Ein Jahr nach dem Opfer der Himmlischen Hundertschaft

Im letzten Jahr haben wir jeden Tag hören müssen, dass soundsoviele Soldaten und soundsoviele Zivilisten durch die Kämpfe in der Ostukraine getötet wurden. Vor einem Jahr hat der Tod der sogenannten Himmlischen Hundertschaft der auf dem Maidan getöteten Demonstranten noch die Welt bewegt. Heute, so scheint es, sind die Getöteten zur Normalität geworden. Bei vielen Opfern haben wir Schwierigkeiten sie noch als Einzelschicksale wahrzunehmen. Ohne die einzelnen Namen wird sogar das größte Opfer – und unsere eigene Verantwortung ihnen gegenüber – nur verschwommen wahrgenommen.

Aus diesem Grund möchte ich Ihnen heute von einem jungen Mann erzählen, dessen Leben und Sterben uns die Entwicklung in der Ukraine zu verstehen helfen.

Sein Name war Bohdan Solchanyk und er wurde 28 Jahre alt. Ein vielversprechender Historiker, ein Mitglied der Fakultät der Ukrainischen Katholischen Universität (UKU), ein Dichter, ein junger Mann, der sich verliebt hat. Er versuchte, die Vergangenheit seiner Heimat zu verstehen, während er mit all seinen Kräften im Hier und Jetzt an einer besseren Zukunft seines Volkes mitgebaut hat. Diese bessere Zukunft bedeutete für ihn auch die Ehe mit seiner Frau Maria Pohorilko, die ihrerseits eine aufstrebende Historikerin, eine Promovendin an der UKU ist. Beide wollten, wie wir es in der Ukraine nennen, ein „Leben in Würde“. Sie hofften, die Geschichte ihres Landes mit den Studenten, mit den Lesern ihrer Artikel und mit der ganzen Welt zu teilen.

Leider wurde Bohdan Solchanyk am 20. Februar vor einem Jahr jäh aus diesen Träumen gerissen. Zusammen mit weiteren achtzig  unbewaffneten Idealisten, die von einer europäischen Ukraine träumten, wurde Bohdan kaltherzig erschossen, getötet von Scharfschützen der Polizei auf dem Zentralplatz der ukrainischen Hauptstadt, während die Fernsehkameras der Welt das Massaker live sendeten.

Die Botschaft von Bohdans Leben und Sterben ist einfach. Es ist eine Botschaft, die Europa und die Welt im Angesicht der großen Sorge und der Verworrenheit zwischen der Ukraine und Russland nötig hat. Die entstandene Verworrenheit ist größtenteils durch die Propaganda derer geschaffen worden, die die Träume und Hoffnungen von Bohdan verachten und die von Bohdans Opferbereitschaft, sich bis in den Tod hinzugeben, verwirrt worden sind.

Bohdan war einer der Millionen, die sich monatelang friedlich versammelt haben, die fröhlich, mit Liedern und Gebeten, mit Gedichten und Straßentheater, mit Musik und Tanz im Zentrum von Kiew und in zahllosen anderen ukrainischen Städten und Dörfern ihren Traum, ihr Ziel verwirklichen wollten. Dieses Ziel ist einfach: Freiheit, eine lebendige Zivilgesellschaft, Pressefreiheit, keine Korruption in Wirtschaft, Politik, Bildung oder im Gesundheitswesen und ein funktionierender Rechtsstaat. Wir in der Ukraine nennen das: ein Leben in Würde. Ein Leben, das in Europa gelebt wird.

Bohdans Leben war kurz, weil seine staatsbürgerliche Haltung eine Bedrohung für die bestehenden Autoritäten, die Vetternwirtschaft und die Korruption war. Er war eine Bedrohung für die radikale gesellschaftliche Ungleichheit, bei der Oligarchen und Politiker in obszönem Überfluss lebten, während der Rest des Volkes um sein Überleben kämpfte. Er wurde getötet, weil die Mächtigen seine Lieder und Freude fürchteten, den Tanz von Millionen und die Eintracht einer Nation.

Bohdan war in den letzten zehn Jahren, seit der Orangenen Revolution 2004, als er 19 Jahre alt, bei den gesellschaftlichen Protesten aktiv. Er wurde nicht von amerikanischen Agenten bezahlt, um bei minus fünfzehn Grad mitten in der Nacht zu demonstrieren. Er war keine Marionette einer fremden Macht, er war nicht ein geheimer Provokateur der Europäischen Union.

