Weggemeinschaft im benediktinischen Lebensstil

Mit der aufgehenden Sonne über dem See von Genezareth nachösterliche Grüße in die Heimat! Zeit ist vergangen, gefüllt mit viel Leben – innerlich und äußerlich.

Die kühle Winterzeit haben wir neben viel häuslicher Arbeit dazu genutzt, für unsere Besuchergruppen in Beit Noah einen Minigolfplatz zu bauen und mit Arche Noah-Figuren zu gestalten. Dazu wurden zerschnittene T-Shirts in Beton getaucht und um Figuren gewickelt, gefüllt und dann mit Farbe gestaltet. Insgesamt viel kreative Arbeit, die uns gut miteinander verbunden hat und am Ende ein gelungener Anblick ist und Freude am gemeinsamen Spiel bewirken soll.

Tabgha ist ein Ort, der vom Kommen und Gehen und vom Geben und Empfangen lebt. Wer hier lebt, gibt dem Ort Leben durch das, was er einbringt und wie er es einbringt. In dieser Haltung ging Sr. Felicity zurück auf die Philippinen, um Platz zu machen für eine neue Schwester, die wir erwarten. Wir haben sie auf verschiedene Weise verabschiedet und sind dankbar für ihr Lebenszeugnis.

Gemeinsam mit Pater Matthias habe ich für die Volontäre eine Zeit der Weggemeinschaft auf Ostern hin und darüber hinaus angeboten, zu der auch verschiedene Mönche sich inhaltlich einbrachten. Eine gute Zeit, die am Berg Tabor mit Bibel teilen und Picknicken begonnen hat, uns etwas monastische Lebensweise und Psalmengebet erklärt hat. Sie diente uns auch als Vorbereitung auf die 1. Profess der zwei jungen Novizen Br. Nathanael und Br. Simeon in der Dormitio-Abtei Jerusalem, der wir alle beiwohnten. Mit dabei waren meine Mutter, Bruder, Schwägerin und Sohn, die gerade zu Besuch waren.

Pater Matthias führte uns anschaulich in das Triduum Paschale ein. Zu dessen Inhalt hat jeder von uns dann ein Bild aus kleinen Stoffstücken gestaltet, das ich mit der Nähmaschine etwas bearbeitete und in Karten verwandelte. Das Bild oben ist von Joe, einem unserer amerikanischen Volontäre. Er hat die Fußwaschung Jesu gestaltet, die daran erinnert, dass wir hier sind, um einander zu dienen, wie Jesus es tat, und damit Licht in die Welt bringen.

Ein vorläufiges Ende fand die Weggemeinschaft bei Peter’s Primacy, der kleinen Kirche der Franziskaner nebenan. Dort haben wir als Bibliodrama die Begegnung des Auferstandenen mit den Jüngern am See gestaltet, sozusagen die Geschichte vor Ort mit Personen belebt. Das war eine aufschlussreiche Erfahrung für uns alle. Danach hat Prior Basilius Fisch nach amerikanischer Art – auf in Wasser eingelegten Holzbrettern – gegrillt und uns dazu Brot gereicht. Lecker und rauchig!

Ostern hier zu erleben ist etwas, das sich wohl viele Menschen wünschen. Einfach ein Geschenk! Wie schon an Weihnachten, konnte ich auch an Ostern feststellen, wie schön es ist, wenn so viele Menschen zusammen helfen, dass der äußere Rahmen passt und erfüllt werden kann mit wirklich sinnvollen Inhalten.

Die Osternacht begann um 4 Uhr am Osterfeuer. Nach dem Wortgottesdienst zogen wir zur Eucharistiefeier nach Dalmanita an den See Genezareth, wo gerade die Sonne wie ein großer Ball aufging und auf die Gaben von Brot und Wein schien, die hier täglich in beiden Gestalten gereicht werden.

