Die sieben Quellen von Tabgha – Teil 2

Die Trauer klopft an die Tür.

Entkommen kann man ihr nicht, besonders hier, wo man ohne große Ablenkung sich selbst ausgesetzt ist. Mal streift sie einen wie eine Katze, mal steht sie an der Tür wie eine Bettlerin und will herein. Sie gibt sich nur selten ehrlich zu erkennen. Würde sie sichtbar kommen, könnte ich sie erkennen. Aber sie wird ausgelöst von mitmenschlichen Banalitäten, die die innere Stabilität ins Wanken bringen und unerwartet einen dunklen Raum eröffnen. Da steht man nun, leicht geneigt sich dem Selbstmitleid zu ergeben.

Aufgewülte Seelenstimmung. Foto: Andrea Krebs
Aufgewülte Seelenstimmung. Foto: Andrea Krebs

Was ich lerne: Der Trauer oder Traurigkeit Aufmerksamkeit zu schenken, sie auszuhalten und zu versuchen, herauszufinden, was sie mir eigentlich sagen will. Denn sie hat eine Botschaft, keine „Weltschmerz-leg-Dich-ins-Bett-Botschaft“, sondern sie spricht von Realitäten, die angenommen werden wollen: Vom Alleinsein, von der Einsamkeit, dem Übriggebliebensein, von verloren gegangenem Lebenssinn. Sie fragt mich, wer ich eigentlich bin, wozu ich hier bin, was ich eigentlich auf der Welt will. Unter ihrem Mantel bringt sie dunkle Gefühle mit, die lahm legen wollen. Ich lerne, ihr nicht die Tür zuzuschlagen, sondern mit der Trauer zu kooperieren, sie quasi auf einen Kaffee einzuladen, ihr Raum und Zeit zu geben. Ich schaue sie an, ich höre ihr zu, lasse mich aber nicht gängeln, von dem was sie im Koffer hat und auspacken will: Selbstmitleid, Beschuldigung, Ärger, Wut.

Weil sie immer wieder kommt, in verschiedenen Verkleidungen. lerne ich, ihr aktiv und kreativ zu begegnen: Ich stehe auf, koche einen Tee, gehe raus, schwimme, bete, nähe, spreche mit jemanden und sage ihr auf diese Weise: auf Wiedersehen (für heute). Ich hoffe, dass ich mit der Zeit ihre Botschaft immer besser verstehe und in Liebe die Wahrheit annehmen kann: Dass ich einsam, allein und manchmal übrig bin, anders als alle um mich herum.

Ich weiß: Gottes Liebe umfasst mein Sein und seine persönliche Liebe und Nähe füllt mit Leben, wo ich Mangel spüre. Ein Hauch seiner Liebe langt, dass ich wieder fröhlich werde. Und dann ist sie auch wieder weg, die Trauer, wie ein Blütenblatt im Wind.

Soror in Seculo (Schwester in der Welt)

Im „liturgischen“ Tabgha lebe ich mit fünf Mönchen, oft kommen die Brüder von Jerusalem, dann wird es im Oratorium ganz dunkel wegen der schwarzen Habite. Am Gottesdienst um 7 Uhr nehmen die sechs philippinischen Schwestern teil. Besucher sind in der Mehrzahl Priester und Ordensleute, besonders in der Winterzeit, in der der Gastbetrieb eher ruht. Oft bin ich die einzige „Andere“, was gelegentlich ein deutliches Unbehagen in mir auslöst. Denn in der katholischen Kirche versteht man unter besonderer Christus-Nachfolge gern, Priester oder Ordenschrist zu sein. Dass die Ehe ein sehr lebendiger Ort gestalteter Liebe zu Gott und dem Nächsten sein kann, der dem Leben dient, indem man der Welt geliebte Menschen schenkt, die die Zukunft mittragen, ist eher unterbelichtet. Ich schätze es sehr, dass es Klöster gibt und achte jeden, der sein Leben auf diese besondere Weise Gott zur Verfügung stellt, muss aber für mich selbst immer wieder feststehen darin, dass ich als getaufte Christin, quasi „Soror in Seculo“, als „Schwester in der Welt“, wie es die Heilige Elisabeth ausdrückte, Gott meine Antwort auf seinen Anruf gebe. Ich führe keinen Titel, erfahre keine Ehrung aufgrund meiner äußeren Erscheinung, bin einfach nur das, was ich bin. Bei Jesus selbst bin ich in bester Gesellschaft, er war auch „nur“ er selbst. Nicht, dass mich irgendjemand jemals zweitklassiger behandelt hätte. Im Gegenteil, ich empfinde Respekt, Achtung und Wohlwollen. Es ist einfach das Dasein in einem anderen Umfeld, das mir helfen kann, herauszufinden, was ich bin und was nicht. Bisher habe ich herausgefunden, dass ich eine vollwertige Christin ohne Ordensstand bin:)