Er war einfach ein Mensch, der seine gottgegebene Würde erkannte und diese Würde für alle Ukrainer verteidigen wollte.

Bohdans Tod und der Tod der ersten Hundertschaft, von einer gnadenlosen Polizeimacht getötet, führten zum Kollaps des korrupten Yanukovych’ Regimes. Yanukovych floh, weil sein Sicherheitsapparat das brutale Vorgehen, das der ruchlose Präsident angeordnet hat, nicht weiter aufrechterhalten wollte. Genug war genug! Sie erkannten, dass die kriminellen Machenschaften das Land nicht länger unterdrücken konnten. Das österliche Opfer der Unschuldigen, das Blutvergießen – das tiefgründigste und ehrfürchtigste Sakrament – hat eine ungerechte Tyrannei gestürzt.

Der Zusammenbruch der korrupten und tyrannischen Regierung in Kiew durch den friedlichen Aufstand der ukrainischen Zivilgesellschaft, mit Liedern und Tänzen, im Kampf für Presse- sowie Versammlungsfreiheit und gegen Korruption sowie Bevormundung, konnte der Präsident von Russland nicht hinnehmen. Die Gefahr einer Ausbreitung dieses Freiheitskampfes war zu groß. Um ein russisches Ringen um ein Leben in Würde zu verhindern, suchte er seinem Volk Stolz auf einem anderen Weg zu geben. Er vergrößerte sein Reich: Die Krim wurde annektiert. Dazu wurde ein sinnloser Krieg angezettelt, um die neu erlangte Würde des ukrainischen Volkes zu zerstören. Es soll gezeigt werden, dass die Ukraine ein gescheiterter Staat war, und dass Bohdan Solchanyk umsonst gestorben ist.

Das ist die Geschichte von Bohdan Solchanyk und den Millionen, die an seiner Seite standen. Das ist die Erklärung, was in der Ukraine und worum der Kampf heute geht. Es gibt noch viele Seiten dieses Kampfes und es ist eine komplexe Geschichte, aber im Herzen ist es ein Pilgerweg von Unterdrückung und Angst, hin zu Freiheit und Würde – letztlich kann man sagen: von Tod zu Leben; es ist eine österliche Geschichte.

Am 20. Februar werden Ukrainer und alle Freunde der Ukraine der Opfer der Himmlischen Hundertschaft gedenken – der ersten, die auf diesem Weg zur Würde gestorben sind. Sie werden sich der 5500 Soldaten und Zivilisten erinnern, die durch die Invasion getötet wurden.

Wenn sie der Toten gedenken, denken sie auch an die humanitäre Krise die heute vorherrscht: Zehntausende Verwundete, tausende Witwen und Waisen, 1,5 Millionen Vertriebene und 5 Millionen, die direkt vom Krieg betroffen sind.

Uns Gläubige, die Christus nachfolgen, seines Leidens gedenken und seine Auferstehung feiern, erinnert das Opfer von Bohdan und seinen Leidensgenossen an das Blutzeugnis der Märtyrer. Es gibt keine größere Liebe als die, wenn man sein Leben hingibt für einen Freund (Joh 15,13). Diese Worte erklären vielleicht am Besten dieses schmerzliche Gedenken an Bohdan und die Himmlische Hundertschaft und die Ereignisse in der heutigen Ukraine.

Wie im Paradies – ein Besuch in Sansibar

In meinen Ferien, die vier Wochen gedauert haben, hatte ich die Möglichkeit, zusammen mit den anderen acht Ostafrika-Freiwilligen aus meiner Gruppe nach Sansibar zu fahren. Es war wirklich toll, einen ganz anderen Flecken von Tansania kennenzulernen, wenn auch nur für wenige Tage.

