Evangelii Gaudium – eine „Regierungserklärung“ des Papstes

Das Apostolische Schreiben „Evangelii Gaudium“ von Papst Franziskus hat programmatischen Charakter, das steht ja in dem Schreiben selbst so: „… betone ich, dass das, was ich hier zu sagen beabsichtige, eine programmatische Bedeutung hat und wichtige Konsequenzen beinhaltet.“(25)  Außerdem scheint es vieles von dem, was Papst Franziskus bisher schon in Interviews oder bei anderen Gelegenheiten gesagt hat, zusammenzufassen. In diesem Sinn ist es sicher am ehesten mit dem zu vergleichen, was im weltlichen Bereich eine Regierungserklärung ist.

Das wichtigste Thema ist meines Erachtens, wie unter den Bedingungen unserer heutigen Zeit in Wirtschaft und Gesellschaft, und in der Kirche, die Freude am Glauben zu einer neuen missionarischen Dynamik in der Kirche führen kann. Und diese missionarische Dynamik ist kein Selbstzweck, sondern dient dazu, „allen das Leben Jesu Christi anzubieten“ (49), vor allem im Einsatz für die Armen und Benachteiligten.

Was ich bisher über das Schreiben gehört und gelesen habe, zeigt mir vor allem, dass es darin gelingt, die Herausforderungen, die sich der Kirche heute stellen, und die Wege, wie die Kirche sich diesen Herausforderungen stellt, in einer Sprache zu formulieren, die in der breiten Öffentlichkeit verstanden wird. Dass das Schreiben weit über die Kirche hinaus in den Medien und der Öffentlichkeit so stark rezipiert wird, zeigt mir, dass darin wichtige „Zeichen der Zeit“ angesprochen und Antworten aus dem Glauben heraus dazu formuliert werden.

Die Kirche in Deutschland wird durch dieses Schreiben natürlich angefragt, ob und wo sie aufgrund historisch gewachsener Strukturen zu sehr um sich selbst kreist und ihre missionarische Dynamik verloren hat. Außerdem müssen wir uns fragen, ob wir als eine im Weltmaßstab reiche Kirche uns ausreichend für die Armen in der Welt einsetzen und engagieren. Diese Anfrage gilt aber nicht nur der deutschen Kirche, sondern eigentlich der ganzen deutschen Gesellschaft, inwieweit sie mit den Armen und Benachteiligten dieser Welt wirklich solidarisch und bereit ist, ihren Reichtum auch zu teilen.

Ich glaube schon, dass diesem Schreiben konkrete Reformschritte folgen werden. Als erstes sehe ich dabei vor allem eine größere Verantwortung der Ortskirchen, auch der Bischofskonferenzen, für ihre je spezifische Situation, Antworten zu finden, wie die Kirche vor Ort wieder eine neue missionarische Dynamik entfalten kann, und nicht auf alle Fragen, die vor Ort wichtig sind, erst auf eine Antwort aus Rom zu warten.

Mehr zum Thema: Bischof Hanke: „Papst Franziskus ruft uns alle in die missionarische Sendung der Kirche“

Weihnachten einmal anders: Unterwegs am Rio Negro mitten im Amazonas

Im November und Dezember besuchte ich den Bundesstaat Amazonas, um die Situation in den dortigen Gefängnissen besser kennen zu lernen. Am Ende dieser Missionsreise verbrachte ich zehn Tage in der schönen Stadt São Gabriel da Cachoeira am Oberen Rio Negro mitten im Amazonas-Regenwald.

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Sehr beeindruckt hat mich eine Weihnachtsfeier mit dem Tucano-Volk. Die Kirche in dieser Region hat ein indigenes Gesicht. Die überwiegende Mehrheit der rund 18 000 Bewohner dieser Gemeinde sind Indigenen aus 20 verschiedenen Ethnien. Viele dieser Menschen wachsen zweisprachig auf. Zweisprachiger Gottesdienste – in Portugiesisch und Tucano – sind keine Seltenheit vor allem in den kleinen Anrainergemeinden. In der Gemeinde Towa (über drei Bootstunden dem Rio Negro aufwärts) fand eine Feier der Eucharistie mit Taufe, Heirat und Abitur-Zeremonie statt. Die Menschen am großen Fluss geben Zeugnis einer lebendigen Kirche, die sehr an die Basisgemeinden im Sinne der Befreiungstheologie erinnern.