Arabische Freunde. Jüdische Freunde.

Man darf sie leider nicht in einem Satz zusammenfassen, das geht nicht. Ich liebe sie von Herzen, die arabischen Mitarbeiter, meist Christen, die hier ihre Arbeit tun: Zuhad, und Rodaina in der Küche, Aosayma und Adel in Laden und Verwaltung, Nizar, der weit mehr ist als ein Hausmeister und außerdem fließend deutsch spricht, Munir und Murat im Kiosk, die Mädels im Souvenirshop. Von manchen weiß ich, wo und wie sie wohnen, kenne ihre Familien und weiß um die warmherzige, liebenswürdige Gemeinschaft in ihren Familien. Man meint, der halbe Ort sei miteinander verwandt. Der größte Teil aller Freizeit ist den gegenseitigen Familienbesuchen gewidmet.

Wegbereiter. Foto: Andrea Krebs
Wegbereiter. Foto: Andrea Krebs

Die Zusammenarbeit empfinde ich sehr angenehm, wir kochen verschieden, lernen gern voneinander, arbeiten aufeinander zu und schmecken gegenseitig unsere Gerichte ab. Dabei bleiben wir fröhlich verschieden. Habe ich mal ein Problem und spreche mit Nizar oder Zuhad, so wird es schnell verschwindend klein und wir lachen zusammen. Ein Tipp von Zuhad: “Don’t think about it, it was yesterday, that is past!” Man sitzt hier gern und oft zu einer arabischen Kaffeepause zusammen und erzählt sich leichte und lustige Banalitäten. Diese Kaffeepausen sind nach außen vielleicht Zeitschinder, haben aber eine hohe mitmenschliche Qualität und stabilisieren Gemeinschaft.

Auch in Beith Noah habe ich bei den kleinen Nähprojekten mit den Behinderten wunderbare engagierte arabische und jüdische Menschen kennengelernt, die sich mutig und mit Hingabe dafür einsetzen, dass Menschen mit Behinderung wertvolle Menschen sind mit einem Recht auf Lebensqualität und Förderung. Dabei sind die religiösen Hintergründe ganz unterschiedlich. Tabgha ist einer der wenigen Orte des Landes, wo die Verschiedenheit respektvoll gelebt wird.

Ich mag die Menschen hier gern, diese unbeschwerte und vom Herzen gesteuerte Mentalität. Mit einer liebenswürdigen, jüdischen Freundin und ihrem Mann durch den – für unsere Verhältnisse – schmutzigen Suk zu gehen und im quirligen Durcheinander energisch-fröhlicher Verhandlungen für einen guten Preis einzukaufen, und danach zu einem Treffen jüdischer Künstlerinnen zu gehen, die miteinander malen, macht mich glücklich.

Die sieben Quellen von Tabgha – Teil 1

Die sieben Quellen von Tabgha – Teil 3

Einfach und achtsam leben – Freiwilligendienst in Südfrankreich

Die Arche „Borie Noble“ ist eine Lebensgemeinschaft, die es sich zum Ziel gesetzt hat, einfach und gewaltfrei zu leben. Sie liegt in Südfrankreich, 100 Kilometer von Montpellier entfernt, ein wenig in den Bergen. Neben dem Gemüsegarten und dem Bauernhof mit Kühen gibt es eine Hühnerzucht, eine Bäckerei und eine Käserei. Die Arche-Gemeinschaft besteht seit den 60er Jahren, Spiritualität und Religion spielen im Alltag eine wichtige Rolle.