Sansibar, eine Insel im Indischen Ozean, rund zwei Stunden Bootsfahrt vom Festland Tansanias entfernt, hatte eine sehr lebendige Geschichte und ist vor allem für den intensiven und brutalen Sklavenhandel berüchtigt (im 19. Jahrhundert war Sansibar der weltgrößter Sklavenmarkt). 1964 wurde es zusammen mit Tanganyika zu Tansania vereinigt. Seitdem ist es halb autonom und hat seinen eigenen Präsidenten behalten. Die Hauptstadt ist Stone Town, die sich an der Westküste der Insel befindet. Durch den intensiven Handel mit Indien und den großen arabischen Einfluss hat die Insel, besonders aber Stone Town, heute noch ein ganz spezielles flair und wird oft mit den Worten „exotisch“ oder „mystisch“ beschrieben. In der Tat sieht die Stadt ganz anders aus, als jede andere, die ich bisher gesehen habe. Das liegt hauptsächlich an den vielen engen und verwinkelten Gassen, die durch die Hochhäuser rundherum geradezu düster und geheimnisvoll wirken. Dazu das alte Gestein, die verwaschenen Wände und die Verzierungen, die von einem ganz anderen kulturellen Einfluss zu erzählen wissen. Im krassen Gegensatz dazu stehen die vielen Souvenirläden und Marktstände, mit all ihren Stoffen, Schnitzereien und Malereien, die in allen Farben leuchten, ebenso wie die offenen und herzlichen Menschen, die mit jedem ein Gespräch anfangen, egal ob man sich in einer Sprache verständigen kann oder nicht. Besonders bekannt ist die Stadt für ihre Haustüren, die entweder ganz wunderbare Holzschnitzereien haben oder mehrere Reihen von Messingknäufen. Biegt man in eine der Nebenstraßen ein, kommt man an ruhigen kleinen Restaurants vorbei und nicht allzu selten sieht man auch eine Gruppe von jungen bis alten Menschen, die vor ihrem Haus zusammensitzen und Brettspiele spielen.

Aber Sansibar besteht nicht nur aus seiner Hauptstadt, sondern hat noch weitere schöne Ecken. Wenn man ein bisschen ins Landesinnere fahren möchte, ist es am spannendsten das Dalla Dalla zu benutzen. Das ist eines der öffentlichen Verkehrsmittel vor Ort, das wie ein Kleinbus ist, der hinten allerdings anstatt der Wände Holzleisten hat und ein schön verziertes Holzdach. Die Bänke sind seitlich angebracht und wer keinen Sitzplatz mehr bekommt, der kniet sich eben in den Mittelgang.  Au der Fahrt sieht man vor allem eins: Palmen. Die Insel ist übersäht mit ihnen und sie machen das Urlaubsfeeling perfekt. Da vergisst man auch glatt die Hitze, die durch die hohe Luftfeuchtigkeit nicht gerade gemildert wird.

Wendet man sich dann weiter nördlich und fährt bis an die Spitze der Insel, erwarten einen die traumhaftesten Strände. Weißer Sand und türkisfarbenes Meer, es ist unglaublich. Im Meer die Dhows, die lokalen Fischerboote, die sanft vor dem tiefroten Sonnenuntergang schwanken. Man kann „Sunset“-Bootstouren buchen, einen Tagestrip zum Schnorcheln über den Korallen veranstalten oder einen Ausflug zu den Affen im Nationalpark machen. Kurz gesagt, es ist wie ein Paradies.

Was man dabei aber nicht vergessen sollte ist, dass dieser „exotische Ort“ auch ein Zuhause von vielen Menschen ist und ebenso ein Arbeitsplatz. Es gibt viele,  die tagtäglich härteste Arbeit leisten, für die das nicht ein romantisch altmodisch aussehendes Boot ist, sondern die finanzielle Absicherung. Und es gibt genauso viele, die dennoch nicht genügend Geld nach Hause bringen können, um die Großfamilie zu ernähren und den Kindern eine gute Bildung zu ermöglichen.

 

Auch wenn der Tourismus in vielerlei Hinsicht eine sehr gute Sache ist, Arbeitsplätze für die Einwohner bietet und Kunden für das kleine Geschäft bringt, muss man doch bedenken, was für negative Auswirkungen ein „falscher Tourismus“ haben kann.

Dazu gehören zu niedrige Löhne, zu wenig Investition in lokale Hotels und Restaurants und stattdessen „all inclusive“ Hotels, die den Touristen gerade mal 20 Meter zum Meer herauslocken und oft einen hohen Grad an Umweltverschmutzung und Wasserverbrauch haben. Ganz viel kommt aber auch von den Touristen selbst. Müll, der liegen gelassen wird, und vor allem das Problem der Kleidung. In einem überwiegend muslimisch geprägten Land, sollte man sich an die Normen halten und nicht in kurzen Tops und Shorts herumlaufen, sondern die Schultern und Knie bedeckt halten – zumindest sobald man sich vom Strand entfernt.

