Kloster Tabgha: „Die Brandstifter haben unbewusst zwei Feuer gelegt“

Einige Tage nach dem Brandanschlag vom 17. auf 18. Juni 2015 auf das Benediktinerkloster Tabgha möchte ich kurz aus meiner ganz persönlichen Sicht vor Ort darüber berichten. An Informationen und Bildern mangelt es sicher nicht in unserer modernen Medienwelt.

Die erste Erfahrung: Nach einem fröhlichen Tag, an dem man lachend auseinander geht, findet man sich mitten in der Nacht vor einem gewaltigen Feuer, das unausweichlich niederbrennt, was alle lieben. So schnell kann alles anders sein und man lebt in einer anderen Wirklichkeit.

Pater Zacharias stand am längsten auf dem Dach und versuchte das Feuer aufzuhalten, damit es nicht auf die Kirche übergreift, was glücklicherweise auch nicht passiert ist. Die Schäden sind groß, allerdings sind Kirche, Oratorium und alle Speise- und Privaträume erhalten geblieben. Das Leben kann also eingeschränkt weitergehen. Menschliches Leben blieb unversehrt, bis auf die Rauchvergiftung, d.h. Sophie hatte etwas zu viel und Pater Zacharias deutlich zu viel Kohlenmonoxid abbekommen, so dass er bis Freitag in Safed im Krankenhaus blieb. Dort war ich die meiste Zeit bei ihm, weil er nur eingeschränkt englisch spricht. Mit Sicht auf den See von der schönen Stadt Safed aus beteten wir die Vesper zusammen.

Die zweite Erfahrung schließt sich an eine Bemerkung von jemand an, der meinte, nach diesem Feuer mag er den Gedanken nicht mehr, dass Gott wie verzehrendes Feuer sei. Nun sind Tausende und Abertausende von Menschen herbeigeströmt, um ihre Anteilnahme auszudrücken, sich für die Brandstifter zu entschuldigen, Hilfe anzubieten, zu beten, singen und in großer Gemeinschaft miteinander ihren Glauben zu teilen, der sich hier innerhalb der christlichen Welt in viele Lager aufspaltet. Es kamen auch Juden und Muslime in großer Zahl, vom Handwerker, der mit Blumen, Freunden und Werkzeug kam, Familien, die dem Abt ein Rosensträußchen überreichten, einem alten Mann, der einen Olivenbaum brachte mit einem Zettel, er möge 100 Jahre in Frieden bei uns wachsen, bis zu religiösen und politischen Führern aller Couleur … So glaube ich persönlich, die Brandstifter haben unbewusst zwei Feuer gelegt: Eins, das zerstört, und ein größeres, das verbindet und Liebe und Gemeinschaft stiftet, wie es zuvor nicht denkbar war.

Man fühlte sich fast erdrückt von so viel Anteilnahme. Die Christen im Land wurden auf außerordentliche Weise gestärkt. Allein am Sonntagnachmittag wurden 21 Busse erwartet und die Straße war bis zum Berg rauf eine einzige Autoschlange. Es trafen sich melkitische, orthodoxe und aramäisch sprechende Christen, die eine Demonstration für ihre Anliegen anschlossen. Das Treffen war laut und fröhlich und irgendwie hatte es in unseren Ohren Festivalcharakter. Unsere Aufgabe, die Grenzen hin zu privatem Grund zu schützen, war nicht einfach. Nicht alle Menschen fügen sich gern Anordnungen, und das arabische Temperament ist deutlich anders als unseres. Zu sehen, wie in dieser Hitze auf ausgedörrtes Gras Zigarettenkippen geworfen wurden, hat mir echt Nerven geraubt. In einem Tiefpunkt, als ich nicht mal mehr lächeln wollte, war da plötzlich ein nettes junges Paar, und es entstand ein Gespräch wie eine aufgehende Blume, geprägt von aufrichtigem gegenseitigen Interesse und lernendem Zuhören über Religion, Kultur bis hin zum Sinn des Lebens. Beide arbeiten für die UNO, kamen nur zufällig hier vorbei. Auch Suhad, unsere Köchin, die wie alle arabischen Mitarbeiter schwer mitgenommen war von der Art, wie man sich im Land Christen gegenüber verhält, war mit Familie bei diesem Treffen und glücklich über das stärkende Miteinander von Christen in dieser Region.