Der Tag beginnt und endet zum Beispiel mit einem gemeinsamen Gebet, im Sommer im Freien, im Winter im Gemeinschaftssaal. Nach dem Morgengebet um 8.30 Uhr werden die Arbeiten für den Tag verteilt, wobei jeder Tag mit den „pluches“ (von frz. Eplucher = schälen) beginnt. Das bedeutet, dass alle Freiwilligen gemeinsam in der Küche das Gemüse fürs Mittagessen schnippeln, was in der Regel ziemlich gesellig ist. Wenn alles vorbereitet ist, bleibt der Koch des Tages alleine in der Küche, und die anderen Arbeiten beginnen. Um 13 Uhr gibt es Mittagessen, wenn das Wetter und die Temperaturen es zulassen, draußen unter einer wunderschönen, uralten Kastanie – ansonsten in der Küche. Nach der Mittagspause, in der ich hier tatsächlich des Öfteren Siesta halte, werden die Arbeiten des Morgens für etwa zwei Stunden fortgesetzt. Nach ein wenig freier Zeit wird der Tag mit dem Abendgebet um halb acht offiziell beendet. Im Sommer wird abends draußen um ein Feuer gebetet, was ich sehr genossen habe – und worauf ich mich jetzt schon wieder freue!

Vormittags wird hier einmal die Stunde die Glocke geläutet zum „rappell“, das bedeutet so viel wie Erinnerung, „sich-ins-Gedächtnis-rufen“. Dafür legen alle für einen Moment die Arbeit wieder, es wird sehr still, und jeder kommt zur Ruhe und besinnt sich seiner selbst und seiner Umgebung. Diese Momente sind mir hier bald sehr wertvoll geworden.

An diesen Tagesrhythmus hatte ich mich nach etwa einem Monat sehr gut eingewöhnt. Dieselbe Zeit habe ich gebraucht, um mich körperlich an das Essen, das Klima und die Arbeit zu gewöhnen. Während ich im ersten Monat oft sehr müde war, hatte ich danach neue Kraft. Das war wohl auch der Moment, an dem ich das Gefühl hatte, tatsächlich angekommen zu sein.

Der Rhythmus der Borie Noble

Auch die Woche und das Jahr haben hier einen besonderen Rhythmus. Freitag ist hier beispielsweise traditionell ein Tag der Stille und des Fastens. Das habe ich schon ein paar Mal zum Anlass genommen, mir einen Schweigetag zu machen – eine sehr interessante und gute Erfahrung. Samstag ist ein kleiner Festtag, mittags gibt es Pizza, Apfelsaft und Wein (alles keineswegs selbstverständlich hier) und abends wird getanzt, Kreistänze aus aller Welt. Sonntag ist der einzige Tag der Woche, an dem kein einziges Mal die Glocke geläutet wird, wie sonst zum Essen, zu den Gebeten, zum „rappell“. Das heißt, es gibt keine einzige fixe Zeit, keinen vorgegeben Rhythmus. Nach der Woche mit ihren vielen festen Zeiten genieße ich es sehr, einfach zu tun, wonach mir der Kopf steht. Außer wenn man melken oder gießen muss, ist der Sonntag hier nämlich auch tatsächlich frei, ganz anders als in den letzten Schuljahren, wo es immer noch etwas zu lernen oder vorzubereiten gab. Das ist fantastisch!

Der Jahresrhythmus wird gegeben durch die vier großen Feste, die zu den Sonnwenden oder Tag-und-Nacht-Gleichen stattfinden: Weihnachten, Ostern, St. Jean (also Sankt Johannes) und St. Michel (also Sankt Michael). Die Feste markieren auch die Jahreszeiten. St. Michel wurde drei Wochen nach meiner Ankunft gefeiert, als Ende des Sommers und Erntedank. Dabei sind alle weiß angezogen, es gibt Texte, Lieder, Gebete, eine Zeremonie, viel gutes Essen und natürlich Tanz. Im Advent gab es jeden Samstagabend eine kleine Feier, bei der jede Woche ein Stück mehr die Krippe dekoriert wurde.

