Glaubens- und Ordensleben in Bolivien

Am 9. Dezember ist hier in Santa Cruz der einzige bolivianische Kardinal, Julio Terrazas, mit fast 80 Jahren gestorben. Bis vor wenigen Jahren war er auch noch Erzbischof von Santa Cruz und Vorsitzender der Bolivianischen Bischofskonferenz. Er war vom Orden der Redemptoristen und stammte aus Vallegrande in der Nähe von Santa Cruz. In vielen politischen und gesellschaftlichen Konflikten hat er kein Blatt vor den Mund genommen und prophetisch seine Stimme erhoben. Wir haben einen großen Mann der Kirche in Bolivien verloren. Sein Vorgänger als Kardinal war Erzbischof Josef Clemens Maurer aus Deutschland. Wann wird es wieder einen Kardinal in und für Bolivien geben?

Unser Franziskanerbischof, Weihbischof Aurelio Pessoa von La Paz, wurde kürzlich zum Sekretär der Bolivianischen Bischofskonferenz gewählt. In dieser Funktion war er auch zwei Wochen in Rom. Da er aus Concepción, dem Dorf wo ich viele Jahre Pfarrer war, stammt und er auch einige Jahre in der Pfarrei San Antonio mein Kaplan war, übernachtet er immer wieder mal in unserem Kloster.

Heiligabend wie Silvesternacht

Rückblick auf Weihnachten: Mit der “stillen Nacht” ist es in Bolivien nicht weit her. Da man die Freude immer lautstark zum Ausdruck bringen muss, ist der Heiligabend traditionell geprägt von lauten Böllern, der Silvesternacht ähnlich. In Santa Cruz de la Sierra habe ich Nostalgie wegen der Herbergssuche, die man in Concepción aufführt: Das ganze Dorf ist neun Tage und Nächte lang unterwegs: Von der Kathedrale holt man jeden Abend die Statuen von Maria und Josef auf einem Traggestell ab und trägt sie dann durch die Straßen des Dorfes. Dabei singt man Lieder und betet. Die Kinder machen sich Sonachas, d.h. an einem Holzstück nageln sie je zwei blattgeklopfte Bierdeckel, so dass sie sich bewegen können und man die Lieder rhythmisch begleiten kann. An zwei Häusern macht man Station und bittet singend um Unterkunft, was aber abgelehnt wird. Erst beim dritten Haus hat man dann Glück: Zuerst wird ein kurzer Wortgottesdienst gehalten oder etwas aus der Bibel szenisch dargestellt. Dann wird der letzte Teil der Posada gesungen. Während sich die Tür öffnet, wird ein “Schnaderhüpfel” gesungen und die Hausmutter lustig um Bonbons gebeten. Und die Familie lässt sich da nicht lumpen. Manchmal gibt es die Piñata: Man spannt ein Seil über die Straße und befestigt daran ein Paket mit Bonbon usw., aber auch mit Mehl oder Wasserbeuteln. Das Seil wird dann nach unter gelassen und wieder schnell hochgezogen. Mit einem Stock muss dann das Paket getroffen und geöffnet werden. Mit einem großen Krack fallen die Sachen herunter und es gibt eine Riesengaudi. Das ganze Dorf macht mit. Und man verabschiedet sich mit einem herzlichen “bis morgen”. Da darf man nicht fehlen. An Heiligabend sind dann die “Figuren” echt, und da es in Concepcion noch Esel gibt, führt der Josef den Esel mit der María darauf vorsichtig zwischen den Leuten um den Dorfplatz. Natürlich ist auch der Eigentümer in der Nähe, um notfalls den störrischen Esel zur Vernunft zu bringen. Dann ziehen alle – auch María und Josef (ohne den Esel) – in die Kathedrale ein. Dort leiht man der Muttergottes ein Baby, und es beginnt das Krippenspiel mit dem Engelschor. – Es gibt auch Versuche in der Stadt Santa Cruz, doch ist dies “Mitschi”, d.h. man hat hier keine Tradition und es sind nur wenige Kinder dabei.

Papstbesuch

Im Juli war Papst Franziskus zu Besuch in Bolivien. Dreißig seiner wichtigsten Begleiter waren im Exerzitienhaus von San Antonio untergebracht. Er selbst war in der Wohnung des Kardinals untergebracht, der aber bereits im Krankenhaus war. Bei der Papstmesse in Santa Cruz war der Altar der Fassade von Concepcion nachgebildet, und dieser Altar steht auch weiterhin auf seinem Platz. Verschiedene Chöre und Orchester aus den Indianerdörfern spielten und sangen. Da die Kinder und Jugendlichen aus Concepcion in unserer Pfarrei San Antonio untergebracht waren, nutzte ich die Gelegenheit, um den Verantwortlichen folgende Idee vorzutragen: Es gibt einige Jugendliche, die in diesen Musikgruppen sangen oder spielten, jetzt aber hier in Santa Cruz sind. Könnte man diese nicht einladen und so zu einer musikalischen Gruppe formen? Und seit zwei Wochen üben bereits rund 20 Jugendliche hier in unserem Pfarrsaal.