Die dritte Erfahrung ist, dass in der ganzen Zeit nie auch nur eine Spur von Hass, Wut oder Rache zu spüren war. Es ist eine durch und durch friedliche Stimmung. Wir kennen die Motive der Täter nicht tiefergehend. Abt Gregory hat deutlich aktive Aufklärung eingefordert, betonte aber, wie wichtig es gerade in dieser Region ist, Frieden zu leben, der von Liebe und Vergebungsbereitschaft lebt – im Kleinen und im Großen. Sogar ein Brandanschlag könne Teil einer Erziehung zum Frieden sein. Eine gute Erfahrung auch für die jungen Volontäre, die allmählich in ihre Heimat aufbrechen und sich vorbildlich ins Leben hier eingebracht haben.

Ich persönlich bin froh, dass hier im Kloster alle an Leib und Seele unversehrt geblieben sind. Der materielle Schaden kann behoben werden und ist hoffentlich versichert, da tut man sich mit der Vergebung natürlich leichter, als wenn Menschen schwer leiden müssen. Für die Täter und uns alle wünsche ich mir, dass wir Menschen nicht so verbohrt und engstirnig unsere Grenzen verteidigen, sondern der Liebe und Weisheit Gottes in den Herzen mehr Raum geben, um aufeinander zu hören und voneinander zu lernen.

In diesem Sinne ein herzliches Shalom aus Israel!

Mehr zum Thema:

Im Blick: Thérèse Mema, Shalom-Preisträgerin 2015

Unser Blick richtet sich auf die diesjährigen Shalom-Preisträgerin Thérèse Mema. Mit ihr auf ihr Land Kongo, auf Brennpunkte in ihrer Heimat. Wir sehen sie in ihren „brennenden Anliegen“, was ihr auf dem Herzen liegt, ihr auf der Seele lastet, ihr „unter den Nägeln brennt“. Wir sehen sie, die junge Sozialpädagogin, in ihrem Engagement für Menschen, die Opfer anderer Menschen werden, verwundet am Leib, verletzt in der Seele, vergewaltigt in ihrer Würde als Frauen, wehrlose Opfer von brutaler Gewalt: Sklaven 2015, Kinder-Soldaten, Frauen, Männer. Traumatisiert.

Thérèse eröffnet Trauma-Zentren: Räume, in denen Traumata heilen können, zerstörte Träume begraben werden, Räume für neue Träume, zaghafte Pflanzen von Erfahrungen: Leben ist mehr als Leiden, Zukunft anders als Vergangenheit, Lichtblicke jenseits von Schattenseiten.

Die Shalom-Aktion lenkt unsere Blicke auf Menschen, mit denen Thérèse Mema Wege geht – von Altem zu Neuem, von Traumata zu Träumen, klein wie Samenkörner, in denen Gottes Traum von uns Menschen leben will. Gott will nicht, dass Menschen Opfer von Menschen werden. Gott hat uns nicht als Täter geschaffen, die andere unterdrücken, beherrschen, versklaven, ausbeuten, Hoffnungen ersticken, Räume einengen, Träume zerstören.

Gott will in seinem Sohn seine Schöpfung erneuern. Paulus: „Wenn jemand in Christus ist, dann ist er eine Neuschöpfung: das Alte ist vergangen, Neues ist geworden.“ (2 Kor 5,17)

Thérèse Mema begleitet Menschen vom Altem zum Neuen, von Leben in Gewalt zu gewaltfreiem Leben, von Verwundungen zu Wunden, die ausheilen, vom Trauma zum Traum. Trauma-Zentren sind Orte, an denen Altes vergehen, Neues entstehen kann. „Orte zum Zuhören“. Herz-Orte.