Meine Arbeit

Bis in den Herbst gab es viel Arbeit im Garten, da ich mitten in der Erntezeit angekommen bin. Das große Holzmachen im Wald beschäftigte uns im ganzen Winter. Im Moment gibt es vor allem viele kleine Dinge in der Küche und im Haus zu tun. Inzwischen ist es meine feste Aufgabe, einmal die Woche für die Gemeinschaft zu kochen – das ist ziemlich abenteuerlich für mich, schließlich sind wir meistens um die 25 Personen. Es macht aber auch wahnsinnig Spaß und ist meine zweitliebste Arbeit hier. Meine Lieblingsarbeit ist allerdings das Melken, was ich vier Tage in der Woche im Wechsel mit Rebecca, meiner Mit-Freiwilligen, mache. Dabei finde ich es schön, dass man die Kühe tatsächlich im Laufe der Zeit kennen und lieben lernt und eine gewisse Beziehung zu ihnen aufbaut. Außerdem helfe ich Salate und Tomaten in den Gewächshäusern aufziehen.

Bei all den Arbeiten hier lerne ich unglaublich viele neue, nützliche Fertigkeiten, das macht mir sehr viel Freude. Rebecca und ich haben im Gang zwischen unseren Zimmern eine Liste hängen, auf die wir alles schreiben, was wir hier zum ersten Mal machen – sie beinhaltet zum Beispiel Kühe von Hand melken, Sauerkraut kochen und einen Tag schweigen – die Liste ist schon fast zwei Seiten lang. Und sie ist noch lange nicht beendet!

Meine Freizeit und meine Mitmenschen

Meine Freizeit, also Abende und Wochenenden, verbringe ich mit den anderen „stagiaires“, den Freiwilligen. Außer einem Trupp von momentan sechs „longstagiaires“, die länger bleiben, gibt es hier auch viele Besucher, die nur zwischen einer Woche und einem Monat hier sind. Daraus ergeben sich immer wieder interessante Gespräche und Geschichten. Der schnelle Wechsel an Menschen kann aber auch ermüdend sein. Umso wichtiger ist die Gemeinschaft mit denjenigen, die länger hier leben. Die „engagées“, die festen Bewohner, treffe ich vor allem beim gemeinsamen Mittagessen, bei den Gebeten und bei gemeinsamen Arbeiten. Entgegen meiner Befürchtungen im Vorfeld laufe ich in keiner Weise Gefahr, einsam zu sein. Es fällt mir im Gegenteil manchmal schwer, mir Zeit für mich zu nehmen.

Im Alltag spreche ich viel Deutsch (mit Rebecca), Englisch (mit Freiwilligen, die kein Französisch können) und Französisch, was zu Beginn ein großes Chaos in meinem Kopf ergeben hat. Inzwischen habe ich gelernt, schnell zwischen den drei Sprachen zu wechseln. Allerdings gibt es vor allem in Französisch auch noch viel Spielraum nach oben, und ich lerne jeden Tag dazu.

Die Borie Noble liegt sehr abgeschieden, umgeben von wunderschöner Natur, die ich in meiner Freizeit gerne erkunde. Dabei findet man immer wieder tolle Trampelpfade und Plätze, wie ein kleiner Wasserfall oder die Quelle, aus der die Borie Noble ihr Wasser bekommt. Die Kehrseite der Abgeschiedenheit ist, dass man nur schwer in die nächste Stadt kommt. Ich fahre oft am Samstag mit dem Bus dorthin. Das ist dann auch die Gelegenheit, Internet und Handy zu benutzen – hier habe ich weder W-LAN noch Handyempfang. Das macht zwar die Kommunikation mit alten Freunden und der Familie schwieriger, ist aber ansonsten sehr angenehm. Ich merke, wie viel mehr ich im Hier und Jetzt lebe, seit ich so wenig Technik nutze.

Sieben Monate USA: Blizzard und Wahlkampf

Ich kann gar nicht glauben, wie schnell die Zeit vergeht. Ich bin schon mehr als sieben Monate in den USA. In der Schule ist die Zeit immer so langsam vergangen, sogar ein einziger Schultag kam mir wie eine Ewigkeit vor. Hier habe ich bereits viel erlebt und wunderbare Menschen getroffen. Ich liebe es einfach hier zu sein.

