Kubaner blicken mit großer Offenheit in die Zukunft

Völlig anders war das ganze Umfeld meiner dritten Kuba-Reise. Die Tagung „Interkulturalität, Erziehung, Versöhnung und soziale Arbeit“ begann unter großer Beachtung vieler engagierter Gruppen aus der Nachbarschaft mit einem kleinen Festakt – zugleich die Eröffnung einer Fotoausstellung – in einem Haus der offenen Türen. Nicht hinter den Mauern eines kirchlichen Fortbildungszentrums, sondern fast auf der Straße. Vor der offenen Türe des Centro Loyola standen viele Menschen, die mal reinschauen und wissen wollten, was da los ist. Mit großer Offenheit blicken die Mensch in Kuba in die Zukunft, obwohl mir im Augenblick niemand sagen konnte, wohin die Reise mit dem Land gehen wird. Am Dialog mit uns, den Gästen aus Deutschland, waren alle Teilnehmer, junge und alte, Akademiker, Künstler und Arbeiter sehr interessiert.

Auch mir ist nach dieser Reise nicht klar, was die Zukunft für das Land bringen wird. Sicher haben die Menschen in Kuba viel zu verlieren, zum Beispiel das beste Gesundheitssystem Lateinamerikas, das kostenlose und flächendeckende Schulsystem bis hin zu den Universitäten und die gute Infrastruktur bei der Katastrophenvorsorge (vor allem bei den Hurrikans gibt es weniger Opfer als in anderen Ländern). Ein Missionar sagte zu mir: „Die Menschen hier hungern, aber sie verhungern nicht. Das ist in anderen Ländern viel schlimmer.“

Dennoch verlassen viele Kubaner das Land, um andernorts ihr Glück und Freiheit zu suchen. Viele der Intelligentesten arbeiten lieber als Taxifahrer oder eröffnen ein kleines Lokal, zwei der wenigen Möglichkeiten für Männer, um eigenständig zu arbeiten und an die wertvolle Touristenwährung heranzukommen. Gerade bei vielen jungen Erwachsenen ist ein Verlust der Werte festzustellen: Wirtschaftliches Wohlergehen scheint das einzige Lebensziel zu sein. Aber das kommt mir aus Europa bekannt vor. Doch es gibt überall Ausnahmen. Die Arbeit der im Umfeld des Jesuitenordens landesweit angesiedelten Loyola-Zentren, die alle trotz der schwierigen Transportmöglichkeiten vertreten waren, wird hauptsächlich von Laien getragen. Sie sind sehr engagiert bei der Sache, zum Beispiel in der Jugendarbeit und der beruflichen Bildung (Stichwort: Ganzheitliche Qualifikation für Existenzgründer). Dem Klerus ist klar, dass diese Arbeit in die Verantwortung der Laien gehört.

Die Christen in Kuba bereiten sich darauf vor, dass sich die soziale Lage durch sich abzeichnende Veränderungen verschlechtern kann und dann ihre caritative Hilfe zur Bildung einer solidarischen Gesellschaft auf der Grundlage der katholischen Soziallehre von großer Bedeutung sein wird. Darum lag der Schwerpunkt dieser Tagung auf den Fragen der Versöhnung, der Erziehung und der sozialen Arbeit in einem kulturell vielfältiger werdenden sozialen Kontext. Gefreut hat mich zu sehen, dass die Kirche als Plattform des Dialogs wirklich eine wichtige Aufgabe hat. Bei der abschließenden Podiumsdiskussion waren ganz selbstverständlich Vertreter anderer christlichen Kirchen vetreten.

Der Dialog in Kuba und Kubas mit der Welt wurde mit dieser Tagung weiterentwickelt. Weitere Schritte stehen an, um einen friedlichen Prozess zu gewährleisten. Der Beitrag Eichstätts dazu ist nicht gering, sowohl das Bistum als auch die Katholische Universität bringen sich ein.

Neues Gefängnis mit alten Problemen in Brasilien

Aparecida de Goiânia hat ein neues Gefängnis. Das sogenannte „Centro de Triagem“ wurde Ende 2014 feierlich eingeweiht. Es sollte andere Haftanstalten in Goiânia, der Hauptstadt des Bundesstaates Goiás im zentralen Westen Brasiliens, entlasten und zur Eindämmung der Gewalt in der Region beitragen. Nun ist das neue Gefängnis bereits überfüllt. Beim letzten Besuch der Gefängnisseelsorge teilten sich nicht weniger als 529 Gefangene die 212 vorhandenen Haftplätze. Die meisten Insassen sind bereits weit über 30 Tagen in Haft, obwohl das Gefängnis für die sogenannte Erstaufnahme geplant wurde, d.h. für die ersten zwei bis vier Tage bis entschieden wird, ob der Angeklagte in U-Haft bleiben muss oder nicht.