Thérèse Mema, ihr Mann (links), Pater Haas und das Kreuz aus aus Kugeln von Kinder-Soldaten. pde-Foto: Geraldo Hofmann
Thérèse Mema, ihr Mann (links), Pater Haas und das Kreuz aus aus Kugeln von Kinder-Soldaten. pde-Foto: Geraldo Hofmann

In Thérèse erleben wir „jemand in Christus“. In Ihm steht sie an der Seite von Menschen, mit Ihm geht sie Wege zur Heilung. Mit dem „Heiland“ eröffnet sie heilsames Neuland. Er, der in Therese an der Seite von Menschen steht, steht heute vor uns in einem Kreuz aus Angola. Ein Kreuz aus Kugeln von Kinder-Soldaten. Erinnerung an Kindheit in Gewalt, an Kinder im Krieg. Kugeln, die töten, werden zum Kreuz, zum Zeichen für Leben. Im Gekreuzigten schreit Gott in die Welt: Nicht den Tod will ich, sondern das Leben. Nicht Gewalt, sondern gewaltfreien Umgang miteinander. Nicht Ausbeutung der Schöpfung, sondern schöpferische Entfaltung. Nicht Schuften zum Hungerlohn unter der Erde, sondern gerechten Lohn für Arbeit auf dieser Erde. Nicht Leben im Schatten, sondern Leben im Licht.

Dieses Kreuz hat Papst Benedikt gesegnet und als Zeichen für Frieden gesendet. Von Rom nach Aachen, von Eichstätt in den Kongo ist dieses Kreuz unterwegs. Über missio zur Shalom-Aktion, von der Shalom-Preisträgerin in ihre Heimat. Das Kreuz-Zeichen: ein Zeichen für Wege von altem zu neuem Leben. Ein Zeichen für die Botschaft: Wer in Christus ist, ist eine Neuschöpfung. Wer im Heiland verwurzelt ist, ist gerufen und gesandt, dazu beizutragen, dass neue Schöpfung entsteht.

(Gedanken aus der Predigt zum Shalom-Gottesdienst im Salesianum Rosenthal am Sonntag, 21. Juni 2015, in Anwesenheit von Thérèse Mema)

Thérèse Mema, links neben ihr missio Aachen-Präsident Dr. Klaus Krämer, rechts neben ihr OB Andreas Steppberger, ganz rechts Prof. Dr. Markus Eham, daneben Bischofsvikar Georg Härteis. Foto: Lukas Hanreich/AK Shalom
Thérèse Mema, links neben ihr missio Aachen-Präsident Dr. Klaus Krämer, rechts neben ihr OB Andreas Steppberger, ganz rechts Prof. Dr. Markus Eham, daneben Bischofsvikar Georg Härteis. Foto: Lukas Hanreich/AK Shalom

 

Anmerkung der Redaktion
Der Shalom-Preis, einer der renommiertesten Menschenrechtspreise in Deutschland, wurde am Samstag, 20. Juni, in Eichstätt an Thérèse Mema verliehen. Das Preisgeld kommt ausschließlich aus Spenden und fließt zu 100 Prozent in ein Projekt, das die Preisträger selbst vorschlagen. In den vergangenen Jahren kamen regelmäßig jeweils mehr als 20 000 Euro zusammen. Wer für die Aktion 2015 spenden möchte, kann das bis September tun. Die Bankverbindung lautet: Katholische Hochschulgemeinde, Konto 1 09 62 03 20 bei der Volksbank Raiffeisenbank Bayern Mitte, BLZ 721 608 18, IBAN: DE34721608180109620320, Stichwort „ShalomAktion 2015“.

Bildung in Tansania

Das Wort „elimu“ (Bildung) ist in Tansania wohl einer der wichtigsten und nur allzu oft ausschlaggebendsten Begriffe für Erfolg oder Misserfolg. Ich hatte in meiner Zeit hier im Norden von Tansania nun schon mehrfach das Glück, mich mit Tansaniern über das hiesige Schulsystem und die Bedeutung von Bildung zu unterhalten. Dabei habe ich nicht nur den Ablauf kennengelernt, sondern auch die Sorgen und Herausforderungen, mit denen sich Lehrer, Eltern und Schueler konfrontiert sehen.

Hier also ein kleiner Einblick in das, was ich aus verschiedenen Quellen erfahren habe – die aber, und das möchte ich betonen, natürlich nur ein kleiner Ausschnitt sind und nicht die gesamte Bevölkerung oder alle Institutionen vertreten.