Mitte Januar habe ich zum ersten Mal einen Au-Pair-Abschied miterlebt: Drei meiner engen Freunde sind innerhalb von einer Woche zurück in ihre Heimat gegangen. Das war sehr hart für mich… Ich wusste, dass neue Au-Pairs als Ersatz kommen, aber wir waren befreundet und haben uns jeden Tag getroffen. Die gute Nachricht ist, dass die neuen Au-Pairs auch sehr nett sind. In meinem Freundeskreis sind wir jetzt zwei Deutsche und vier Südafrikanerinnen. Zusammen haben wir unter anderem einen Tagesausflug zu den Great Falls (Montana) unternommen, um uns besser kennen zu lernen. Stundenlang sind wir am Potomac-Fluss entlang gelaufen und haben jede Menge Bilder gemacht.

Zwei Wochen später hatten wir einen Blizzard. Der Wintersturm „Jonas“ brachte Unmengen von Schnee an die US-Ostküste. Am Anfang dachte ich, dass die Leute hier übertreiben, aber Washington DC ist für Schneefall schlecht gerüstet. Einmal hat es geschneit, der Schnee ist noch nicht einmal liegen geblieben und die Schule für meine Gastkinder begann mit zwei Stunden Verspätung – unglaublich! Der Supermarkt um die Ecke war halb ausgeräumt, Brotregale waren leer, Gemüse ausverkauft, sogar Mikrowellenpopcorn und heiße Schokolade gab es nicht mehr. Am Freitagabend wurde erwartet, dass der Blizzard am schlimmsten ist, deshalb hatten meine Gastkinder schulfrei. Ich fand das komisch, weil es erst gegen 16 Uhr angefangen hat zu schneien.

Als ich am Samstagmorgen aufgewacht bin, habe ich erst gesehen, wieso man so übervorsichtig war: Es waren etwa 85 cm Schnee gefallen und es hat immer noch geschneit. Das hätte ich nie und nimmer gedacht. Bei so einem Wetter bleibt man natürlich nicht daheim, wir sind alle Schlitten fahren gegangen. Durchgefroren und mit nassen Klamotten gingen danach zu einer Freundin, um uns aufzuwärmen. Das Schlittenfahren haben wir an den folgenden Tagen wiederholt. Besonders meinen südafrikanischen Freunden gefiel der Blizzard, denn es war das erste Mal, dass sie Schnee wirklich miterlebt haben.

Am Valentinstag bin ich mit zwei Freundinnen nach Chicago geflogen. Wir haben dort das kälteste Wochenende des Jahres erwischt (-18 Grad). Im Schichtenoutfit besichtigten wir die Stadt. Mein Highlight war die Aussicht aus einem Restaurant im obersten Stock eines Wolkenkratzers auf Chicago und den Michigansee.

Mitte Februar besuchte ich einen Wochenendkurs über die Wahlen und das Wahlsystem in den USA. Bei mir blieb vor allem der Eindruck hängen, dass das System des Wahlkollegs unfair ist. Die US-Bürger wählen den Präsidenten nicht direkt, sondern über 538 Wahlmänner. In diesem sogenannten „electoral college“ ist jeder einzelne Bundesstaat vertreten – wie stark, das hängt von seiner Präsenz in den beiden Kammern des US-Kongresses ab. Das Minimum liegt bei drei wie im Falle von Alaska. Die meisten Wahlmänner und -frauen hat zurzeit Kalifornien mit 55, gefolgt von New York (31) und Florida (27).

Normalerweise sollten die Wahlmänner- und -frauen nach dem Wunsch ihres Bundestaates wählen, aber das Komische ist, dass sie das nicht müssen. Das ganze Prinzip geht zurück auf die Anfängen der USA, als es noch kein Telefon oder Internet gab und Informationen mittels Brief und Pferd übermittelt wurden. Geschockt hat mich vor allem zu hören, dass man eigentlich nur 21,91% der Wählerstimmen braucht, um die Mehrheit im Electoral College zu erlangen und damit die Präsidentschaftswahl zu gewinnen. Denn das Prinzip lautet „The winner takes it all“ (Der Gewinner bekommt alles). Das heißt: Die Wahlmänner-Stimmen des jeweiligen Staates werden komplett jenem Kandidaten zugeordnet, der im Staat die meisten Wählerstimmen erhalten hat.