Das Bistum São Gabriel da Cachoeira ist fast so groß wie Italien, allerdings dünn besiedelt: nur knapp 95 000 Menschen leben hier. Fast alle von ihnen sind katholisch, allerdings gibt es nur eine handvoll Priester, die sie betreuen. Bischof Edson Damian hatte mich zu einer Weihnachtsfeier auf einer Fazenda da Esperança („Hof der Hoffnung“) eingeladen, wo sich 28 Männer aller Altersgruppen von der Drogen- und Alkoholsucht erholen.

Sehr bewegend war auch eine Feier auf einer Polizeistation im Grenzgebiet: 42 Männer und zwei Frauen (Brasilianer und Kolumbianer) saßen zu dem Zeitpunkt dort ein. Auch die Angehörigen der Gefangenen waren gekommen, um gemeinsam mit den Mitarbeitern der Gefängnispastoral zu singen, beten und über die Bedeutung der Geburt Jesu für uns heute zu reflektieren.

Die Geburt Jesu in einem Gefängnis zu feiern, mit den Häftlingen, mit den ausgeschlossenen Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen und wenig Aussicht auf eine Rückkehr in diese Gesellschaft haben, ist unheimlich beeindruckend. Im Gefängnis leuchtet der hoffnungsvolle Stern von Bethlehem noch stärker.

Die Ufer des Rio Negro sind atemberaubend, geprägt von einer üppigen Natur und von herzlichen Menschen. Diese Reise verstärkte meinen Traum, eines Tages in dieser Region zu arbeiten.

Brasilien – ein reiches Land mit armer Bevölkerung

Die Schlagzeilen  in den letzten Jahren sprechen von einem aufstrebenden und erfolgreichen Schwellenland Brasilien. Laut Regierungsberichten wurden in den letzten 6 Jahren 28 Millionen Menschen aus der extremen Armut herausgeholt, die extreme Armut um 36 Prozent reduziert und Brasilien stieg zur 6. Wirtschaftsmacht auf.

Dazu beigetragen hat ein ehrgeiziges Programm zur Ausrottung der extremen Armut bis  zum Jahre 2014. Das Sozialprogramm “Bolsa Família”, eine Sozialhilfe für extrem arme Familien betreut derzeit mehr als 13 Millionen Familien mit monatlichen Zahlungen von 36 bis 306 Real (umgerechnet 12 bis 102 Euro). Die Beträge sind abhängig vom Familieneinkommen und der Anzahl minderjähriger Kinder.

Fast 46 Millionen Brasilianer erhalten den gesetzlich festgelegten Mindestlohn von derzeit 678 Real (226 Euro). Laut dem gewerkschaftsnahestehenden Institut DIESE (Intersindicale Department für Statistik und sozio-ökonomische Studien) müsste der aktuelle Mindestlohn bei 2.761,58 Real liegen.

Die Mandela-Favela im Norden von Rio de Janeiro. Foto:  Vladimir Platonow/ABr
Die Mandela-Favela im Norden von Rio de Janeiro. Foto: Vladimir Platonow/ABr

Die Wochenzeitschrift “Exame” schrieb vor kurzem über das Regierungsprogramm zur Ausrottung der extremen Armut folgendes: “Praktisch jeder Brasilianer, der aus dem Haus geht, sieht in weniger als 15 Minuten Menschen in extremer Armut. Aber seit März 2013 muss der Brasilianer so tun, als wenn er das nicht mehr sieht. Falls er den Behörden von extrem armen Menschen berichtet, wird er folgendes hören: ‚Sie haben sich getäuscht. Es gibt keine extrem armen Menschen mehr in Brasilien‘. So funktioniert nun mal das Gehirn der Regierung. Die Realität wird nicht mehr wahrgenommen, nur was die Statistik registriert.

Das Sozialprogramm „Bolsa Família“ hat die Wirtschaft angekurbelt und in den letzten Jahren zu einem starken Wachstum beigetragen. Hinzu kam ein stark gefördertes Kreditprogramm der Regierung vor allem für den Immobiliensektor. Die Preise stiegen im Eiltempo in allen Sektoren und die Verschuldung sowohl der Regierung wie auch der Bevölkerung nahm drastisch zu. Hinzu kommen die hohen Ausgaben für die Fußballweltmeisterschaft 2014, die laut offiziellen Berichten bei ca. 30 Milliarden Real (rund 10 Milliarden Euro) liegen. Doch man träumt, dass die WM-Einnahmen durch Touristen alle Probleme lösen werden. Die Lebenshaltungskosten stiegen drastisch und Brasilien wurde zu einem der teuersten Länder.