Das tansanische Schulsystem beginnt mit einer Nursery School, die alterstechnisch mit unserem Kindergarten verglichen werden kann. Allerdings haben diese beiden Institutionen fast nichts gemeinsam. In Tansania heißt es für die kleinen Mädchen und Jungs neben spielen, singen und tanzen nämlich schon richtig lernen. Schreiben, Lesen, die ersten Schritte in Mathematik und Englisch. Ganz schön viel für die kleinen Racker.

Dann geht es für sieben Jahre in die Primary School (Standard 1-7). Die Grundschulen sind hauptsächlich staatlich geführt, aber es gibt auch vereinzelt Privatschulen. In der Theorie lernen die Schüler in diesen Jahren richtig viel und erreichen verglichen mit Deutschland schon fast Mittelstufeniveau – wenn es nach den Lehrbüchern geht. In der Realität sieht es leider nicht so rosig aus. Eine große Herausforderungen sind zum Beispiel viel zu starken Klassengrößen, die einen guten Unterricht kaum ermöglichen bzw. der extrem hoch angesetzte Englischstandard. Von den Schülern wird erwartet, innerhalb kürzester Zeit und mit wenig Unterstützung das Englische so zu erlernen, dass der Unterricht komplett auf Englisch gehalten werden kann. Das ist für die 7 bis 15 Jährigen einfach zu viel auf einmal. Einfacher wird es auch nicht dadurch, dass sogar die Lehrer zum Großteil überfordert sind mit dem erwarteten Engischniveau und oft nicht ausreichend ausgebildet sind. Viele der Grundschullehrer kommen direkt vom zweijährigen-Lehrercollege und sind dementsprechend gerade einmal Anfang bis Mitte 20. Neuerdings überlegt die Regierung, zudem auch noch das Lehrertraining ganz abzuschaffen und den Grundschulunterricht schon zu ermöglichen, wenn man in der weiterführenden Schule den sozialpädagogischen Zweig gewählt hat.

Dann geht es auf die Secondary School (Form 1-4). Wer finanziell gut ausgestattet ist, kann sich eine private Schule leisten, ansonsten gehen die Kinder auf die staatlichen Schulen.

Im Allgemeinen sollte in der weiterführenden Schule nur auf Englisch unterrichtet werden, allerdings wird das eigentlich nur in den Privatschulen durchgeführt. Dies ist aber gar nicht auf die „schlechten Lehrer“ oder die „bösen Regierungsschulen“ zu schieben, sondern vor allem der Tatsache gschuldet, dass viele der Schüler auch nach sieben Jahren Grundschule bis auf wenige Worte fast kein Englisch verstehen und die privaten Schulen beim Einstellungstest da sehr strikt sind. Allzu oft können die Grundschüler nämlich nicht in den Unterricht, weil sie zu Hause helfen müssen – Viehhüten, kochen und putzen, auf die kleinen Geschwister aufpassen, auf dem Markt verkaufen etc. Je mehr verpasste Stunden und Übungen, desto mehr hapert es natürlich auch am Englischen. Und da bei den Klassengrößen von bis zu 50 Schülern auch die Einzelbetreuuung auf der Strecke bleibt, ist das also eigentlich kein Wunder.

Nach vier weiteren Jahren der Ausbildung können die Besten dann noch mit Form 5 und 6 weitermachen, was so ungefähr unserer Oberstufe entspricht. Danach sind sie befähigt, in die Universität zu gehen. Das ist dann tatsächlich die „crème de la crème“. Positiver Weise lässt sich ein immer höherer Studentenanteil in der Bevölkerung feststellen, was auch den Grund hat, dass den jungen Leuten nachweislich die schulische Ausbildung selbst immer wichtiger wird und sich dementsprechend sehr anstrengen.

Damit aber all die anderen Schüler nicht „auf der Strecke bleiben“, sind hier die sogenannten Colleges sehr beliebt. Das sind Trainingscenter, in denen die jungen Menschen auch studieren können, selbst wenn sie nicht mit dem akademischen Grad abschließen wie die Universitätsstudenten.