Die beiden stärksten Kandidaten zurzeit sind die Demokratin Hillary Clinton und der Republikaner Donald Trump. Clintons Kampagne wendet sich gegen das transpazifische Freihandelsabkommen und die XL-Pipelines (die Öl aus Teersanden von Kanada nach Texas pumpen sollen) und sie will die Steuern auf Kapitalgewinne erhöhen. Trump hingegen will die Steuern reformieren auf 0%, 10%, 20% und 25%. Er will Behandlungsprogramme für Menschen mit psychischen Problemen als Reaktion auf Waffentragödien erweitern und eine Mauer zur mexikanischen Grenze bauen.

Meine Professorin beim Wochenendkurs meinte, Trump sei ein nicht ernstzunehmender Kandidat. Sie ist Freiwählerin, also weder Anhängerin der Republikaner noch der Demokraten, und achtet mehr auf die Wahlprogramme der Kandidaten.

Das war es für den Moment aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Mir geht es sehr gut und ich freue mich auch schon auch den bevorstehen Besuch meiner Mutter und meines Bruders. Ich vermisse sie sehr!

Die sieben Quellen von Tabgha – Teil 1

Die Fastenzeit 2016 hat bereits Halbzeit. Am Aschermittwoch wurden wir einmal mehr erinnert, wie endlich das Leben ist.

Das Ambiente, in dem wir uns bewegen, weist uns täglich auf den Brandanschlag vom Juni 2015 hin. Der grobe Schmutz ist weggekehrt, aber das verbrannte Atrium, die verkohlte Klostertüre und die Absperrungen erinnern uns täglich daran. 1400 Jahre zuvor haben die Perser die damalige Kirche vor Ort in Schutt und Asche gelegt. 1300 Jahre war hier Stille, die Tiere weideten auf den Wiesen, das Wasser der sieben Quellen ergoss sich über das Land… Bis eines Tages Archäologen den fast gänzlich erhaltenen Mosaikboden der alten Kirche fanden. Nach langen Jahren mühsamer Zusammenarbeit entstand wieder ein Pilgerort, von dem Tausende Menschen beseelt von der Erfahrung der Nähe zum Evangelium in ihre Heimat zurückkehren. Als Ludger Bornemann, der Leiter des Pilgerhauses, wieder einmal davon sprach, wachte etwas in mir auf: Schätze suchen, da wo man ist … und fündig werden!

Eine der sieben Quellen, die auf dem Gelände des Benediktinerklosters Tabgha entspringen. Foto: Andrea Krebs
Eine der sieben Quellen, die auf dem Gelände des Benediktinerklosters Tabgha entspringen. Foto: Andrea Krebs

So lasse ich Sie nach längerer Zeit Anteil nehmen an sieben Schätzen, die ich in Tabgha finde, in Anlehnung an die sieben Quellen, die hier auf dem Gelände entspringen. Sie werden in drei Teilen zu lesen sein.

Dasein

Wenn ich hier etwas gelernt habe und es immer wieder mühsam lerne, dann ist es die Antwort auf die Fragen: Wer bin ich? Was tue ich hier? Was ist meine Bestimmung? So viel wie hier habe ich mir bisher nicht die Sinnfrage gestellt, weil ich mein Leben als sinnvoll erfahren habe: mein Dienst in der großen Familie, als Religionslehrerin und die Begleitung meines Mannes in langen, leidvollen Phasen der Krankheit.

Aber hier, allen Verantwortlichkeiten enthoben, stehe ich mit leeren Händen da.

Anfangs musste ich lächeln, dass ich hier nähen und kochen soll, weil das ein Teil meines Lebens ist, den ich nicht unter Arbeit abrechnen würde. Wenn ich aber 6-7 Stunden im schönsten Nähatelier meines Lebens in Stille verbringe, greifen alle möglichen Gedanken an und versuchen zu verwirren. Bin ich echt aufgebrochen, habe so viel hinter mir gelassen, um zwischen Ordensleuten zu leben, zu nähen und zu kochen?