Ordensleben

Wir Franziskaner in Bolivien sind “international” und kommen aus Polen, Deutschland, Österreich, Italien, Spanien, Nordamerika, Argentinien und natürlich auch aus Bolivien. Doch waren wir vor 20 Jahren noch gut 200, so sind wir jetzt nur noch 100. Davon aber sind viele alt oder krank. Wir betreuen Wallfahrtsorte, unterhalten Schulen und die meisten sind in der Pfarrseelsorge. Es fällt schwer, Konvente aufzugeben und Pfarreien an die Bischöfe abzugeben. Doch sind wir dabei, einen entsprechenden Plan zu erarbeiten. Unser einheimischer Nachwuchs? Wir haben fünf Postulanten, sieben im Noviziat, 13 in Philosophie und Theologie. Das heißt, wir haben durchaus Nachwuchs, doch sind auch die Austritte meist hoch, so dass nur wenige bleiben: einer pro Jahr! Auch die Alten und Kranken müssen versorgt werden. Einige kehren freiwillig in ihre Herkunftsländer zurück, und hier in San Antonio habe ich schon vor einigen Jahren begonnen, eine Krankenstation zu organisieren. Langsam wird daraus auch ein Altenheim. Wir haben also eine Pastoral nach innen und außen zu verwirklichen. Es sind schwierige Zeiten mit vielen Herausforderungen.

Als Pfarrei betreuen wir zwei Speisesäle für Kinder. Während des Schuljahres bekommen rund 100 Schüler täglich ein gutes Mittagessen. Für die notwendigen 15.000,– Euros jährlich bekommen wir Hilfen vom Franziskanermissionsverein in München, der Missionszentrale der Franziskaner in Bonn und meiner persönlichen Spender. Der Eigenbeitrag der Familien ist minimal. Zu Weihnachten organisierten die Gebetskreise für die Straßenkinder ein Fest mit Spiel, Sport und gutem Mittagessen. Es sind Stunden der Freude für diese Kinder. Erlebtes Evangelium! Gott und seine Liebe sind gegenwärtig und spürbar!

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Festhalten an der Hoffnung

Gott will bei uns ganz unten auf Erden in aller Einfachheit ankommen; eine Erinnerung an uns, auch auf den „Boden zu kommen“.

Ich schreibe aus meiner unruhigen Situation im Südsudan in Eure auch nicht gerade ruhige Zeit. Die Welt ist aufgemischt und steht vielerorts Kopf. Ein wirklicher Friede, der ja Menschsein erst möglich macht, ist anscheinend für viele Menschen in unendliche Ferne gerückt und wenn wir nicht aufpassen, dann bestimmen Unsicherheit und Angst (vor der Zukunft) unsere Gefühle; eine Mischung, die uns gar nicht weiter hilft und gut tut. Das Frohe und die Hoffnung verschwinden dann allzu leicht aus unserem Leben und die „Wüste“ bekommt Raum in uns. Wir wollen aber festhalten an der Hoffnung.

Der Bürgerkrieg hier im Land und der Terrorismus weltweit leben von der Rache. Aber wer hat schon die menschliche Größe, der Schwächere zu sein und die Spirale der Gewalt zu überwinden? Ein Mann, der beim Terroranschlag in Paris seine Frau verloren hat, sagte: „Meine Rache bekommen die Terroristen nicht, denn davon leben sie.“ Die Rache ist auch hier der Motor des Krieges.

So oft habe ich im zu Ende gehenden Jahr erlebt, dass eine Versöhnung nur schwer möglich ist. Dabei ist sie doch die einzige Alternative, damit es im Leben weitergeht. Ohne Versöhnung ist die Vergangenheit immer die Gegenwart und das Leben wird arm. Das höchste Gut in unserem Glauben ist die Versöhnung, die auf Liebe und Wahrheit aufbaut. In den Flüchtlingslagern hier am Stadtrand, wo trotz der Versorgung durch die UN nach zwei Jahren noch immer keine Perspektive zu sehen ist, stelle ich fest, dass der erste Schritt zu einer Versöhnung dann geschieht, wenn die Lage und das Leiden der Betroffenen wahrgenommen und anerkannt wird. Der Weg zum Frieden ist eben kein Kippschalter, sondern ein Prozess. Jeder will ernst genommen werden und die ausgesprochene Wahrheit, die hier oft leidvoll ist, ist Voraussetzung für jede Heilung.

Seit Mai arbeiten wir an einem Friedenszentrum in Kit nahe der Hauptstadt Juba und bis Mitte des kommenden Jahres 2016 soll das Zentrum hoffentlich fertig sein. Die hier im Land tätigen Ordensgemeinschaften haben lange überlegt, was in dem vom Krieg verwüsteten und Stammeskonflikten zerrütteten Südsudan aus missionarischer Sicht angesagt ist. Es wurde klar gesagt, dass wir hier nicht auf bessere Zeiten warten können. Aktive Friedensarbeit muss jetzt geschehen, jetzt wo so viele Menschen an den Folgen des unsinnigen Krieges leiden; denn traumatisierte und seelisch verletzte Menschen gibt es sehr viele.