Hier muss aber auch noch einmal zwischen den Trainingscenters für Grundschulabgänger und Abgänger der weiterführenden Schulen unterschieden werden. Erstere bilden vor allem in handwerklichen Berufen aus, wie Nähen, Kochen, Techniker aber auch Tour-Guides. Zweitere bietet auch Ingenieurwesen, Computer, Lehramt etc. an. Und mit diesem Abschluss sehen die Jobchancen gar nicht einmal so schlecht aus, da der praktische Anteil, wie in Deutschland bei der Ausbildung, wesentlich höher ist und dies im ökonomisch fortschrittlichen Tansania hauptsächlich gebraucht wird.

Die große Herausforderung für die handwerklichen Trainingscenters besteht, und dabei spreche ich aus Erfahrung in dem Homecraft-Center, in dem ich derzeit arbeite, dass die Institutionen, die für Lehrinhalten, Examen etc. verantwortlich sind, ihren Standard immer mehr erhöhen wollen und sozusagen Gymnasialniveau (bzw hier eben Secondary-Niveau) anstreben. Das hat zur Folge, dass in allen großen Fächern zusätzlich viele Nebenfächer unterrichtet werden müssen. Und das alles auch noch mal auf Englisch. Jetzt erinnern wir uns zurück, dass die meisten Schüler dieser Centers von der Grundschule kommen und deswegen wenig bis kaum Englisch sprechen. Wie dem beikommen? In dem man stur auswendig lernt in einer Sprache, die man nicht ganz versteht und deswegen auch über den Inhalt nicht ganz sicher ist. Obwohl das sicherlich an sich eine gute Methode für gute Noten ist, verfehlt sie doch irgendwie ihren Sinn, auch Transferleistungen vollbringen zu können. Das führt letztendlich zur falschen Schwerpunktsetzung, die weit von der Praxis wegführt und tief in die Theorie hinein, was aber ja eigentlich in der tatsächlichen Wirtschaft gar nicht so gebraucht wird.

Hinzu kommt, dass dadurch die Kosten an den Colleges um einiges höher werden, da mehr Lehrer eingestellt werden müssen, mehr Unterrichtsmaterial gebraucht wird, Gebäude bereitgestellt werden müssen etc. Leider sind aber viele jener Schüler unter anderem nicht weiter auf die Secondary gegangen, weil das Geld gefehlt hat – das sich auch bis jetzt nicht vermehrt hat. Das führt dazu, dass auch immer mehr Eltern Schwierigkeiten haben, ihren Kindern wenigstens eine handwerkliche Ausbildung zu ermöglichen.

Was könnte nun bei all diesen Herausforderungen die Lösung sein? Eine einzelne gibt es sicherlich nicht, aber die Menschen, mit denen ich gesprochen habe, hatten so einige gute Lösungsansätze und Ideen:

  1. Lehrerausbildung

Schafft man es, die neuen Lehrer und Lehrerinnen so gut auszubilden, dass sie sowohl inhaltlich als auch sozialpädagogisch gut vorbereitet sind, kann die Herausforderung der großen Klassengrößen, des Englischen und der Vermittlung von Allgemeinwissen besser bewältigt werden. Dann werden es auch mehr Kids auf die Secondary schaffen, von da auf Colleges und in die Oberschulen. Das würde eine ganz breite Bevölkerungsschicht auf einen wesentlich höheren Bildungsstand katapultieren.

  1. Förderung der staatlichen Schulen
    Wenn dann noch das Ausbildungsniveau der Regierungsschulen gehoben werden kann, eben durch besser ausgebildete und erfahrenere Lehrer und mehr Finanzmittel für Schulmaterialien, kann auch den Menschen mit kleinem Geldbeutel eine gute Bildung ermöglicht werden – nicht nur den reichen Privatschulkindern bzw. den Glücklichen, die einen Sponsor gefunden haben.
  2. Verstärkung des Rechts auf Bildung

Ein weiterer Ansatz ist das Recht für Kinder, zur Schule gehen zu dürfen, zu stärken. Aufzupassen, dass Kinderarbeit vermieden wird und zwischen Mädchen und Jungen kein Unterschied gemacht wird. Aber da hat man oft Schwierigkeiten, an die einzelnen Familien heranzukommen, vor allem in den außerhalb lebenden Stämmen, in denen das häufig noch ein schwerwiegender Punkt ist.