Es ist mir eine wichtige Lektion geworden: Das Leben besteht nicht aus dem, was ich tue. Mein Leben will eine liebevolle Antwort auf den Anruf Gottes sein, ihm schenke ich mein Vertrauen im Hier und Jetzt und stehe ihm zur Verfügung. Dass ich mit meinen Fähigkeiten dazu beitragen kann, dass der Gemeinschaft gedient ist, ist schön, macht mich aber nicht aus. Mein Dasein in Ihm soll ein fruchtbares Geschenk sein. Dies ist ein unsichtbares Geschehen. Wir Menschen haben es gern, wenn wir sehen, was wir tun. Ich kann mich nicht beschweren: Bei dem, was ich nähe, bleibt so manches sichtbar. Dieses Dasein vor Gott in Liebe und für die Menschen, ist im Grunde das, was mein Mann mir in den langen Phasen der Krankheit vorgelebt hat.

Ich glaube, deshalb sind die Klöster Kraftorte, weil Menschen sich dieser unsichtbaren Fruchtbarkeit überlassen und sich Gott in Freud und Leid zur Verfügung stellen, versuchen, in seiner Gegenwart zu bleiben.

Kreativität

Ob in der Küche, in der Nähstube oder bei allen Ideen, die ich einbringe, erfahre ich stets Offenheit und Gestaltungsfreiraum. Ich bin eingebunden in das benediktinische Regelwerk, das sehr strukturierend und ordnend ist, bleibe aber frei, mich kreativ auszudrücken und zu lernen.

Seidenes Messgewand: Auf der Stola steht Jesus in aramäisch und arabisch. Foto: Andrea Krebs
Seidenes Messgewand: Auf der Stola steht Jesus in aramäisch und arabisch. Foto: Andrea Krebs

So stehen für die nächste Zeit zwei Messgewänder, ein Habit für Pater Jonas, ein Wandbild, Kräuterkissen, Tabgha-Kissen, Stolen, Pallas und viele Gotteslobeinbände als Arbeit in der Nähstube an. Von manchem weiß ich nicht, wie es aussehen wird. Ein Messgewand entsteht für den Gottesdienst am See, der am 17. April (Sonntag vom Guten Hirten) vom Bayerischen Rundfunk übertragen wird.

Auch darf ich den Schwestern, die hier für die Mönche und den deutschen Verein vom Heiligen Land arbeiten, Deutschunterricht geben, was sich im freundschaftlichen Miteinander ergibt und anders ist als Deutsch in Sprachkursen oder in der Schule. Die Schwestern wollen lernen, was die Bedeutung dessen ist, was wir singen und beten. So hat dieser Unterricht viel mit der Freude an Gott zu tun und wir lachen und singen viel.

Ob beim arabisch-deutschen Miteinander in der Küche, in der Zusammenarbeit mit Pater Jonas oder bei den Nähprojekten in Beith Noah mit Gruppen behinderter Menschen, dem Miteinander mit den jungen Volontären – immer gibt es ein kreativer Gestaltungsspielraum, der das Arbeiten bereichert.

Ohne Stress

So wie ich Arbeit hier erlebe, ist sie ein fruchtbares Geschehen und Ausdruck der schöpferischen Kräfte, die jedem unterschiedlich verliehen sind und die in ihrer Gesamtheit dem Ganzen dienen.

Meine Arbeit in der Küche, in der Nähstube und mit Menschen ist ein natürlicher Lebensbeitrag ohne den Faktor Stress, den es hier nicht gibt. Als in einer bestimmten Zeit meine Arbeitsstunden das normale Maß deutlich überschritten, wurde ich darauf hingewiesen, dass ich, um im Gleichgewicht zu bleiben, für mich selbst verantwortlich bin. Meine Zurückhaltung bei Anfragen wurde dann sehr ernst genommen.