Das Osterfrühstück fand im Pilgerhaus zusammen mit allen Gästen, Pilgern, Volontären, Schwestern, Mönchen und Msgr. Ludger Bornemann, dem Leiter Hauses, statt. Nachmittags fuhren wir mit dem Schiff von En Gev nach Tiberias. Der Ausflug am Ostermontag mit Mönchen und Volontären ging durch das Taubental, der Weg, den Jesus seinerzeit auch nahm, um von Nazareth kommend an den See zu gelangen.

In Beit Noah sind die Zelte wieder aufgestellt, so können in Häusern und Zelten bis zu 80 Personen wohnen und sich selbst versorgen. Gerade ist eine Gruppe aus Bethlehem mit blinden Kindern da. Alle spielen am Pool, werfen Steine, aber niemand fällt hinein. Es sind sehr fröhliche Kinder, die uns zeigen, wie viel Sinne der Mensch noch hat und wie viel Lebensfreude.

Nun bin ich sieben von inzwischen 24 beschlossenen Monaten hier und kann sagen, dass wir wie eine Familie zusammengewachsen sind. Es ist nicht jeden Tag Friede, Freude, … Aber wir bilden miteinander eine wohlwollende Gemeinschaft, lachen viel und können auch mal deutlich miteinander reden. Unter „wir“ verstehe ich in der Hauptsache das Zusammenleben von Mönchen, Volontären und Mitarbeitern.

Der Rahmen für das Zusammenleben ist geprägt vom benediktinischen Lebensstil und dem Tagzeitengebet, das dem Tag seine Struktur und seine Pausen vor Gott gibt. Es ersetzt allerdings nicht die persönliche Zeit mit dem Herrn, die uns ja lebendig hält.

Nun klingelt das Glöckchen zur Vesper! Ich grüße Sie/ Euch in der Heimat herzlich und zünde eine Kerze an für die vielen guten Projekte, die über diesen Blog zur Sprache kommen.

Danke für so viel gute Arbeit im Reich Gottes dieser Welt.

Von Drachen, Büchern und Rosen – der heilige Georg und die Katalanen

In Barcelona hat alles angefangen. Dort habe ich verstanden, wie weit ich gehen kann“ (Pablo Picasso, 1881-1973)

Gesunder Menschenverstand und zügellose Leidenschaft, das muss sich nicht unbedingt widersprechen. Wenigstens nicht bei den Katalanen. Dieses selbstbewusste kleine Völkchen im Nordosten Spaniens (nach eigener und fremder Beurteilung ganz und gar nicht spanisch!) demonstriert, wie ein Leben zwischen Vernunft und Wahnsinn problemlos möglich ist. Die Katalanen nennen es „seny“ und „rauxa“ (Vernunft, Besonnenheit und Jähzorn, Leidenschaft). Diese beiden scheinbar gegensätzlichen Charakterzüge gehören selbstverständlich zur katalanischen Volksseele und kommen offensichtlich sehr gut miteinander aus. Der heilige Georg zeigt’s uns.

Sant Jordi ist der Patron, gleichzeitig aber auch der beliebteste Heilige Kataloniens. Im ganzen Land und vor allem in der Landeshauptstadt Barcelona ist er nicht zu übersehen. Fast täglich entdecke ich ihn wieder neu an irgendwelchen Straßenecken und in Parks, an Palästen und natürlich in Kirchen. In der mittelalterlichen Gotik, im „modernisme“ des 18. und 19. Jahrhunderts, aber auch genauso für moderne und zeitgenössische Künstler wie Salvador Dalí oder Josep Subirachs, in allen Zeiten und Epochen war Sant Jordi ein beliebtes Motiv in der Kunst. Fast immer wird er als tapferer Ritter dargestellt, wie er gerade den bösen Drachen bezwingt. Angeblich wird der heilige Georg in Katalonien schon seit dem 8. Jahrhundert verehrt. Beweis dafür sind die unzähligen Kapellen und Kirchen im ganzen Land, die ihm geweiht sind. Bis heute ist Jordi der meistverbreitete männliche Vorname in Katalonien. Auch die Könige verehrten ihn. Jaume I. beschreibt, wie Sant Jordi den Katalanen bei der Eroberung Mallorcas half. 1456 verabschiedete das katalanische Parlament in der Kathedrale von Barcelona eine Verfassung, in der Sant Jordi als Festtag vorgeschrieben wird. Und bis heute prangt an der gotischen Fassade des Regierungspalastes von Katalonien an der Plaça Sant Jaume ein mächtiger Sant Jordi über dem Hauptportal. Im Inneren des weltlichen Gebäudes gibt es eine Kapelle zu Ehren des Heiligen.