  1. Praxisvertiefung

Eine weitere Idee ist bereits in der Secondary mit mehr praktischen Einheiten zu beginnen, um den Schülern, falls sie den Abschluss nicht schaffen sollten, wenigstens praktische Kenntnisse vermittelt zu haben, mit denen sie Jobs bekommen können. Inwiefern das allerdings das Bestehen der Trainingscenters beeinflussen könnte, darf auch nicht unbeachtet gelassen werden.

  1. Kiswahili durchsetzen

Meine persönliche Überzeugung ist außerdem, dass viel mehr erreicht werden könnte, würde man die Schüler in ihrer Mutter- und Landessprache studieren lassen, nämlich auf Kiswahili. Man muss sich nur einmal vorstellen, alle Abiturienten in Deutschland müssten das Abitur komplett auf Englisch schreiben – da hätten wir auch mit wesentlich schlechteren Ergebnissen zu rechnen und die Proteste wären laut.

Ich denke, es gibt noch viel zu tun, was das tansanische Bildungssystem betrifft. Ich habe jedoch gute Hoffnung, dass es vorwärts gehen wird. Warum? Weil ich all diese kritischen Punkte und Zukunftsvisionen eben in Gesprächen mit Tansaniern zu hören bekommen habe. Die Bevölkerung ist sich der Situation also sehr bewusst und fordert sehr deutlich Reformen von der Regierung (was vor allem jetzt vor den Wahlen klar erkennbar ist). Die Bewegung kommt von den Bürgern selbst und nahezu ohne Unterstützung vom Ausland oder von NGO’s, die sich einmischen.

Und darauf sind die Tansanier sehr sehr stolz!

Papst Franziskus besucht Bolivien

In Bolivien geschieht so manches auf den letzten Drücker“ oder noch später. So auch beim bevorstehenden Papstbesuch vom 8. bis 10. Juli. Vor drei Monaten war es noch nicht klar oder offiziell: Hat Präsident Evo Morales den Papst eingeladen und seine Zusage erhalten? Was sagen die bolivianische Bischofskonferenz und der Nuntius? Schließlich war es dann doch amtlich, dass Papst Franziskus von Ecuador nach Bolivien kommt und dann nach Paraguay weiterfliegt.

morales-franziskus-foto-Gabriela-Bonus-movimientospopulares-org
Boliviens Staatspräsident Evo Morales bei Papst Franziskus in Rom. Foto: Gabriela Bonus

Weihbischof Aurelio Pessoa, ein Franziskaner, wurde von der Bischofskonferenz zum offiziellen Koordinator ernannt. Da der Papst nur wenige Stunden in La Paz sein wird und fast zwei Tage dann in Santa Cruz, ist Bischof Aurelio auch immer wieder in Santa Cruz und quartiert sich hier in seinem Kloster ein. So haben wir Auskunft aus erster Hand, wenn auch unter strenger Vertraulichkeit.

Hier in Santa Cruz wird der Papst einen Besuch im berühmten Gefängnis Palmasola machen. Wie man hört, sitzen dort viele ohne Verurteilung ein. Hoffentlich kann der Papst hier etwas bewegen. Außerdem gibt es ein Treffen mit Priestern und Ordensleuten, und ein anderes mit den bolivianischen Bischöfen.

Die große Messe wird am Donnerstag, 9. Juli, an einer wichtigen Strassenkreuzung stattfinden, wo das Denkmal “El Cristo” steht. Der Papstaltar wird im Stil der Fassade der ehemaligen Jesuitenkirche Concepcion erstellt, mit geschnitzten Holzsäulen. Darüber freue ich mich persönlich sehr, da ich dort 26 Jahre Pfarrer an der Kathedrale war. Einige diese Jesuitenkirchen wurden von Franzikanern restauriert und sind seit 1990 Weltkulturerbe.