Hunderte von Organisationen hier im Land bemühen sich – Gott sei Dank – um die vielfältigen Notlagen. Jedoch tut kaum jemand etwas für eine wahrhaft menschliche Entwicklung, denn das braucht Zeit, Kenntnis der Menschen und der Lage und unendliche Geduld. Kaum eine Einrichtung setzt sich mit den Menschen und ihren zum Teil „hausgemachten“ Problemen und ihrer Perspektivlosigkeit auseinander. Natürlich wissen wir, dass die Herausforderungen sehr groß sind: Die Feindschaft, der Hass und das Misstrauen unter den verschiedenen Volksgruppen sind groß. Es gibt wenig Verständnis für das Gemeinwohl. Eine allgegenwärtige, militärische Arroganz und Härte prägen das Bild des Landes.

Es kann nicht sein, dass Konflikte, Verachtung und Ehrenkränkung immer nur mit Waffen ausgetragen werden. Die Versöhnungskraft unseres Glaubens an Christus, auf den sich ja viele hier berufen, ist keine fromme Idee, sondern ein Ausweg, wo sich alle anderen Wege verschlossen haben. So wollen wir festhalten an der Hoffnung, die uns Weihnachten aufs Neue bringt, nämlich wahrhaft menschlich zu werden.

Das Friedensprojekt der Ordensgemeinschaften ist ca. 15 km von Juba entfernt, nahe wo der Fluss Kit in den Nil mündet. Auf dem ehemaligen Land der Comboni Missionare entsteht das Friedenszentrum mit Konferenz-, Tagungs- und Unterkunftsmöglichkeiten für ca. 120 Personen. Für die Finanzierung des Zentrums haben sich Bischofskonferenzen, Diözesen und Hilfswerke stark gemacht. Klassische Spenden kommen hier nicht zum Einsatz. Es war das Anliegen der Orden, alle Unterstützer/Diözesen und Hilfswerke mit in die Mission in den Süd Sudan zu nehmen und ich denke, dass das gelungen ist.
Friedensarbeit durch schulische Bildung und Gemeindebildung

Wir sind hier 50 Comboni-Missionare, kommen aus allen Teilen der Welt und sind an 10 Orten des Landes tätig. Mithilfe Eurer Spenden konnte viel geschehen und geholfen werden: Schulprojekte (Bauten, Lern- und Lehrmaterialien und Schulgelder), Hilfe in den Flüchtlingscamps, Feldhacken und Saatgut für Menschen in den unsicheren Gebieten von UNITY- und JONGLEI STATES – Nahrungsmittelhilfe, Fischernetze, Brunnen und Bau von Krankenstationen. Wichtig sind die Gemeindearbeit und der Aufbau von Pfarreien als Ausgangspunkt für all unsere sozial-caritative Arbeit sowie der Einsatz für Gerechtigkeit und Friede. Ein ganz herzliches Vergelt’s Gott für Eure großherzige und ehrliche Hilfe.

Flüchtlingslager im Südsudan. Foto: Paul Jeffrey
Flüchtlingslager im Südsudan. Foto: Paul Jeffrey

Ich selbst verbringe die meiste Zeit auf der großen Baustelle in Kit und anderen kleinen Projekten wie Straßenkinder „Drop in Center“, Schul-Toiletten, Regenwasserschutz für Gebäude und Anlagen etc. Zu kurz kommt die spirituelle Seite meines Missionseinsatzes. Dazu kenne ich die Stammessprachen zu wenig und auch an der Zeit fehlt es. Gern gehe ich aber in die Flüchtlingslager oder helfe ein wenig mit in der Jugendarbeit, immer im Hinblick auf Friedensförderung.

Für das Neue Jahr 2016 Gesundheit, Gelassenheit, Geduld, Freude, Frohsinn, Friede und Gottes reichen Segen. Machen wir es wie Gott, werden wir einfach Mensch. Oder besser ausgedrückt und mein Weihnachtswunsch: „Werde Mensch wie Gott, Menschwerdung nach dem göttlichen Wie“.

Terrorismus und Weihnachten – Bethlehem contra Religionsfanatismus

Jürgen Habermas zu den Terroranschlägen in Paris: Der Dschihad benütze zwar religiöse Muster, habe aber nichts von einer Religion. Der Dschihad sei eine „absolut moderne Reaktionsweise auf Lebensumstände der Entwurzelung“ (Süddeutsche Zeitung vom 23.11.15).

Mit dem gleichen Begriff ENTWURZELUNG beschreibt die jüdische Philosophin Simone Weil (1909-1943) die geistige Situation der 20er und 30er Jahre. Simone Weil, in Paris geboren, in ihrer Jugend für die Weltrevolution kämpfend, als Arbeiterin bei Renault die Entwurzelung der Arbeiterklasse erfahrend, erkennt hellsichtig die Gefahr des Faschismus („die Deutschen, 1933 ein Volk von Entwurzelten“). 1943, mit 34 Jahren, stirbt sie im englischen Exil („ich liebe den katholischen Glauben, aber nicht die Kirche“).