Das neue Gefängnis wurde bereits mit den altbekannten Problemen eröffnet: Eine immense Überbelegung und deren untragbaren Folgen, die im Widerspruch zu allen gesetzlichen Vorgaben des Strafvollzugsgesetztes stehen. Die Gefängnisseelsorge von Goiânia hat gegen diese Situation eine öffentliche Anzeige erstattet.

In den kleinen Zellen, vorgesehen für zehn Haftplätze, sind heute durchschnittlich zwischen 23 und 28 Häftlinge eingepfercht. In einer Zelle zählten wir sogar 32 Männer. Da es keine „gesetzlich festgelegte Grenze“ nach oben gibt, wird erwartet, dass in den nächsten Tagen die Gefängnispopulation auf über 600 Insassen steigt, womit drei Häftlinge auf einen Haftplatz kämen. Es wird in Schichten geschlafen, zu mehreren in einem Bett, am Boden und in der Dusch- und Klo-Ecke. Auch das Wasser ist knapp und schmutzig.

Gefangene haben uns berichtet, dass die Sicherheitsvorschriften vorsehen, dass nach dem täglichen Hofgang alle Häftlinge völlig nackt und mit den Händen auf dem Kopf sich bücken müssen und den Wächtern ihre Geschlechtsteile zu zeigen haben. So soll geprüft werden, ob jemand in Drogenbesitz ist oder eventuell ein Handy eingeschmuggelt hat. Bei dieser Prozedur werden die Häftlinge noch von den Wächtern beschimpft.
In Brasilien werden Gefangene in der Regel von ihren Familien mit Lebensmitteln, Wäsche, Medikamenten und Hygieneartikel versorgt. Wenn die Männer direkt von der Polizeistation in den Knast kommen, dürfen oder können sie oft nichts mitnehmen. Dann bleiben sie gemäß dem Bericht des Direktors der neuen Haftanstalt tagelang „nur in der Unterhose“, da sie noch keinen Familienbesuch erhalten dürfen.

Bei unserem letzten Besuch wurden wir auf fehlende Matratzen aufmerksam gemacht. So hat unsere Gruppe der Gefängnisseelsorge derzeit viel zu tun. Matratzen konnten wir noch nicht organisieren, haben aber 150 Decken, einige kurze Hosen und T-Shirts und 500 „Waschbeutel“ mit jeweils einer Seife, Zahnpasta, Zahnbürste und einer Klopapierrolle aufgetrieben. Es war bereits das dritte Mal, dass wir die Gefangenen mit diesen “Waschbeuteln” versorgten, aber auf die Dauer übersteigt das auch unsere Möglichkeiten.
Da das „Centro de Triagem“ für Kurzaufenthalte gebaut wurde, gibt es keine Infrastruktur für Familienbesuche. Nur einmal pro Woche – jeweils am Mittwoch – darf die Familie ein Päckchen Kekse, Medikamente und Waschutensilien (eine Seife, Zahnpasta und Zahnbürste) ins Gefängnis schicken. Direkter Kontakt mit den Gefangenen ist nicht möglich. Da auch Briefe verboten sind, fällt jeglicher Außenkontakt weg. Nur der Besuch der Gefängnisseelsorge ist gestattet. Wir notierten bei unseren letzten Besuchen über 60 Telefonnummern, um mit Familienangehörigen in Kontakt zu treten.

Einige Häftlinge klagen, dass die Essensversorgung nicht ausreichend ist. Auch die Gesundheitsversorgung ist äußerst prekär. Es gibt nur eine Krankenschwester, keine Medikamente. Viele der Neuankömmlinge sind verletzt, vor allem mit Messerstichen oder Schusswunden, die im Schnellverfahren in einem staatlichen Krankenhaus versorgt wurden, bevor sie ins Gefängnis eingeliefert wurden. Andere sind psychisch krank, bekommen keine medizinische Betreuung in ihren Krisen und werden äußert aggressiv.
Da wir diese Realität in der Öffentlichkeit bekannt machen, haben wir nun wenigstens die Aufmerksamkeit der Medien bekommen. Die Staatsanwaltschaft hat auch das Gefängnis besucht und bereits eine Art Anklageschrift gegen die zuständige Behörde eingeleitet. Aber leider haben sich die zuständigen Richter noch nicht dazu geäußert. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Situation im neuen überfüllten Gefängnis von Goiânia weiterentwickelt.

Das Dialogprogramm Eichstätt-Kuba

Morgen früh geht es los. Meine dritte Kuba-Reise nach 2006 und 2011. Auch diesmal geht es um das Dialogprogramm der Kirche Kubas mit der Kirche Deutschlands, aber immer auch um den Dialog im Land selbst. Schon fünf Mal waren wir in Eichstätt die Ausrichter dieser Tagungen, erstmals steigen nun die Jesuiten in Kuba mit ein und haben auch die Organisation am Centro Loyola in Santiago de Cuba übernommen.