Der Kampf zwischen Gut und Böse, Christentum und Heidentum, Tugend und Sünde, seny und rauxa, Vernunft und Irrsinn: Sant Jordi verkörpert die Vereinbarkeit dieser Gegensätze. Historische Informationen gibt es so gut wie keine zu dem Heiligen. Dafür eine umso mehr und reich verwurzelte Legende. Sie erzählt zum Beispiel davon, dass in Montblanc, einer Kleinstadt rund 150 Kilometer westlich von Barcelona auf einem kleinen Hügel nördlich von Tarragona gelegen, wo jedes Jahr ein großes Schauspiel im Rahmen des Mittelalterfestes stattfindet, ein Drache die Bewohner bedroht haben soll. In ihrer Not begannen sie, ihm jeden Tag ein Menschenopfer darzubringen. Eines Tages fiel das Los auf die Tochter des Königs. Bevor der Drachen das Mädchen zu fassen bekam, tauchte Sant Jordi auf einem weißen Pferd auf, tötete den Drachen und befreite damit die Prinzessin und die Bewohner von Montblanc. Aus dem Blut des Drachen soll eine Rose entsprungen sein.

Und das ist dann auch der Grund, warum bis heute in Katalonien am Georgstag (23. April) die Frauen von den Männern mit Rosen beschenkt werden. An allen Ecken und Enden Barcelonas werden dazu Rosen verkauft. Am Abend, wenn man durch die Stadt läuft, wird man kaum eine Frau sehen, die nicht eine Rose bei sich hat. Aber nicht nur Rosen werden überall in den Straßen der Stadt angeboten. Die Straßen Barcelonas gleichen an Sant Jordi einem riesigen Open-Air-Buchladen. Die gesamten Ramblas (der berühmte Boulevard zwischen der Plaça Catalunya und dem alten Hafen), der ganze Plaça Sant Jaume (zentraler Platz im gotischen Viertel mit dem Rathaus und dem katalanischen Regierungsgebäude), genauso fast alle Gassen der Innenstadt sind voll von Buchständen. Im Jahr 1923 hatte Vincent Claver Andres den genialen Einfall, den Todestag von Miguel de Cervantes (übrigens auch der Todestag von William Shakespeare, 23. April 1616) zu einem Tag des Buches auszurufen. Seitdem revanchieren sich die Frauen bei den Männern für die Rosen, indem sie ihnen ein gutes Buch schenken. Angeblich sollen in der spanischen Verlagsmetropole Barcelona an diesem Tag allein 400.000 Bücher verkauft werden, was rund zehn Prozent der jährlich verkauften Bücher in Katalonien entspricht. Doch der Tag des heiligen Georg ist in Barcelona viel mehr als nur ein besonderer Tag des Buches. Es ist vor allem auch eine Feier der katalanischen Sprache und Identität. Neben den unendlichen Büchertischen und Rosenständen hängt an allen Hauswänden die gelbe, rot-gestreifte katalanische Flagge. Bäckereien verkaufen das typische, gelb-rot-gestreifte Sant Jordi-Brot. Überall in der Stadt wird katalanische Literatur rezitiert. Man kann Bücher von Autoren signieren lassen und an manchen Orten sogar kostenlose Katalan-Kurse besuchen.

El dia de Sant Jordi: Für die Katalanen ist das ein Tag der Liebe und der Kultur, der Tradition und der Literatur, der Romantik und der Vernunft. Und das Ganze tief verwurzelt im traditionellen katholischen Glauben, auch wenn man längst in einer durch und durch säkularen Gesellschaft einen völlig religionskritischen Lebensstil pflegt. Für manche Nicht-Katalanen passt da vieles nicht zusammen. Die Katalanen jedoch haben da keine Probleme. Ihnen gefallen die bunte Vielfalt und die heftige Auseinandersetzung.