Ihr letztes Werk „DIE VERWURZELUNG“ erscheint mit einem Vorwort von Albert Camus. Darin schreibt sie:
„Die Entwurzelung ist bei weitem die gefährlichste Krankheit der menschlichen Gesellschaft.
Wer entwurzelt ist, der entwurzelt.
Wer verwurzelt ist, entwurzelt nicht.
Die Verwurzelung ist vielleicht das wichtigste und meistverkannte Bedürfnis der menschlichen Seele.“

Verwurzelung. Foto:  Horst Schaub/Pfarrbriefservice.de
Verwurzelung. Foto: Horst Schaub/Pfarrbriefservice.de

„O radix Jesse – O Wurzel Jesse“ –so singt die Liturgie der Kirche in der  „O-Antiphon“ zur Vesper am 19. Dezember: „O Spross aus Isais Wurzel, gesetzt zum Zeichen für die Völker – vor dir verstummen die Herrscher der Erde, dich flehen an die Völker: o komm und errette uns, erhebe dich, säume nicht länger!“

Ein Bild der unerschütterlichen Hoffnung: ein umgeschlagener Baum, seine Wurzelkraft bleibt, er treibt immer wieder neu aus! „Kommen wird der Sproß aus der Wurzel Isai“, so zitiert der Apostel Paulus (im Römerbrief 15,12) den Propheten Jesaja (11,1).

Weihnachten sagt: Verwurzelt sein in der „Wurzel Jesse“, im Kind von Bethlehem: das erfüllt das „wichtigste und meistverkannte Bedürfnis der menschlichen Seele“ (S. Weil).

Durch dieses Kind von Bethlehem verwurzelt sein in Gott – das ist auch heute das Heilmittel gegen die Krankheit der Entwurzelung. Verwurzelung in Gott geschieht aber nicht in religiösen Gewaltfantasien – Bethlehem ist die Antwort auf den absurden Terror in Paris –, sondern in der Liebe.

„Als die Güte und Menschenliebe Gottes, unseres Retters, erschien, hat er uns gerettet“ (so in der 2.Lesung der Christmette aus dem Titusbrief 3,4).“Es herrscht das Absurde, aber die Liebe errettet“ (Albert Camus). Im Vorwort zu „DIE VERWURZELUNG“ bestätigt Camus Simone Weils „Antiterror-Programm“: „Es scheint mir unmöglich zu sein, sich eine Wiedergeburt Europas vorzustellen, welche die von Simone Weil definierten Forderungen unberücksichtigt ließe.“

Der Weltklimavertrag und seine Konsequenzen

Die 21. UN-Klimakonferenz ist zu Ende gegangen und erstmalig beschlossen 196 Staaten dieser Erde, Mechanismen für eine globale Energiewende einzuführen. Auf der Basis dieses ersten verbindlichen Weltklimaabkommens soll die globale Erwärmung auf weit unter 2 Grad gegenüber vorindustriellen Werten begrenzt werden.

Die Kommentare in den Medien sprechen von einem Meilenstein, von dem „Wunder von Paris“, einem historischen Durchbruch, einer „Botschaft des Lebens“ oder einem Wendepunkt für die Welt. Auch die katholische Kirche und vor allem Papst Franziskus haben an diesem Erfolg einen gehörigen Anteil. Immer wieder wurde vom Papst, verschiedenen Bischöfen, kirchlichen Hilfswerken und Verbänden auf die Notwendigkeit eines bindenden globalen Klimaabkommens hingewiesen.

Abschluss der Klimakonferenz in Paris. Foto: COP21
Zufriedene Gesichte beim Abschluss der Klimakonferenz in Paris. Foto: COP21

Es wird sich zeigen wie sich die beschlossenen Punkte tatsächlich umsetzen lassen bzw. sie sich tatsächlich auf unser Weltklima auswirken.

  1. „Deutlich unter“ zwei Grad Celsius
    In der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts soll die Welt ihre Treibhausgas-Emissionen auf Null senken. Zielmarke ist eine Erderwärmung „deutlich unter“ zwei Grad Celsius, mit dem Endziel, noch 1,5 Grad zu erreichen.
  2. Alle fünf Jahre ein neuer Plan
    Die Staaten sollen alle fünf Jahre Pläne vorlegen, wie sie das Ziel erreichen wollen. Alle Industrieländer und nach Möglichkeit auch die Schwellenländer sollen sich feste Ziele für die Minderung ihrer Emissionen setzen.
  3. Was passiert bis zum Jahr 2020?
    Im Jahr 2018 soll erstmalig überprüft werden, ob die Staaten das Fernziel erreichen können.
  4. Wer muss zahlen?
    Die reichen Staaten sollen Finanzen bereitstellen, um den Armen im Kampf gegen die Erderwärmung zu helfen.
  5. Anerkennung von Klimaschäden
    Entwicklungsländer hatten für eine Art Haftung plädiert, für Schäden, die jetzt bereits auftreten. Sie konnten sich damit nicht durchsetzen. Stattdessen werden die Schäden nun lediglich anerkannt.

Mit den Emissionsminderungen, die von 185 Staaten zu Beginn der Pariser Klimakonferenz eingereicht wurden, würde die globale Erwärmung, so wissenschaftliche Berechnungen, um rund 2,7°Grad steigen. Deshalb sind eine Kontrolle der nationalen Klimaziele und deren Fortschreibung unumgänglich.

