die neuen Medien sind wir viel in Kontakt.

Mit mancher Träne ließ ich die Kinder ihre Wege gehen, als es an der Zeit war und bin dankbar über die Freiheit, die sie mir nun zurückgeben. Unsere Familiendynamik ist: lebendig, spontan, interessiert aneinander, füreinander da und in Freiheit gestaltete, herzliche Liebesbande.

Die sieben Quellen von Tabgha – Teil 1

Die sieben Quellen von Tabgha – Teil 2