Ich habe die Rosen für meine Hausfrau und die Sekretärin schon gekauft. Und ich bin gespannt, welche Bücher ich heuer geschenkt bekommen werde.

Kongo, Krieg und unsere Handys

Der Shalompreis 2015 vom Arbeitskreis Shalom für Gerechtigkeit und Frieden an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt geht an ein Projekt im Kongo. Thérèse Mema, Sozialarbeiterin und Trauma-Therapeutin, kümmert sich um Opfer sexualisierter Gewalt. Die diesjährige Shalom-Aktion hat am Sonntag, 19. April, mit einem Gottesdienst im Salesianum-Rosental begonnen. Die Preisverleihung ist am 20. Juni im Spiegelsaal der Residenz Eichstätt.

„Eure Handys haben etwas mit unserem Krieg zu tun“: Das sagt Thérèse Mema, die sich um vergewaltigte, traumatisierte Frauen kümmert. Sie kommt aus dem Land, das von den Vereinten Nationen als das gefährlichste Land für Frauen bezeichnet wird – aus dem Kongo. Vergewaltigung wird dort als „Waffe“ im Krieg eingesetzt, Rebellengruppen vertreiben die Zivilbevölkerung brutal.

In der Grenzregion des Ost-Kongo kämpfen verschiedene ethnische Gruppen ebenso wie das kongolesische Militär und paramilitärische Verbände der Nachbarländer, zum Beispiel Kämpfer aus Ruanda, die nach dem Völkermord 1994 dorthin flohen.

Aber welchen Zusammenhang gibt es zwischen der Grausamkeit im Ost-Kongo und unseren Handys, Smartphones, Tablets und anderen elektronischen Geräten? Zur Halbleiterherstellung wird das seltene Erz Coltan benötigt. Im Ost-Kongo gibt es reiche Vorkommen an Wolfram, Gold, Diamanten – und Coltan.

Die Paramilitärs und Rebellen kontrollieren den Großteil der ungefähr 900 Minen, mehr und mehr wurden von ausländischen Firmen übernommen. Die Menschen aus den Dörfern werden gezwungen, die Erze mit Schaufeln, manchmal mit den bloßen Händen aus dem Boden zu holen. Mit dem Erlös aus dem Verkauf der Roherze finanzieren die Paramilitärs Waffenkäufe. Über verschiedene Zwischenhändler landen die Erze in Mombasa/Kenia und werden zur Verarbeitung nach Asien transportiert. Der Profit der Händler am Ende der Kette ist groß.

Das Leid der vergewaltigten Frauen, manchmal auch Kinder, ist unsagbar. Die Sozialarbeiterin und Trauma-Therapeutin Thérèse Mema fährt in die Dörfer, in die Minen, und hört von unfassbaren Grausamkeiten, Verstümmelungen, die den versklavten Männern und Frauen angetan wurden und werden. Wer zu fliehen versucht oder sich verweigert, wird ermordet. Keine offizielle Stelle wie etwa Polizei, Regierung oder Soldaten, versuchen, das Schicksal der verschleppten Menschen aufzuklären. Manchmal retten vereinzelt Angehörige der Armee einige Verschleppte.

Thérèse Mema hat zusammen mit der Katholischen Organisation Justice et Paix in 18 Dörfern südlich von Bukavu Traumazentren errichtet. Sie hat sie Centre d’Ecoute – Orte des Zuhörens – genannt. Mit großem Einfühlungsvermögen und Zuneigung hört sie den gequälten Überlebenden zu. Die 31-jährige Sozialarbeiterin begleitet die Frauen ins Krankenhaus und leistet psychologische Hilfe. Therese Mema schulte Sozialarbeiter vor Ort, damit die in den Dörfern erklären, warum es gut ist, über die grausamen Erfahrungen zu reden. Justice et Paix wird vom katholischen Hilfswerk missio finanziell unterstützt. Damit die Traumazentren weiter bestehen können, ist jede Spende wichtig.