Die Wirtschaft hat an Kraft verloren. Das Bruttoinlandsprodukt (PIB) wuchs nur 0.9% gegenüber den von der Regierung erwarteten 4.5% im Jahre 2012. Damit rückte Brasilien in der Rangliste der größten Wirtschaftsnationen von Position 6 auf 7 herab, in Lateinamerika belegte es den vorletzten Platz vor Paraguay und unter den BRIC`s Ländern den letzten Platz. Der Export von Landwirtschaftsgütern hat ein negatives Wachstum verhindert, denn die Industrie hat ihr schlechtestes Ergebnis im letzten Jahr eingefahren. Die Wirtschaftsexperten prognostizieren für Brasilien keine guten Zeiten und weitere Jahre schwachen Wachstums. Man befürchtet eine Immobilienblase und Kreditkrise.

Trotz des Wirtschaftsaufschwunges in den letzten Jahren und dem Sozialprogramm „Bolsa Família“ konnte Brasilien die soziale Ungleichheit nicht erheblich verringern. Die extreme Armut fiel leicht, doch der extreme Reichtum kaum. Brasilien rangiert weiterhin unter den Ländern mit der ungerechtesten Verteilung des PIB, verbesserte jedoch seine Position von Platz 3 auf 12. Zehn Prozent der Reichsten besitzen 75 Prozent des Reichtums Brasiliens.

Brasilien hat einer der höchsten Steuern weltweit, doch die Qualität der öffentlichen Dienste wie Transport, Gesundheit, Sicherheit, Bildung und andere Dienste entsprechen dem nicht und sind extrem schlecht. Die Gewaltspirale hat sich weiterhin in ganz Brasilien verschärft. Letzte veröffentlichte Studien über Gewalt in Brasilien berichten von mehr als 1 Million Todesopfern in den letzten 30 Jahren. In Brasilien, einem Land ohne politische, ethnische, religiöse und Grenzkonflikte, werden mehr Menschen getötet als in Ländern mit Krieg oder Guerilla.

Mehr zum Thema: Ein ganz anderes Brasilien

Betania: Haus für alleinerziehende Mütter in Bogotá

„Das ist ein Weihnachtsmann und das ist eine Weihnachtsfrau“, schmunzelt Marina Ahuanari Carbajal, während sie mir stolz präsentiert, was sie in den zurückliegenden Wochen in der Nähwerkstatt von Betania produziert hat. Die alleinerziehende Mutter einer drei Monate alten Tochter hat im vergangenen Jahr Aufnahme in der Einrichtung in Bogotá/Kolumbien gefunden, nachdem sie aus ihrer Heimatregion Tolima geflüchtet war. Dort war eine Bekannte von ihr von der Guerilla umgebracht worden und sie selbst von dieser als Komplizin des Militärs bezichtigt worden. Als die Beziehung zum Vater des Kindes in die Brüche ging, vermittelten sie Sozialarbeiter nach Betania.

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Das Haus für schwangere und stillende alleinstehende Mütter, das Ordensschwestern der Gemeinschaft „Töchter des barmherzigen Herzens Mariens“ leiten, wird seit mehreren Jahren vom Referat Weltkirche der Diözese Eichstätt und dem Eichstätter Verein Welt-Brücke unterstützt. Die Eichstätter Journalistin Dagmar Kusche lernte die Einrichtung in den Neunziger Jahren bei einem Kolumbienaufenthalt kennen sowie schätzen – und startete in Eichstätt Unterstützungsaktionen. Da ich seit dem Jahr 2000 alle zwei bis drei Jahre regelmäßig privat nach Bogotá reise, kann ich die Entwicklung der wichtigen menschlichen wie fachlichen Sozialarbeit in Betania nun recht kontinuierlich verfolgen – und habe sie so ebenso schätzen gelernt.

Etwa ein Viertel der Mütter in Betania zählt nach Angaben der Einrichtung wie Marina zu den mittlerweile rund fünf Millionen Inlandsvertriebenen, die seit 1985 aufgrund des internen Krieges zwischen Guerila, paramilitärischen Gruppen und Militär aus ihrer Heimat meist in Großstädte geflüchtet sind. „Doch es kommen inzwischen auch viele, die einfach in finanzieller Not sind und die keine Familie haben“, erklärte mir Ordensoberin Ana Vitalia Joya Duarte beim jüngsten Besuch. Gewalt in der Familie sowie Vernachlässigung durch diese und anschließendes Verlassen der Mutter durch den Vater des gemeinsamen Kindes seien in den meisten Fällen die Hintergründe. Im vergangenen Jahr wurden der Schwester zufolge 60 Mütter mit ebenso vielen Kleinkindern in Betania für in der Regel jeweils ein Jahr betreut. Dank vielfältiger psychologischer, familiärer, sozialer und berufsbezogener Hilfe in der Einrichtung schafften es laut der Ordensoberin durchschnittlich 40 Prozent der Frauen in den letzten Jahren, in ihre Herkunftsfamilie, zu einer Tante oder einem anderen Angehörigen zurückzukehren – das ist ein Grundziel von Betania. Das andere hätten immerhin etwa 60 Prozent erreicht: Arbeit zu finden, um wirtschaftlich auf eigenen Beinen zu stehen, zum Beispiel als Hausmädchen, Rezeptionistinnen oder in Schneidereien.