So würde ich mir die Welt wirklich wünschen: Dass jeder seine Begabung einbringt, darin gefördert und gefordert wird und sein Leben als nützlich empfinden kann, ganz ohne die Stress-Phänomene, die wir alle kennen. Aus der Entfernung spürt man noch intensiver, welcher Leistungsdruck in Deutschland vorherrscht, bis hinein in Kinderkrippen, Pflegeeinrichtungen, Schulen, ganz abgesehen von der Wirtschaft.

Arbeit hier im Kloster (und auch im arabischen Kontext) macht möglich, dass alle von allen leben, denn jeder Dienst bereichert die Gemeinschaft, ob er nun sichtbar ist oder nicht. Und was zu Hause eher ungewöhnlich ist: Arbeit unabhängig von Bezahlung (wir leben hier von einem Taschengeld).

Von außen betrachtet fragen Besucher gelegentlich nach, von was Tabgha lebt. Verglichen mit dem Niveau meiner Brüder, Söhne und Freunde, die sich in der Welt bewähren und ein hohes Engagement für den Lebensstandard ihrer Familien einbringen, gibt es da berechtigte Fragen. Ein ruhiges und gleichmäßiges Leben in der Gegenwart Gottes braucht aber eine Balance zwischen ora und labora, denn diese beiden Pfeiler stützen das Ganze. Die Arbeit prägt das Gebet und das Gebet die Arbeit, das wird im Tagesablauf deutlich, der seine Struktur von den fünf Gebetszeiten und Zeiten für die lectio erhält. Dabei trägt das Ganze viele Anliegen der Welt mit vor Gott.

Liebe der anderen Art

Zu Beginn meines Aufenthaltes fragte ich mich: Wie ist das hier nun mit der Liebe? Wie in einer Familie ist es echt nicht. Die Gottes- und Nächstenliebe wird in den Gebetstexten häufig erwähnt, aber nicht so offen und herzlich ausgedrückt. Auch mit Lob und Dank geht man hier zurückhaltend um.

Nach einer Weile empfange ich Nachrichten auf einem anderen Sender und sehe die Liebe! Sie lebt:
In einem achtsamen, höflichen Umgang miteinander,
den Anderen im Blick habend,
im freundlichen Aufeinander zugehen,
im geduldigen Aushalten,
in der Haltung, dem Anderen zu dienen,
sein Wohl zu suchen,
nicht urteilen zu wollen,
über Schwächen miteinander zu lachen,
sich zu entschuldigen, wenn es dran ist,
in einer überraschend liebevollen Versorgung im Krankheitsfall
und in dem kleinen Wörtchen „Danke“ von Bruder Franziskus am Ende des abendlichen Küchendienstes.
Die Liebe lebt hier in dem Satz Jesu: „Wer bittet, der empfängt“. Man empfängt oft überraschend anders, als gedacht.

Pater Jonas lernte mir die sieben neuen Werke der Barmherzigkeit (nach Bischof Joaquim Wanke):
„Du gehörst dazu
Ich höre dir zu
Ich rede gut über dich
Ich gehe mit dir
Ich teile mit dir
Ich besuche dich
Ich bete für dich.“

Sie gefallen mir. Ich finde sie hier nicht formvollendet, auch bei mir nicht, aber erlebe uns alle darum bemüht. Das ist eine schöne Form von Liebe, die dem Miteinander Sicherheit gibt.

Von Herz zu Herz

Von Herz zu Herz miteinander sprechen zu können, ist eine Gnade. Diese Sprache kann man erfahren, annehmen, bewahren und dann wieder loslassen. Man kann nicht darüber verfügen, sie ist da, öffnet sich, wie eine Blume im Sonnenlicht, erfreut und macht dankbar. Für die vielen Momente, die von dieser Sprache berührt werden und dem Leben eine tiefen Sinn geben, bin ich von Herzen dankbar. Ohne P. Matthias‘ Offenheit, sein Vertrauen und seine Herzenswärme, wäre Tabgha (nicht nur) für mich unvollständig. Aber auch mit verschiedenen Gästen bin ich in dieser Weise herzlich verbunden.

Die sieben Quellen von Tabgha – Teil 2

Die sieben Quellen von Tabgha – Teil 3