„Nein zu Blut-Telefonen“ ist eine Aktion im Kongo, die von missio auch in Deutschland publik gemacht wird und Thérèse Mema ein großes Anliegen ist. Illegal gefördertes Erz soll nicht verwendet werden. Ein Artikel in der Frauenzeitschrift Brigitte mit einer Reportage über den Zusammenhang zwischen „ihrer Hölle und unseren Handys“ wie es in der Überschrift hieß, rüttelte viele Menschen auf.

Mehr zum Thema: AK-Shalom

Wandern im National Park Torres del Paine

Seit meinem letzten Blogbeitrag ist wieder einige Zeit vergangen und ziemlich viel passiert. In den hiesigen Sommerferien habe ich mit meinen beiden Mitfreiwilligen den alten Rasen der Spielwiese der Sala Cuna (Kinderkrippe) rausgerissen und einen neuen Rollrasen verlegt. Das war eine ziemlich harte Arbeit, und in Chile verläuft alles immer etwas anders als geplant. Aber nach einer Woche schwerer Arbeit mit vier weiteren Mädels bei 35°C in der prallen Sonne haben wir auch diese Aktion glücklich hinter uns gebracht. An dieser Stelle möchte ich noch einmal allen Spendern sehr herzlich danken, durch deren Geld dieses Projekt verwirklicht werden konnte.

Und dann ging‘s ab in den Urlaub.
1.    Stopp: Osorno
Mit einer Mitfreiwilligen (Franzi) machte ich mich mit dem Bus auf Richtung Osorno zu Pater Juan. Der Kapuzinerpater arbeitet als Kaplan in der Pfarrei San Leopoldo Mándic in Rahue Alto. Dort haben wir am ersten Tag seiner Sekretärin bei verschiedenen anfallenden Dingen geholfen. Am Sonntag sind wir dann mit ihm ans Meer gefahren. Am nächsten Tag sind wir früh morgens los, um über Schotterwege nach Pucón zu kommen. Obwohl wir sechs Stunden unterwegs waren, hat sich schon allein die Hinfahrt gelohnt, denn die Gegend ist wirklich wunderschön.

2. Stopp: die Insel Chilóe
Dort haben wir zwei Nächte verbracht und sowohl Ancud als auch Castro besucht. Die Insel ist zwar landschaftlich sehr schön, leider hatten wir nicht so tolles Wetter, deswegen konnten wir nicht so viel unternehmen.

3.    Stopp: Torres del Paine
Mit dem Flugzeug ging es von Puerto Montt aus nach Punta Arenas, die südlichste Großstadt der Welt. Von dort sind wir gleich weiter nach Puerto Natales, um uns fertig auszustatten für den Besuch im Torres del Paine.
Am Samstagmorgen ging es los mit dem großen Abenteuer – fünf Tage Wandern im Torres del Paine, einem der schönsten Nationalparks weltweit. Mit Zelt, Isomatte, Schlafsack, Gaskocher, warmen Klamotten (es war saukalt und echt windig) und Essen für fünf Tage sind wir losgestapft. Rauf und runter über Stock und Stein. Die ersten drei Tage war das Wetter wirklich schön und um jede Ecke, die wir kamen, wurde die Landschaft noch schöner. Es war wirklich traumhaft. Am 4. Tag hat es leider sehr geregnet und gewindet und wir hatten wirklich Angst, dass unser Zelt davonfliegt. Gott sei Dank war das Wetter dann am letzten Tag, als wir zum Grey-Gletscher gelaufen sind, wieder besser. Man kann nur sagen, dass es sich wirklich lohnt, dort hinzufahren! (Hier noch Franzi’s Blogeintrag zu unserem gemeinsamen Urlaub).

Ja, das war’s mit meinem Urlaub. Ich habe mich auch sehr gefreut, nach zwei Wochen wieder nach Hause nach Santiago zu kommen. Kaum angekommen war ich auch schon wieder weg, da wir mit allen Freiwilligen drei Tage ein Zwischenseminar in Punta de Tralca (am Meer) hatten.