Ein weiteres wichtiges Signal betrifft die Entwicklungsländer, diese sollen in ihrem Bemühen um Klimaschutz, Anpassung und bei der Bewältigung der Klimaschäden verpflichtend von Industrieländern unterstützt werden. Weniger schön dabei: Die Höhe der Zusagen ist bei weitem nicht ausreichend, um diese Aufgabe zu bewältigen. Die Anpassung an den Klimawandel nimmt langfristig alle Staaten, inbesondere die Industriestaaten, in die Verantwortung, die Betroffenen nicht mit ihren Problemen alleine zu lassen. Die Verbindlichkeit der Zusagen für das Finanzpaket wurde im letzten Moment noch abgeschwächt, aber dennoch zeigt sich eine Grundlage für die Unterstützung von Anpassung und Klimaschutz in Entwicklungsländern.

Logo der COP21 in Paris
Die Ergebnisse der COP21 sind ein zartes Pflänzchen (im Bild das Logo der Konferenz): Foto: COP21

Für mich ein großes Manko ist die Tatsache, dass die Treibhausgas-Emissionen des internationalen Flug- und Schiffsverkehrs noch immer nicht berücksichtigt werden. Obwohl nachgewiesenermaßen rund 5% der gesamten globalen Emissionen – das entspricht der Gesamt-Emission des Subkontinentes Indien – durch diesen Bereich erzeugt werden.

Aber im Prinzip ist es wie mit allen Dingen: Auch der Klimaschutz fängt unten, bei jedem Einzelnen von uns an, so wie es auch Papst Franziskus in seiner Enzyklika „Laudato Si“ von uns verlangt. Nur wenn auch wir unseren Lebensstil ändern, den Verbrauch von Erdöl und Gas massiv einschränken und energieeffizient leben, wird dieser Planet mit seiner ganzen Schönheit der Schöpfung erhalten bleiben.

Deshalb möchte ich mit einen bekannten Spruch enden: „Wo viele kleine Leute viele kleine Schritte tun, da können sie die Welt verändern.“

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„Deutschland soll sich für Versöhnung in Syrien und Irak einsetzen“

Interview mit Seiner Seligkeit Patriarch Ignatius Youssef III. Younan

Seine Seligkeit Patriarch Ignatius Youssef III. Younan, das Oberhaupt der Syrisch-katholischen Kirche von Antiochien, hat vom 21. bis 24. November die Diözese Eichstätt besucht. In diesem Rahmen führte Archimandrit Dr. Thomas Kremer, Vizerektor des Collegium Orientale Eichstätt, am 23. November 2015 das nachfolgende Interview mit dem Patriarchen.

Eure Seligkeit, man spricht vielfach vom Reichtum der christlichen Traditionen des Orients. Den Gläubigen in Deutschland fällt es oft schwer, die Besonderheiten der einzelnen Traditionen zu unterscheiden. Sie sind der Patriarch der Syrisch-katholischen Kirche von Antiochien. Könnten Sie einen Eindruck vom Reichtum der Tradition Ihrer Kirche geben?

Patriarch Younan: Wenn wir von der Syrisch-katholischen Kirche sprechen, sprechen wir vom syrischen Erbe des Patriarchats von Antiochien – ein reiches Erbe, das aber noch immer in vielem unentdeckt ist, da die Römisch-katholische Kirche stets den Kontakt mit den Kirchen der byzantinischen Tradition stärker gepflegt hat, mit denen sie ja auch bis 1054 verbunden war. Wir dagegen sind bereits seit dem 5. bzw. 6. Jh. von den großen Zentren der römischen und byzantinischen Kirche abgeschlagen. Wir lebten unter muslimischer Herrschaft und wir wurden dadurch in vielem gebremst, etwa in Fragen der liturgischen Erneuerung, der Ikonographie, und wir waren in gewisser Weise gettoisiert. Wir konnten kaum mehr tun, als das zu bewahren, was wir aus den ersten Zeiten des Christentums geerbt haben. Dazu zählen die Texte so bekannter Väter wie Ephräm dem Syrer und Jakob von Sarug und anderer, die in syrischer Sprache geschrieben haben und der west- wie der ostsyrischen Tradition angehören. Diese Kirchen wurden durch die soziokulturelle Situation ins Abseits gedrängt, da wir stets unter Bedrohungen gelebt haben und in die Berge oder die Wüste abgedrängt wurden. Immer wieder wurden unsere Kirchen und Klöster aufgrund der jeweiligen Situation aufgegeben und zerstört. Der Westen hat im Allgemeinen eine unzureichende Kenntnis unseres spirituell-liturgischen Erbes. Dieses ist vor allem für seine Einfachheit bekannt. Es gab nie die großen theologischen Entwürfe wie im Westen und in der byzantinischen Kirche, doch wir blieben stets den Ursprüngen eng verbunden. Heute beginnt die Gesamtkirche glücklicherweise, sich für das syrische Erbe zu interessieren. Als syrische Kirchen – dazu gehören die syrisch-katholische, die syrisch-orthodoxe, die maronitische, aber auch die chaldäische und assyrische Kirche sowie die syro-malabarische und syro-malankarische Tradition Indiens – besitzen wir ein reiches spirituell-liturgisches Erbe, dessen Kennzeichen stets die Einfachheit ist.