Natürlich heißt das jetzt nicht, dass man zu Hause bleiben muss und nicht nach Sansibar reisen soll, dazu ist dieser Flecken Erde einfach viel zu schön. Aber es soll eine Ermutigung und Aufforderung sein, sich mehr Gedanken zu machen und seinen Beitrag zum „positiven Tourismus“ zu leisten. Dazu kann man sich zum Beispiel über nachhaltige Reiseveranstalter informieren, die versuchen, möglichst viel Arbeit an die Einheimischen weiterzugeben und somit das Geld vor Ort zu lassen und nicht nach Europa und Amerika auszuschiffen. Ebenso wie sich bei den Hotels über faire Löhne und Umweltschutz zu informieren, da das für viele bereits ein Leitmotto geworden ist. Außerdem kann man vor Ort auch durch die Gassen der einheimischen Shops schlendern, anstatt nur durch das Touristenviertel. Auch die Restaurants tischen gutes und vor allem günstigeres Essen auf und bieten gleichzeitig noch den „echten“ Flair der Insel mit landestypischen Mahlzeiten wie Ugali na samaki (Maisbrei mit Fisch), Chapati kuku (Hühnchen mit Fladenbrot) oder Wali na nyama (Reis mit Fleisch).

Lernt man dann noch die wichtigsten Begrüßungsfloskeln wie „Habari yako“, was mit „nzuri“ beantwortet wird und so viel bedeutet wie „Wie sind die Neuigkeiten“ –  „Gut“,  und „Shikamoo“, was als respektvolle Begrüßung für ältere Menschen gilt und mit „Marahaba“ beantwortet wird, dann hat man schon einen Platz im Herzen der Einheimischen sicher und kann auf deren Gastfreundlichkeit und Offenheit zählen.

Ein aktuelles Problem für den Tourismus auf Sansibar sind die religiösen Spannungen zwischen dem Islam und dem Christentum. Zwischen 95% und 99% der Inselbewohner sind Muslime, und dementsprechend gibt es nur sehr wenige Christen. Angesichts der zunehmenden Konflikten (unter anderem wurde ein Priester ermordet, Schwestern geschlagen und es kurzieren Gerüchte, dass radikale Muslime vom Festland auf die Insel kommen, um das Christentum endgültig zu vertreiben), sind immer mehr Christen von der Insel geflohen. Das hat zur Folge, dass auch unsere Schwestern, die auf der Insel eingesetzt sind, immer ein offenes Ohr und Auge haben müssen, um nicht in Gefahr zu kommen. Deswegen wird in der ganzen Kongregation immer für die Schwestern in Sansibar (auch für die in Kenia und im Sudan) gebetet, die dort einer größeren Herausforderung und Gefahr gegenüberstehen, als diejenige, die in ihrem Land keine religiöse Minderheit darstellen.

Auch wenn die Situation für Priester und Schwestern definitiv kritisch bis gefährlich ist, muss man sich als Tourist jedoch keine Sorgen machen und kann sich frei und ohne Angst auf der Insel bewegen. Auch wir haben während unsere Zeit keinerlei Feindlichkeiten erlebt, sondern sind wirklich immer offen und herzlich behandelt worden. Diese Insel ist definitiv eine Reise wert.

Als wir die Fähre früh morgens wieder zurück nach Dar Es Salaam genommen haben und Stone Town uns in der Morgenröte verabschiedet hat, hat keiner von uns auch nur eine Minute des Urlaubs bereut und wir werden uns noch lange an den gemeinsamen Erinnerungen erfreuen.

Bolivien – Evo Morales und die Kirche

Ende Oktober 2014 hat Papst Franziskus den linksgerichteten bolivianischen Präsident Evo Morales am „Welttreffen der Volksbewegungen“ in Rom begrüßt. Morales war einer der Hauptredner des Treffens und wurde später vom Papst zu einem privaten Gespräch empfangen. Bereits 2010 hatte der damalige Papst Benedikt XVI. ihm im Vatikan eine Privataudienz gewährt. Man kann davon ausgehen, dass Präsident Morales, wie die Mehrheit seiner Landsleute, katholisch, zumindest getauft und nicht aus der Kirche ausgetreten ist. Wie aber steht er politisch zur Kirche?