Seit Anfang März arbeite ich wieder. Es hat sich jetzt alles ein bisschen geändert. Da hier im Februar das neue Schuljahr beginnt, wurden alle Teams neu gemischt und meine Kinder sind in den Kindergarten gekommen. So habe ich jetzt ein neues Team und auch neue Kinder. Die ersten Tage waren wir damit beschäftigt, die Sala neu einzurichten und nach einer Woche sind die neuen Kinder gekommen. Sie sind zwischen 11 und 14 Monate alt und die meisten können auch noch nicht laufen bzw. manche auch noch nicht krabbeln. Es ist für mich schon eine Umstellung, jetzt mit den wirklich kleinen Kindern zu arbeiten, aber trotz allem macht es mir immer noch sehr viel Spaß und die Kleinen sind einfach mega süß.

Die Zeit nach dem Flugzeugunglück in Barcelona

Wir saßen gerade beim Mittagessen, als wir davon hörten. Sowohl die deutschen als auch die spanischen Medien berichteten nur noch über dieses unvorstellbare Ereignis: Ein Germanwings-Flugzeug soll auf seinem Flug von Barcelona nach Düsseldorf in den südfranzösischen Alpen mit 150 Personen an Bord abgestürzt sein. Unvorstellbar! Erst vor zweieinhalb Tagen bin ich mit Lufthansa von München nach Barcelona geflogen.

Schon läutet das Telefon. Eine katholische Religionslehrerin und Kollegin aus der Deutschen Schule Barcelona. Ob ich schon wisse, was passiert ist. Zwei Väter von Schülern saßen anscheinend in der Unglücksmaschine. Immer wieder läutet das Telefon. Ich kann es einfach nicht fassen.

In den Medien sprechen sie davon, dass am Flughafen in El Prat, Barcelona, ein Raum eingerichtet wurde, wo die Angehörigen der Verunglückten empfangen und betreut werden. Ich überlege nicht lange und mache mich sofort mit dem Auto auf den Weg zum Flughafen. Zuvor telefoniere ich noch mit Holger Lübs, dem Pfarrer der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde. Wir sprechen uns ab, was wir tun können. Unterwegs bekomme ich einen Anruf der Schulleitung: Inzwischen hat sich bestätigt, dass drei Väter in dem Flugzeug saßen, von denen fünf Kinder an unserer Schule sind.

Am Flughafen ist schon ein riesiger Auflauf. Unzählige Polizeiautos, eine Menge Übertragungswägen von Radio- und TV-Anstalten, Hunderte von Kameraleuten und Journalisten vor dem Tor des Flughafengebäudes. Als ich mich als deutscher Priester zu erkennen gebe, lässt man mich sofort durch und führt mich in ein Hintergebäude. Vizekonsul Bachmann vom Deutschen Generalkonsulat und zwei deutschsprachige Psychologinnen sind bereits vor Ort. Wir sprechen mit einem Vertreter der Flughafenverwaltung. Immer wieder treffen Angehörige ein. Sie werden sofort von der Presse und der Öffentlichkeit abgeschirmt. Deutsche Angehörige kommen nicht an den Flughafen.

Das Schlimmste ist, man fühlt sich völlig hilflos. Man kann scheinbar nichts tun. Ich stehe oder sitze mal bei dem einen, dann bei einem anderen Angehörigen, höre einfach zu, reiche etwas zu trinken, nehme die Person in den Arm, und sage vielleicht noch, wie unvorstellbar das auch für mich ist.

Ärzte nehmen den Angehörigen die DNA ab, damit man die Opfer später identifizieren kann. Es werden die Namen und die Kontaktdaten der Angehörigen aufgenommen. Sie werden dadurch „beschäftigt“. Eine Lufthansa-Sprecherin richtet sich an die Angehörigen. Man bietet den Angehörigen an, sie in Hotels zu bringen, wo sie in Ruhe betreut und informiert werden können.