Ob sich schon viel geändert hat, seit die Beziehungen mit den USA sich normalisieren sollen? Für mich war der 17. Dezember 2014 ein wichtiger Tag. Am Geburtstag von Papst Franziskus wurde das im Vatikan ausgehandelte Abkommen veröffentlicht. Unsere Tagung soll ganz praktische Dinge betreffen. Die Katholische Universität in Eichstätt ist auch mit dabei. Dadurch ist auch die fachliche Qualifikation unserer Beiträge gewährleistet.
Das Thema der Tagung lautet: „Interkulturalität, Erziehung, Versöhnung und soziale Arbeit“. Es ist die 11. gemeinsame Tagung im Rahmen eines deutsch-kubanischen Dialogprogramms, in das seit 1999 die Fakultät für soziale Arbeit der KU und das Referat Weltkirche des Bistums Eichstätt eingebunden sind.

Für das Bistum Eichstätt wird Domkapitular Prälat Dr. Christoph Kühn ein Grußwort sprechen und einen Vortrag zum Thema „Die Arbeit der Kirche für die Versöhnung im deutschen Kontext“ halten. Dr. Monika Pfaller-Rott wird über die Zusammenhänge von sozialer Arbeit und Erziehung aus deutscher Sicht referieren. Der Zusammenhang von sozialer Arbeit, Interkulturalität und Versöhnung bildet den Schwerpunkt des dritten Eichstätter Vortrages, den ich selbst halten werde. An der Tagung werden auch herausragende Repräsentanten der Kirche Kubas teilnehmen, darunter der Erzbischof der Erzdiözese Santiago de Cuba, Msgr. Dionisio García Ibañez, und Padre Claudio Paul, der ehemalige Leiter der Caritas in der Diözese Holguin.

Im Anschluss an die Tagung werde ich noch eine staatliche Universität besuchen, die auf Vermittlung vom Institut zur interdisziplinären und interkulturellen Erforschung von Phänomenen sozialer Exklusion (ISIS e. V.) eine Partneruniversität der KU ist und von der bereits eine Professorin vor zwei Jahren zu einem Gastvortrag an der KU eingeladen war.
Wenn es klappt, melde ich mich von unterwegs.

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Vielfältige Aufgaben in Bolivien

Seit Ende vergangenen Jahres helfe ich – neben meiner Aufgabe in der Pfarrei San Antonio – beim Kinderdorf “Aldea Padre Alfredo” mit. Vor rund 40 Jahren gehörte es zu den SOS-Kinderdörfern, ist dann aber unter Leitung des Tiroler Franziskaners Pater Alfredo Spiessberger eine selbstständige Einrichtung geworden. Den Statuten gemäß sitzt ein Franziskaner mit im Vorstand, und da Pater Alfredo schon ein Pflegefall ist, war einige Zeit der Bolivianer Pater Marcelo Garron im Vorstand. Jetzt hat man mich um diese Mitarbeit gebeten. Da diese Aufgabe sehr komplex ist, muss ich mich erst einarbeiten. Es handelt sich nämlich um zwei Kinderdörfer: eines hier in Santa Cruz de la Sierra und das andere in San José, rund 200 km entfernt. Neben der Finanzierung gibt es einige andere Probleme.

Pater Alfredo hat auch monatlich eine deutsche Messe mit den Deutschen in Santa Cruz gefeiert. Da er nicht mehr kann, hat man einen anderen deutschen Priester gesucht – und gefunden: Pater Reinaldo Brumberger. Da es kaum deutsche Priester in Bolivien gibt, blieb mir fast nichts anderes übrig als mitzuhelfen. Die Messe findet in der Kapelle des deutschen Friedhofs statt, der neben dem Generalfriedhof liegt. Und dort sah ich neulich an den Grabnischen folgende Nachnahmen: Ettmüller, Nürnberg, Voss, Schulze, Diescher, Wille, Engelmann Kuhn, Meyer… Ich werde nun versuchen, Kontakte mit den Angehörigen in Deutschland herzustellen und sehen, was in Sinne der Pastoral möglich ist.

Natürlich bin ich immer noch bei Kolping als sogenannter Regionalpräses tätig. Da ist zwar nicht viel zu tun, doch es ist immer wieder einmal eine Vorstandssitzung oder eine Messe. Auch in der nahegelegenen Kolpingschule helfe ich manchmal mit.
Im Januar waren 35 Franziskaner aus ganz Bolivien zu einer Exerzitienwoche in unserem Haus in Santa Cruz. Auch da hatte ich als Hausoberer einiges zu organisieren. In der Woche darauf hielt ich den neuen Novizen Exerzitien vor ihrer Einkleidung. Das muss natürlich auch vorbereitet werden – oder man braucht viel Improvisation (oder der Hl. Geist).

In der Franziskanerprovinz arbeite ich intensiv mit: Als Mitglied des Provinzrates (Definitorium) erledige ich einen Teil der Finanzen für den Osten Boliviens und in der Franziskanerprovinz San Antonio auch als Hausoberer. Zu San Antonio gehören auch das neue Exerzitienhaus und die Krankenstation. Und da ich auch Pfarrer der Gemeinde San Antonio bin… was soll man noch alles tun?!