: Thomas Kremer (2. Von links) im Gespräch mit Patriarch Ignatius Youssef III. Younan (rechts). Links im Bild: Abouna Ignatius Offy aus Qaraqosh im Irak, ab 2016 Kollegiat des Collegium Orientale Eichstätt. pde-Foto: Rostyslav Myrosh/COr
Thomas Kremer (2. Von links) im Gespräch mit Patriarch Ignatius Youssef III. Younan (rechts). Links im Bild: Abouna Ignatius Offy aus Qaraqosh im Irak, ab 2016 Kollegiat des Collegium Orientale Eichstätt. pde-Foto: Rostyslav Myrosh/COr

Die Kirchen syrischer Tradition verwenden bis heute nahezu dieselbe Sprache, die Jesus Christus selbst gesprochen hat. Hat die Verwendung und die Verwurzelung in der semitischen Tradition eine besondere Bedeutung für Ihre Kirche?

Patriarch Younan: Die syrische Sprache betrachten wir als einen großen Schatz. Uns ist es gelungen, sie zu bewahren trotz aller Hindernisse, die uns entgegengetreten sind. Wir haben sie in unserer Liturgie bewahrt. Aber leider kennen sie nicht mehr alle Gläubigen, abgesehen von denen, die in Gegenden wie dem Nordirak, dem Tur Abdin oder in der Gegend von Ma’alula lebten und leben, die bis heute einen aramäischen Dialekt sprechen. Leider konnten wir sie aufgrund der Umstände, die uns von den Regierungen auferlegt wurden, in den großen Städten als gesprochene Sprache nicht lebendig erhalten, wohin viele unserer Gläubigen aufgrund sozioökonomischer Gründe hinziehen mussten. Die Politik in Syrien, im Irak und in der Türkei, wo unsere Syrisch-katholische Kirche ihre Wurzeln hat, hat uns nicht gestattet, in unserer Sprache zu kommunizieren, so dass sie heute im Wesentlichen auf die Liturgie beschränkt ist und von Priestern und Mönchen beherrscht wird, die sie studieren. Leider sind wir Christen nicht mehr so sehr in unserer Sprache verwurzelt, so dass nur noch wenige Christen die Sprache Christi und der Gottesmutter sprechen. Anderen Religionen gelingt es besser, ihre Ursprungssprache zu bewahren, wenn wir an das Arabische und Hebräische denken. Vielleicht hatten wir die Vorstellung, dass die Universalkirche nicht an ein spezielles Gebiet und eine Sprache gebunden sei.

Kommen wir jetzt zur derzeitigen Lage. Können Sie uns beschreiben, wie sich heute die Situation der Gläubigen Ihrer Kirche angesichts der vielen aktuellen Probleme darstellt?

Patriarch Younan: Die Situation unserer Kirche als Gemeinschaft von Gläubigen zusammen mit ihrem Klerus ist derzeit sehr bewegt und steht vor der Gefahr einer regelrechten Auslöschung, des Verschwindens, denn die beiden Länder, in denen unsere Kirche seit Jahrhunderten ihre Wurzeln hat, Syrien und Irak, leiden unter einem brudermörderischen Krieg, einem konfessionellen Bürgerkrieg. Was wir erleben, ist ein äußerst gewalttätiger Krieg. Ein großer Teil der Infrastruktur ist zerstört, viele archäologische Monumente, Kirchen und Klöster. Unsere Kirche hat ebenso wie die syrisch-orthodoxe, die chaldäische und assyrische viele Beschädigungen hinnehmen müssen, vieles liegt in Ruinen. Die wesentliche Frage ist: Wie können wir unsere Gläubigen und Kleriker überzeugen, im Land unserer Vorfahren verwurzelt zu bleiben, sowohl in Syrien wie im Irak, und für die Zukunft eine hoffnungsvolle Vision zu entwickeln. In der Praxis versagt selbst diese optimistische Vision vielfach. So stehen wir vor der Tatsache, dass es einen verstärkten Exodus der Christen gibt, insbesondere seit dem vergangenen Jahr und der Entwurzelung von mehr als 140.000 Christen aus Mossul und der Ebene von Niniveh. Sie hoffen, zu ihren Dörfern und Ländereien zurückkehren zu können, während bis auf den heutigen Tag diese terroristischen Banden, die sich „Daesch“ oder „Islamischer Staat“ nennen, immer noch die Herrschaft über diejenigen Gebiete ausüben, wo die Christen in einer relativen Freiheit leben konnten. Ähnliches gilt auch für Dörfer in Syrien, etwa im Nordosten Syriens oder nordöstlich von Homs, wo ebenso das Überleben unserer Christen ernsthaft bedroht ist. So ist die Kirche immer wieder herausgefordert, auf die Bedürfnisse unserer Gläubigen und Gemeinden zu reagieren. Es geht nicht nur um die grundlegende humanitäre Versorgung der Menschen, sondern darum, wie man sie inspirieren kann, Zuversicht angesichts der Zukunft zu gewinnen.

Darf ich Sie angesichts der schwierigen Lage nach den ökumenischen Beziehungen unter den christlichen Kirchen fragen: Arbeiten die Kirchen der verschiedenen Konfessionen im Vorderen Orient zusammen, um die Probleme gemeinsam zu lösen und die christlichen Gemeinden zu retten?