Zur Papstmesse erwartet man bis zu zwei Millionen Menschen, auch aus den Nachbarländern, besonders aus Argentinien, den der Papst stammt von dort. Nun geht es darum, dies alles zu organisieren und auch für die Sicherheit des Papstes zu sorgen. Das gibt sicherlich noch einiges Kopfzerbrechen für die Kirche und die Politiker…

In unserem Franziskanerkloster San Antonio haben wir auch intensiv mit dem Papstbesuch zu tun. 1988 war der erste Papstbesuch in Bolivien: Johannes Paul II, und er war hier in San Antonio untergebracht. Dieses Zimmer ist das sogenannte Papstzimmer, und seitdem ist es eine “Gnade” für jeden Besuch, dort schlafen zu dürfen. Diesmal soll der Papst im Haus des Kardinals einlogiert werden. Es gibt ja nur einen einzigen Kardinal, Julio Terrazas, und er ist Bolivianer. Er war in letzter Zeit sehr krank, so dass manche meinten, der Papst komme doch wieder nach San Antonio. Allerdings kommen 30 Leute seiner Komission hier bei uns im neuen Exerzitienhaus für zwei Nächte unter. Das ist zwar eine Ehre für uns, aber es bringt auch Aufgaben mit sich: Unterkunft, Essen, Sicherheit… Es sollen auch Bischöfe und Kardinäle darunter sein.

Nun erscheinen zunehmend auch große Plakate mit dem Bild des Papstes, und das Motto ist: „Mit Franziskus das Evangelium verkünden“. Hoffentlich gelingt uns dies vor, während und nach dem Papstbesuch. Der Papst kommt und geht – wir bleiben. Und Bolivien braucht – ohne Zweifel – Evangelium. Möge der Papstbesuch dafür eine Hilfe sein.

Kirche in Bolivien: Interview mit dem Erzbischof von Sucre, Jesús Juárez Párraga SDB

Eine Liebeserklärung

„Oh, der Gottesdienst sollte um 7 Uhr anfangen? Ich dachte, wir sollen erst um 7.30 Uhr da sein? Naja, hab ich wohl mal wieder die Zeit meinen Bedürfnissen angepasst.“ – War er wohl nicht der einzige, auch der Pfarrer war deutlich später dran, so dass alle genügend Zeit hatten, zu spät und trotzdem pünktlich zu kommen. Selbiger Freund schuldet mir eine Tasse Chibwantu, weil er meinte, dieses Mal komme er pünktlich, also so wirklich. Ich war bei der Chorprobe, um die es ging, auch fast 20 Minuten zu spät – so langsam gewöhne ich mich an die sambische Zeit – aber immer noch pünktlicher als er. Wir können immer wieder drüber lachen. Und irgendwo da fängt der Kulturaustausch an. Er versucht, pünktlicher zu kommen und ich nehme Uhrzeiten nicht mehr ganz so ernst.

Vorschule in Choma/Sambia. Foto: Anna Hofbeck
Vorschule in Choma/Sambia. Foto: Anna Hofbeck

 

Das schöne an der Zeit, die ich mit den Jugendlichen bei der Kirche verbringe, ist, dass ich für sie nicht mehr nur die Muzungu (Weiße) bin, sondern ich mich dort als Person, als Anna, als Freundin, angenommen fühle. Als neulich eine Neue zu einem der Jugendtreffen gekommen ist und ich mich in der Vorstellungsrunde als Anna aus Deutschland vorgestellt habe, wurde ich gleich korrigiert – nein, ich bin jetzt aus Sambia. Auch meine Mom meinte, ich benehme mich, als wäre ich schon deutlich länger hier als einen guten Monat. Natürlich merke ich oft, dass ich bei weitem nicht immer weiß, wie ich mich zu verhalten habe oder in einigen Situationen sehr auf Hilfe angewiesen bin, aber es macht trotzdem glücklich, so was zu hören. Und außerdem fühlt es sich irgendwie auch so an. Als ob ich schon länger hier lebe, als ob ich hier daheim bin, als ob es sich einfach so gehört.

Als ich Leuten in Deutschland erzählt habe, dass ich für ein Jahr nach Sambia gehe, haben viele gemeint, wow, da haben sie Respekt davor – ein Jahr ist eine lange Zeit und so ganz alleine in eine ganz fremde Kultur… Und ich habe immer gedacht, ein Jahr geht auch rum und ich hatte eigentlich nie wirklich Angst oder war richtig aufgeregt (außer ganz zum Schluss die letzten Tage und Stunden vor dem Abflug). Und es hätte sich auch nicht gelohnt, aufgeregt und ängstlich zu sein, weil es sich jetzt einfach nur normal anfühlt, hier zu sein. Der einzige Nachteil davon ist, dass man gar nicht mitkriegt, wie schnell die Zeit vergeht.