Inzwischen ist es 18 Uhr. Wir deutschen Helfer können in El Prat nicht mehr viel tun, vor allem auch, weil keine deutschen Angehörigen an den Flughafen gekommen sind. Ich fahre zurück in die Stadt. Im Laufe des Nachmittags hatte ich mit meinem evangelischen Kollegen eine spontane Andacht organisiert. Der ökumenische Kirchenchor der beiden deutschsprachigen Gemeinden trifft sich jeden Dienstag um 20 Uhr in der evangelischen Gemeinde zu seiner wöchentlichen Probe. Der Chor studiert gerade die Choräle aus der Johannes-Passion von Bach ein. Über unsere Email-Verteiler laden wir alle Mitglieder unserer Gemeinden ein.

Deutsche Schule schockiert

An die hundert Personen sind der spontanen Einladung gefolgt. Viele sprechen mich an und sind dankbar für die Möglichkeit dieses gemeinsamen Gebetes. Viele sind zum Teil direkt aus dem Büro in die evangelische Kirche gekommen und treffen sich hier mit ihren Familienangehörigen. Es herrscht eine ruhige, andächtige Stimmung. Alles ist geprägt von einer allgemeinen Sprachlosigkeit. Auch der Gottesdienst. Wir beten den Psalm 22: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Es ist das Gebet Jesu, das er am Kreuz sterbend seinem Vater zu schreit. Warum? Auch Jesus begreift den Sinn des Leidens und des Sterbens nicht. Wir singen das Lied „Von guten Mächten still und treu umgeben“. Dietrich Bonhoeffer, der das Gedicht kurz vor seinem Tod im KZ geschrieben hat, war in den 1920er Jahren als Vikar in der Deutschsprachigen Evangelischen Gemeinde Barcelona. Das einzige, was wir tun können, ist, die Opfer, die Angehörigen, uns, unsere Fragen, unsere Verzweiflung, unsere Wut, unsere Trauer Gott hinzuhalten. Auch wenn wir vielleicht in dem Augenblick an diesen Gott überhaupt nicht glauben können und wollen.

Fünf Kinder aus der Deutschen Schule Barcelona haben bei dem tragischen Flugunglück plötzlich ihren Vater verloren. Diese schreckliche Tatsache hat die ganze Schule in einen gewissen Schockzustand versetzt. Für die meisten in der deutschen Gemeinde gehört es fast zum Alltag, regelmäßig mit dem Flugzeug zu verreisen. Nicht wenige Eltern von Schülern der DSB (Deutsche Schule Barcelona) sind beruflich gezwungen mehrmals wöchentlich zu fliegen.

Am Mittwochmorgen, am Tag nach dem Unglückstag, vor halb acht, als die ersten Schüler und Lehrer in die Schule kommen, stehe ich bereits in der großen Eingangshalle. Es gibt fast nur das eine Thema. Nach einer kurzen Besprechung mit der Schulleitung setze ich mich mit dem evangelischen Pfarrer zusammen und wir bereiten eine Andacht für die große Pause vor. Einen kleinen Raum neben der Eingangshalle, wo wir die wöchentliche Schulandacht abhalten, haben wir kurzfristig zu einem stillen „Rückzugsort“ umgestaltet. In der Mitte ein paar unaufdringliche Tücher, darauf eine schlichte, brennende Kerze und ein einfaches Kreuz. Während des ganzen Vormittags kommen immer wieder Schüler und Schülerinnen – vor allem aus den Oberstufen – und suchen das Gespräch mit uns. Ich kenne sie zum Teil aus dem Religionsunterricht oder von der Firmvorbereitung. Jeder sucht verzweifelt nach einer Antwort. Aber niemand weiß eine Antwort. Es fehlen die Worte, mit denen wir unsere Gefühle ausdrücken können. Oft bleiben nur Tränen, ein stiller Händedruck, eine Umarmung.