Patriarch Younan: Wissen Sie, Papst Franziskus hat einen Satz geprägt, der sehr ausdrucksstark ist, wenn er davon spricht, dass unsere christliche Berufung und die Botschaft unseres Glaubens darin besteht, dass die Christen heute an der „Ökumene des Blutes“ teilhaben. Das heißt, dass im Vorderen Orient den Christen aller Kirchen, der orthodoxen, katholischen und protestantischen, diese barbarische, terroristische Bedrohung bewusst ist und alle Kirchen Märtyrer und Bekenner des Glaubens zu verzeichnen haben. Sie alle müssen Unterdrückung und Gefängnis ertragen. Was den geschwisterlichen Umgang miteinander anbelangt, hat dies die Kirchen einander näher gebracht. Die Kirchenführer werden nicht müde, sich zu versammeln, um diejenigen, die die politische Macht besitzen, zu ersuchen, ihre Politik zu ändern und den Frieden im Vorderen Orient zu fördern, insbesondere um den Christen zu helfen, fest in ihren Heimatländern verwurzelt zu bleiben. Was unsere beiden Kirchen syrischer Tradition anbelangt, die orthodoxe und die katholische, kann ich sagen, dass wir in bestem Kontakt stehen. Wir hatten noch nie eine Zeit eines solch wahren ökumenischen Kontaktes zwischen unseren Kirchen. Wir, Orthodoxe wie Katholiken, betrachten uns als eine syrische Kirche mit einem orthodoxen und einem katholischen Zweig. Mit der Wahl des neuen syrisch-orthodoxen Patriarchen Mor Ignatius Ephräm II. Karim haben sich diese Kontakte sowohl in der Qualität wie in der Quantität intensiviert. Wir treffen uns oft, sprechen regelmäßig miteinander und beraten uns gegenseitig in der Frage, wie wir dieser entsetzlichen Situation unserer syrischen Kirchen begegnen sollen. Mehrfach haben wir im Irak und in Syrien gemeinsam Flüchtlinge und ihre Helfer besucht, um sie mit Zuversicht und Hoffnung zu erfüllen. Dabei denken wir auch beständig darüber nach, wie sich unsere Kirchen noch mehr als in der Vergangenheit näher kommen können, auch um die Pastoral unserer beiden Kirchen sowohl im Vorderen Orient wie auch in der Diaspora stärker zu koordinieren.

Wenn ich Sie richtig verstanden habe, möchten Sie in guter Zusammenarbeit mit der Syrisch-orthodoxen Kirche den Gemeinden in ihrer Heimat bei ihrem Überlebenskampf helfen, aber ebenso auch diejenigen als Gemeinden sammeln, die in die Diaspora gegangen sind.

Patriarch Younan: Auch hier zeigt sich, dass die Gläubigen uns oft in der Frage einer wahren Ökumene voraus sind. Deshalb hindern wir unsere Gläubigen in keiner Weise daran, wenn sie ihre christliche Berufung in Gemeinschaft mit der Syrisch-orthodoxen Kirche leben möchten, da wo wir keine kirchlichen Strukturen besitzen. Wir sind davon überzeugt, dass unsere Trennung rein nominal gewesen ist und nichts mit der Substanz unseres christlichen Glaubens zu tun hat. Wir gehen sogar so weit, gemeinsam an der Eucharistie teilzunehmen. Ich nehme keinerlei Anstoß daran, wenn man die Kommunion in einer syrisch-orthodoxen Kirche empfängt, um unsere Einheit im Glauben und in den Sakramenten zu bezeugen. Ich selbst kann diese Position nicht teilen, dass man zunächst die volle Kirchengemeinschaft verwirklicht haben müsse, um die Kommunion teilen zu können. Wenn wir davon überzeugt sind, dass in unseren beiden Liturgien die eine wahre Eucharistie gefeiert wird, warum sollten wir uns dessen enthalten, die Kommunion in dieser selben Liturgie zu empfangen, in der die eucharistische Gegenwart des Herrn wahrhaftig ist?! Ich habe es selbst schon praktiziert, auch einige Bischöfe, sicher nicht wenige Priester und wir empfinden kein Problem dabei. Wir sind die einzigen Schwesterkirchen, die diese Überzeugung teilen, dass uns nichts wirklich Substantielles trennt außer den historischen Umständen, die leider zur Trennung geführt haben, als sich ein Teil der Orthodoxen mit dem Heiligen Stuhl von Rom wiedervereinigt hat. Wir sind an den Punkt gekommen, das Vergangene zu überwinden. Wir bleiben nicht in der Vergangenheit verhaftet, sondern müssen in die Zukunft schauen, da wir alle vor die Herausforderung gestellt sind, zu überleben. Das fordert unsere Aufmerksamkeit, und dem geben wir die Priorität.

Ich danke Ihnen von Herzen für diese große ökumenische Vision! Mit Ihrer Offenheit können Sie anderen Patriarchen und Bischöfen ein wunderbares Beispiel geben.

Ich möchte nun zu Frage einer möglichen Unterstützung kommen. Sie sind nach Deutschland gekommen, in ein Land, das in verschiedener Hinsicht die Möglichkeit besitzt, womöglich auch Ihrer Kirche zu helfen. Ich denke insbesondere an die Position der deutschen Regierung. Vielleicht können Sie etwas dazu sagen, welche Unterstützung Sie sich wünschen.