In der einrichtungseigenen Schneiderei möchten die Schwestern die Qualifikation der Frauen in Zukunft dadurch weiter verbessern, dass sie eine professionelle Mitarbeiterin für diese Werkstatt engagieren. Sie soll die lernenden Frauen, aber auch die derzeit helfenden Freiwilligen und Ordensschwestern in diesem Bereich anleiten. Auf diesem Arbeitsmarkt haben die Mütter den Schwestern zufolge gute Aussichten. Um das Engagement einer  Fachkraft in der Schneiderei finanzieren zu können, hoffen sie auf weitere Unterstützung aus Eichstätt: von institutioneller Seite, aber auch von Spendern. Das Referat Weltkirche der Diözese und die Welt-Brücke haben in den vergangenen drei Jahren mit jährlich insgesamt 3.500 Euro ein Fachkräfteprogramm in Betania gefördert, wofür sich die Schwestern bei mir auf Herzlichste bedankten. Das Programm kann nach ihrer Erfahrung in seiner Bedeutung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. In ihm geben eine Sozialarbeiterin, eine Psychologin und eine Ernährungsberaterin auf Honorarbasis den Frauen und Kindern neue Lebensperspektiven.

Die Fachkräfte haben die Lebensläufe aller Mütter analysiert, leisten Individual- sowie Familientherapien und führen mit den Betroffenen eine Vielzahl an Workshops durch. Zu diesen gehören solche mit Themen wie Selbstwertschätzung, die Rolle als Mutter, die Entwicklung des Babys sowie Berufsorientierung. In ihrem Fachkräfteprogramm arbeitet Betania vielfach mit anderen Institutionen zusammen, zum Beispiel einem Krankenhaus, einer Universität und der Stadtverwaltung von Bogotá. Die Förderung von Weltkirche und Welt-Brücke deckt gut die Hälfte der Kosten für ein Jahr Arbeit der Fachkräfte. Die anderen Gelder bringt Betania selbst auf: zum Beispiel durch den Verkauf von in der Einrichtung angefertigten handwerklichen und künstlerischen Waren bei Basaren. In Zukunft wollen die Schwestern die Arbeit dieser Fachkräfte zu einem noch höheren Anteil selbst finanzieren – zum Beispiel aus Mehreinnahmen durch Verkäufe der Schneiderei, die sie sich nach der erwünschten Gewinnung einer Fachkraft dort erhoffen. Sie baten mich beim Besuch aber darum, mich dafür einzusetzen, dass das Fachkräfteprogramm zumindest für ein weiteres Jahr – wenn auch zu einem geringeren Teil als bisher – noch aus Eichstätt unterstützt wird.

Mit der Unterstützung von Förderern in Kolumbien hat Betania seine sanitären Räume und die Küche umfassend erneuert sowie einen Schönheitssalon eingerichtet. Dort sollen interessierte alleinstehende Mütter in Kürze im Friseurhandwerk, in Mani- und Pediküre ausgebildet werden. Für viele der Mütter ist das eine weitere Chance. Marina Ahuanari Carbajal zieht unterdessen weiter die Schneiderei vor. „Hier fühle ich mich im Moment gut aufgehoben. Die Konfektion von Kleidern gefällt mir, vor allem die von Galagewändern.“ Während sie näht, weiß sie ihre kleine Tochter in der Krippe von Betania gut aufgehoben. Spendenkonto: Liga Bank, Eichstätt, Kto-Nr. 7603002, BLZ 75090300, Stichwort: Betania, junge Mütter in Bogotá

Für die einen das Christkind, für die anderen die Dreikönige

Dann holten sie ihre Schätze hervor und brachten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe als Gaben dar. Matthäus 2,11b

Weihnachten, Heiligabend, Christkind, Geschenke – diese Begriffe gehören untrennbar zusammen. Bei uns in Deutschland. In sehr, sehr vielen Ländern unserer Erdkugel ist das aber ganz anders. Zum Beispiel in Spanien, oder genauer gesagt Katalonien, wovon ich erzählen kann.