„Mein Gott, mein Gott, warum…“

„Jeder, der teilnehmen möchte, ist herzlich eingeladen!“, hieß es in der Email der Schulleitung an alle Lehrerinnen und Lehrer der DSB. In der großen Pause sollte in der großen Aula für die ganze Schulgemeinschaft ein kurzer Gedenkgottesdienst angeboten werden – freiwillig. Jeder will teilnehmen. Jeder, Schüler wie Lehrer, hat anscheinend das große Bedürfnis seiner Betroffenheit irgendwie Ausdruck zu geben. Über tausend Personen füllen die Aula. Die Kleinen sitzen am Boden, viele Hunderte stehen. Vorne im Zentrum, auf den Stufen der „Bühne“ wieder eine einfache, große Kerze in einem Glas. Daneben ein schlichtes Holzkreuz. Geschmückt mit ein paar Tüchern und einem kleinen Blumenstrauß. Es gibt keine „großen Reden“, keine Ansprachen. Auch hier hören wir einfach nur den Psalm 22, ohne viel Kommentar. „Mein Gott, mein Gott, warum…“. Zwei Schüler spielen auf dem Violoncello und der Violine den beeindruckenden „Cant Dels Ocells – Gesang der Vögel“, ein altes, bekanntes katalanisches Volkslied, das die Menschwerdung Gottes besingt. Nach einem kurzen Text von Dietrich Bonhoeffer singen wir gemeinsam das Taizé-Lied „Meine Hoffnung und meine Freude … Christus, meine Zuversicht, auf dich vertrau ich und fürcht mich nicht. – El Senyor es la meva força“. Die Aufmerksamkeit und Ruhe ist beeindruckend. Vor allem auch, als die Anwesenden eigeladen werden ihre Fragen, Gefühle, Bitten oder Gebete auf kleine Zettel zu schreiben und zur Kerze zu legen. In den 20 Minuten hatte ich einen der stillsten und intensivsten Gottesdienste erlebt – und das mit über tausend Kindern und Erwachsenen.

Nach der Andacht stellen wir die Kerze gut sichtbar, aber geschützt, seitlich in eine Ecke der Eingangshalle der Schule. Rundherum vier Tafeln, an die wir die Gebetszettel heften. So schaffen wir einen provisorischen Ort des Gedenkens. Den ganzen Vormittag kommen in ehrfürchtiger Stille Schüler, Lehrer, Eltern, einzeln, in Gruppen, in ganzen Klassenverbänden dorthin. Ständig werden neue Zettel geschrieben und an die Wand gepinnt.

„Warum?“ Das ist die große Frage, die jeden bewegt. Der Tod ist plötzlich so nah, unmittelbar. Und vor allem, dieser Tod scheint so sinnlos, es gibt keinen Grund. Am Freitag vor den Osterferien beten wir im Rahmen des katholischen Religionsunterrichtes an der DSB mit den Schülern der 8. Jahrgangsstufe den ökumenischen Jugendkreuzweg 2015. Plötzlich ist es nicht mehr nur dieser Jesus aus Nazareth, der vor 2000 Jahren einen schrecklichen Kreuzweg gehen musste. Plötzlich ist es aber auch dieser Jesus, ist es auch Gott, der den tragischen Tod unzähliger Menschen erlitten hat. Im Gemeindegottesdienst am vergangenen Palmsonntag stellen Kinder, während die Markus-Passion vorgelesen wird, die Szenen pantomimisch dar. Es wird uns nicht irgendeine längst vergangene Geschichte eines fremden Menschen erzählt. Es wird uns unsere Geschichte erzählt. Die Geschichte meines Lebens, meines Leidens und Sterbens. Und sie geht weiter, diese Geschichte. Zum Karfreitag gehört für uns Christen unbedingt auch die Osternacht. Auch wenn ich keine Antwort auf mein „Warum?“ bekomme. Es tröstet und gibt Hoffnung zu erleben, dass wir auf unserem „Kreuzweg des Lebens“ nicht allein sind, dass Gott mit mir denselben Weg geht.

Notfallseelsorge nach dem Flugzeugabsturz: Ottmar Breitenhuber im Interview mit Radio K1-Redakteur Bernhard Löhlein (29.03.2015)