Evo Morales bei Papst Franziskus. Foto: Gabriela Bonus/movimientospopulares.org
Boliviens Präsident Evo Morales bei Papst Franziskus. Foto: Gabriela Bonus/movimientospopulares.org

 

Evo Morales stammt aus dem Hochland, aus einem Indianerdorf in den Anden, also nicht aus einer Stadt. Bis heute sind dort – trotz Kirche – viele religiöse Bräuche von den ehemaligen Indianerkulturen und -religionen geprägt. Oft ist es einfach ein Synkretismus, also eine Vermischung verschiedener Religionen.

Morales war Vorsitzender (und ist es immer noch!) der Kokabauern-Gewerkschaften. Diese haben ihn gleichsam auf den Thron gehoben. Dazu kam auch, dass er sich vehement für die Indianer einsetzte, was sicherlich gut war und ist. Viele haben ihn gewählt, weil „er einer von uns ist”, das heißt, endlich ein Indianer als Präsident. Politische Programme interessieren in Bolivien wenig und sind auch kaum bekannt. Es spielt sich in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens vieles aufgrund von Gefühlen und nicht von Kriterien und Argumenten ab.

Seine politischen Freunde, Vorbilder und Ziehväter sind Fidel Castro und Hugo Chavez (ehemaliger Staatspräsident Venezuelas). Es ist also eine linke, kommunistische Politik und Partei, die das Sagen hat. Morales‘ Partei nennt sich MAS (Movimiento al socialismo = Bewegung hin zum Sozialismus). Doch welche Art von Sozialismus ist das oder hat er im Kopf?

Sein Problem ist, dass er zu sehr ideologisch vom Kommunismus geprägt und gefangen ist. Von daher kommt sicherlich auch seine ständige Abneigung gegen die katholische Kirche. Dies wird verstärkt durch die dunklen Seiten der Eroberung durch die Spanier, bei der die Kirche auch wirklich nicht immer gut agiert hat: Kreuz und Schwert! Positives in der Geschichte sieht Evo Morales natürlich nicht oder kennt es einfach auch nicht, zum Beispiel das gesellschaftliche Konzept der Jesuitenreduktionen (Siedlungen für die indigene Bevölkerung), die heute zum Weltkulturerbe gehören. (Ich war 26 Jahre in Concepcion tätig, einer der ehemaligen Jesuitenreduktionen, von Franziskanern restauriert). Auch was die Kirche seit den Lateinamerikanischen Bischofskonferenzen von Medellin (1968) und Puebla (1979) an Positivem für die Armen und die Indianer getan hat und tut, kennt oder schätzt Evo Morales nicht. Kirche ist für ihn einfach “Kolonisation” und deshalb muss sie verschwinden.

In den vergangenen Jahrzehnten hat die katholische Kirche immer eine kritische Haltung – auch öffentlich – gegenüber politischen Missbräuchen gewahrt und zum Ausdruck gebracht. Auch in Zeiten der Diktaturen! Natürlich tut sie dies auch gegenüber Evo Morales und seiner Regierung (auch da gibt es Missbräuche). Da die MAS so gut wie die ganze starke Opposition ausgeschaltet hat, ist fast nur noch die Kirche als “Opposition” geblieben, und ist damit Ziel so mancher Attacken. Die Angriffe richten sich meistens gegen die „Jerarcos“ (Hierarchie-Bischöfe). So versucht man, einen Keil zwischen die Basis und die kirchliche Führung zu treiben. Das geht so weit, dass sogar eine Art national-katholische Kirche gefördert wird. Als Zeichen der Abgrenzung von der Kirche hat man beim Vaterlandstag in Sucre (offizielle Hauptstadt Boliviens) während der Messe im Dom, an der normalerweise immer auch die politische Führungspersönlichkeiten teilgenommen hatten, auf dem Platz einen eigenen Wortgottesdienst mit den Anführern verschiedener Sekten und Präsident Evo Morales organisiert – und ohne die Kirche!

Es bleibt abzuwarten, was demnächst passiert, da sich Kuba und Nordamerika annähern und Venezuela finanziell am Abgrund steht. Da wird es auch schwieriger für Evo Morales. Doch ob dies etwas in seiner Einstellung zur Kirche ändert, ist fraglich.

Diplom in der Kinderkrippe und ab in den Süden

Da ich seit Weihnachten viel unterwegs bin, hab ich auch mehrere Chilenen kennengelernt und so ist bis jetzt kein Wochenende vergangen, an dem ich nicht bei einem „asado“ (Grillfest) war. Das war immer sehr schön. Die Chilenen grillen sehr oft und es schmeckt auch immer wieder sehr lecker.