Patriarch Younan: Was die deutsche Regierung anbelangt, so wünschen wir uns, dass sie sich wesentlich stärker einbringt und engagiert, um die verschiedenen Konfliktparteien miteinander zu versöhnen, sowohl in Syrien wie im Irak. Die Tatsache, dass Deutschland Abertausende von syrischen Flüchtlingen aufgenommen hat, ist eine schöne Geste von Freundschaft, Geschwisterlichkeit und Gastfreundschaft. Aus humanitärer Sicht ist das sehr lobenswert. Wir wünschen uns, dass Deutschland noch einen Schritt weiter geht, um die wahren Ursachen für diesen massiven Exodus von Hunderttausenden Syrern zu ergründen.

Welches sind Ihrer Meinung nach die Gründe dafür?

Patriarch Younan: Die westlichen Länder haben die Uneinigkeit und die Konflikte geschürt und nicht geholfen, die Konfliktparteien zu versöhnen und im Dialog eine demokratische Lösung zu finden und sie auf das Ideal der Menschenrechte und die wahren Ideale einer echten Demokratie zu gründen. Wir wünschen uns, dass die deutsche Regierung sich nicht darauf beschränkt, Flüchtlinge aufzunehmen, sondern dass sie sich mit allen Beteiligten guten Willens zusammentut, um die Konfliktparteien zu versöhnen. Die humanitären Hilfen werden in höchstem Maße geschätzt, da sie auf die Bedürfnisse der leidenden Menschen, derer, die alles verloren haben, antworten und auf die Hilfe ihrer Brüder und Schwestern in Deutschland angewiesen sind.

Erlauben Sie mir noch, den Wunsch zum Ausdruck zu bringen, dass die westeuropäischen Länder sich noch stärker darin engagieren, den Ländern des Vorderen Orients zu helfen, eine stabile Situation in Frieden und Wohlstand wieder zu erlangen, insbesondere indem der gegenseitige Respekt wiederhergestellt wird. Wenn Deutschland und Europa etwas zu sagen hat, sollten sie nicht nur die eigenen materiellen Interessen verfolgen und dabei die Prinzipien und Werte vergessen, auf denen Europa gegründet worden ist. Ich wünsche mir, dass sie verstehen, dass ein Land, das man bezichtigen kann, eine Diktatur zu sein, immer noch viel besser ist als ein Land, das einem religiösen Totalitarismus unterliegt, d. h. dass es über alle Maßen schlecht ist, wenn die Religion in das private Leben des Einzelnen und in das öffentliche der ganzen Gesellschaft eingreift. Wenn man eine Wahl zu treffen hat, muss man die Regime wählen, die eher laizistisch sind und die Freiheit den Minderheiten und unter ihnen eben auch den Christen gewährleisten. Das, was ich mir wünsche, ist, dass Europa wahrhaft Europa ist und als Gemeinschaft von vielen Staaten, die sehr viel im internationalen Kontext zu sagen haben, seine Entscheidungen trifft und sich nicht vor allem von den Amerikanern und den Russen ihre Lösungen diktieren lässt.

Eure Seligkeit, ich danke Ihnen von ganzem Herzen für ihre klaren Worte und für dieses ausführliche Gespräch!

Erlauben Sie mir zu guter Letzt noch die Frage zu ergänzen, in welcher Weise die Diözese Eichstätt und insbesondere das Collegium Orientale seinen Beitrag leisten kann.

Ich bin dem Collegium Orientale und seinen Verantwortlichen sehr dankbar, dass ich so brüderlich und mit so großer Hingabe empfangen worden bin. Ich glaube, dass das Collegium Orientale in Eichstätt eine besondere Berufung besitzt, und ich hoffe, dass es sowohl in Deutschland wie auch in Europa eine immer größere Bekanntheit erlangt, damit wirklich in die Tat umgesetzt werden kann, was wir mit dem Worten des hl. Papstes Johannes Paul II. bekennen, dass die Kirche mit zwei Lungenflügeln atmet, dem des Ostens und dem des Westens. Und das ist wahr. Es gibt einen so großen Reichtum in beiden Teilen der Kirche, in den beiden Traditionen. Es berührt mich sehr, dass das Collegium Orientale sowohl Seminaristen wie auch Priester, die postgraduierte Studien betreiben, aufnimmt und sich dabei nicht auf die Kirchen byzantinischer Tradition beschränkt, sondern eben auch offen ist für die Kirchen syrischer Tradition. Wir freuen uns, dass im kommenden Jahr einer unserer Priester mit seinem Promotionsstudium im Collegium Orientale beginnen wird, und ich hoffe, dass wir weitere Kandidaten entsenden können, die ihre Studien der syrischen Tradition in diesem Collegium vertiefen möchten.

Vielen Dank, unsere Türen sind stets geöffnet – für Sie, für Ihre Priester und Seminaristen und für die Gläubigen Ihrer Kirche! Wir vom Collegium Orientale wünschen Ihnen die Kraft, Ihren Gläubigen auf der ganzen Welt beizustehen. Wir fühlen uns den Kirchen der syrischen Tradition mit ihrem spirituellen Reichtum aufs Engste verbunden und wünschen Ihnen und Ihrer Kirche Gottes reichen Beistand für eine gesegnete Zukunft!

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