Und die Zeit vergeht wirklich schnell, weil ich in meinem vollgepackten Alltag ständig kleine neue Dinge entdecke oder erlebe, die mich einfach zum Schmunzeln, lachen oder nachdenken bringen, oder dazu, mich immer mehr in dieses Land und dieses Leben zu verlieben.

Als wunderschönen, fast magischen Moment habe ich zum Beispiel empfunden, als ich vor ein paar Tagen abends mit meiner kleinen Cousine getanzt habe. Meine Oma kann nicht laufen, also sind wir um ihr Bett getanzt – zu den immer gleichen Liedern, weil ich noch nicht viel sambische Musik auf dem Handy habe, und im Kerzenschein, denn wir hatten Stromausfall. Und der Abend hätte nicht schöner sein können.

Oder als wir Jugendlichen Ziegelsteine geschlichtet haben. Da die Kirche, zu der ich gehöre, bald eine eigene Pfarrei sein soll, werden Aktionen gestartet um Geld zu verdienen. Eine davon ist das Brennen und Verkaufen von Ziegelsteinen. Alle packen mit an, und so war auch die Jugend gefragt. Die Arbeit hat Spaß gemacht, was die anderen anfangs gar nicht glauben wollten – ich als Weiße und körperliche Arbeit? –, war aber doch anstrengend und wir waren alle hungrig danach. Wir haben Brot und Saft gekauft und dieses einfache Essen zusammen mit Freunden hat besser geschmeckt als so manch aufwendig Gekochtes.

Oder als ich letztens mit einer der Schwestern im Krankenhaus Fotos auf meinem Handy angeschaut habe, als es gerade nichts zu tun gab. Als ich ein Bild von Zügen kommentiert habe, dass die bei uns eines der schnellsten Fortbewegungsmittel sind, hat sie mindestens fünf Minuten durchgelacht, um mir zwischendrin zu erklären, dass Züge hier nicht nur langsam, sondern unglaublich langsam sind und ich ja nicht mit dem Zug fahren soll. Sie meinte, so hätte sie schon lange nicht mehr gelacht, I made her day.

Oder als wir unseren letzten Vorbereitungsblock mit Sister Chrisencia in Livingstone einfach hinten auf der Ladefläche des Pick-Ups gemacht haben. Richtig schön afrikanisch improvisiert und spontan eben.

Oder viele andere Kleinigkeiten – die Freude eines der Kinder aus der Pre-School, in der ich arbeite, wenn es mich auf der Straße trifft; das fast wöchentliche Chibwantu (sweet beer / traditionelles Maisgetränk)–kochen mit den Jugendlichen; der Tag, an dem meine ganz kleine Cousine nicht mehr geweint, sondern gelacht hat, als ich sie gehalten habe; das abendliche Spülen im Hof; das Singen (oder Summen, wenn ich den Text auf Tonga nicht kann) im Chor; die Abende mit meiner Mom, wenn wir über Unterschiede im sambischen und deutschen Leben reden; Tanzen mit Freunden; ein Dankeschön von einer der Schwestern im Krankenhaus, wenn ich ihr ein bisschen Arbeit an einem stressigen Tag abnehmen konnte; das Leuchten herumliegender Plastiktüten im Licht der tief stehenden Sonne; der von der Strecke her kurze aber von der Zeit her lange Weg nach Hause von den Jugendtreffen, weil wir über alles mögliche reden und lachen müssen; oder einfach das Glitzern der Wassertropfen im nassen kurzen schwarzen Haar meiner Cousine.

Und wer weiß, vielleicht hat mir deswegen heute ein Freund den Tonga-Namen Luyando – Liebe – gegeben. Vielleicht hat er einfach gemerkt, dass ich dieses, mein sambisches Leben liebe.

Anna Hofbeck alias Luyando Munkombwe