Außerdem bin ich mit ein paar Freiwilligen an einem Sonntag ans Meer gefahren. Das war zwar alles etwas chaotisch, aber es hat richtig gut getan, mal wieder aus der dreckigen Luft Santiagos rauszukommen und die Meeresluft zu genießen.

Auf der Arbeit sind es die letzten Wochen mit meinen jetzigen Kindern und Tías (Erzieherinnen). Darüber bin ich schon sehr traurig, da ich sowohl meine Kinder, als auch meine Tías sehr in mein Herz geschlossen habe. Aber im März, wenn hier das neue Schuljahr beginnt, bekomme ich wieder neue Kinder und ein neues Team, das wird bestimmt auch schön.

Um die Kinder aus der Sala Cuna (Kinderkrippe) zu verabschieden (mit zwei Jahren gehen sie in den Kindergarten) wird hier auch eine sogenannte „Graduación“ gefeiert. Unsere Graduación war am 15. Januar und es war ein richtig schöner Tag. Die Tías haben sich wirklich viel Mühe gegeben, alles vorzubereiten. In Chile ist es normal, dass man den Abschied aus der Sala Cuna so groß feiert. Die Tías haben sich alle sehr herausgeputzt und jedes Kind kam mit seiner Familie. Bei einer offiziellen Zeremonie bekam jedes Kind ein Diplom von uns Tías überreicht. Danach gab es noch für alle Torte und Eis.

Einerseits freue ich mich jetzt schon riesig auf den Urlaub – ich werde mit einer anderen Freiwilligen in den Süden Chiles fahren –, andererseits bin ich schon etwas traurig, über den Abschied von meinen Kindern.

Am 19. Januar hatte ich Geburtstag! Und das war ein richtig schöner Tag! Auf der Arbeit wurde fleißig für mich gesungen. Abends kamen ein paar andere Freiwillige und chilenische Freunde und wir haben zusammen gegrillt. Das war wirklich schön, da ich mir schon immer mal gewünscht habe, meinen Geburtstag im Sommer feiern zu können J

Rückblick: Weihnachten und Silvester

Sommerliche Temperaturen hatten wir auch zur Jahreswende. Weihnachten bei 35°C, in T-Shirt und kurzer Hose, ist wirklich etwas anderes, aber wir haben das Beste draus gemacht. So haben wir (ein Teil meiner WG und die Eltern von einer meiner WG-Mitbewohnerinnen) am 24. Dezember nachmittags gegrillt. Abends sind wir alle zusammen in die Christmette von Schwester Karoline Mayer gegangen. Wir Freiwilligen durften auch ein paar deutsche Weihnachtslieder singen. Danach war ich bei einer chilenischen Familie zum Weihnachtsessen eingeladen. Das war richtig schön für mich, weil ich mich so herzlich aufgenommen gefühlt habe und auch einmal ein richtiges chilenisches Weihnachtsfest erleben konnte. Hier kommt nicht das Christkind oder der Weihnachtsmann, sondern der „viejito pascuero“, das ist so was Ähnliches wie der Weihnachtsmann. Außerdem ist die Bescherung erst um 24 Uhr. Ein bisschen weihnachtlich hat es sich dann schon angefühlt, weil alles schön geschmückt war. Neben einem Weihnachtsbaum und Plätzchen gab es viele typische chilenische Weihnachtsgerichte.

Am ersten Weihnachtsfeiertag haben wir Weihnachten in der WG gefeiert. Natürlich haben wir auch sehr lecker gekocht. Es gab selbstgemachte Kartoffelknödel mit Blaukraut und Pute. Auch die Bescherung durfte nicht fehlen. Einen zweiten Weihnachtsfeiertag gibt es hier nicht, somit habe ich da schon wieder gearbeitet.

An Silvester waren einige Freiwillige abends zum Essen bei uns und danach sind wir alle zusammen ins Zentrum von Santiago gegangen, um dort die „fuegos artificiales“ (Feuerwerke) zu sehen. Es war richtig gute Stimmung und um 24 Uhr haben die Leute richtig gefeiert und man wurde mit Sekt, Konfetti und allem Möglichen übergossen. Jedoch ist es in Chile verboten, selbst Böller abzuschießen. An Neujahr hatte ich dann wieder frei und habe den Tag Ruhe mal genossen.