Weihnachten: Natürlich feiert man die Geburt Jesu auch in der katalanischen Hauptstadt Barcelona. Aber nicht nicht so sehr wie in Deutschland und in anderen nordeuropäischen Ländern am 25. Dezember und in der vorausgehenden Nacht, sondern vor allem am 6. Januar mit dem Fest der Epiphanie Christi (Erscheinung des Herrn), in Spanien bekannt als „la Fiesta de los Reyes Magos“, also der Heiligen Drei Könige. Der Grund dafür ist wahrscheinlich, dass in Spanien das Christentum von Anfang an der byzantinischen Ostkirche sehr nahe stand. Diese feierte die Menschwerdung Gottes schon immer nicht wie die lateinische Westkirche am 25. Dezember, sondern am 6. Januar.

Deshalb kommt in Spanien am Heiligabend auch kein Christkind, um den Kindern Geschenke unter den Christbaum zu legen (der Christbaum wird übrigens auch erst in den letzten Jahren immer mehr von den Ländern nördlich der Alpen abgeschaut). Christkind, das kennen die Spanier gar nicht. Sie kennen vielleicht einen „Papa Noel“. Aber der ist eindeutig eine Kopie des amerikanischen Weihnachtsmannes, der nachweislich mehr mit dem hl. Nikolaus verwandt ist als mit dem Christkind.

Heißt das dann, die Kinder Spaniens – und die Erwachsenen – gehen am Heiligabend leer aus? Gar keine Weihnachtsgeschenke? Ja! An dem für fast jeden Deutschen „heiligen“ Abend sind in Spanien die Geschäfte offen wie immer, bis 22 Uhr. Für die meisten geht das Leben und die Arbeit weiter wie an jedem anderen Tagen auch. Am 25. Dezember, am Weihnachtsfeiertag, kommt man dann aber doch etwas zur Ruhe und zum Feiern. Dieser Tag ist ein klassischer Familien- und Besuchstag. Da sind die Straßen den ganzen Tag wie ausgestorben und die unzähligen Bars und Restaurants bleiben geschlossen. – Gut, viele von den Stammkneipen haben für eine kurze Zeit geöffnet. Spanien ohne seine Bars, das geht überhaupt nicht!

Und was ist jetzt mit Geschenken? Natürlich gibt es zu dem frohen Fest der Geburt Jesu auch Geschenke. Vor allem für die Kinder. Die werden aber nicht vom Christkind gebracht (das in Spanien ja nicht existiert!), sondern von den „Reyes“, den „Königen“. Und ist ja irgendwie auch logisch. Am Dreikönigsfest feiern wir Christen, dass Gott auf Erden als Mensch unter Menschen, uns ganz gleich, erschienen ist. Überall auf Erden, in allen Teilkirchen des Christentums, wird diese Botschaft am 6. Januar mit der Geschichte des Besuchs der drei Weisen aus dem Morgenland erzählt. Der Evangelist Matthäus berichtet ausdrücklich davon, wie die Weisen dem Kind drei Geschenke brachten: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Und deshalb werden in Spanien den Kindern die Geschenke auch von den Königen gebracht.

Das Ganze ist aber ein Mordsspektakel: In Barcelona zum Beispiel kommen die königlichen Herren am Vorabend des Dreikönigsfestes mit dem Schiff im Hafen angefahren. Vom Bürgermeister und hunderten Schaulustigen werden sie freudig begrüßt. Dann ziehen sie in einem kilometerlangen Konvoi durch die Stadt. Auf ca. 20 bunt geschmückten Wägen sind die Könige mitsamt ihrem Hofstaat verteilt. Den Umzug kann man sich ein wenig vorstellen wie den Karnevalsumzug in Köln. Jeder der Wägen ist phantasievoll geschmückt. Oft werden Themen der Tagespolitik in lustiger Art und Weise aufs Korn genommen. Zu Tausenden säumen die Menschen die Straßenränder und die Kinder sammeln in Tüten die Süßigkeiten, die ihnen von den Wägen herunter zugeworfen werden.

An der Placa Jaume angekommen, werden die Dreikönige mit ihrem Gefolge nochmal vom Bürgermeister und anderen wichtigen Vertretern der Gesellschaft empfangen. Jetzt ist aber vor allem der Zeitpunkt gekommen, dass die Könige auf je einem Thron Platz nehmen und Audienz halten. In langen Schlangen stehen die Kinder an, um den Königen die Briefe mit ihren Wunschlisten zu überreichen. Schließlich verabschieden sich die Könige wieder. Jetzt haben sie ja allerhand zu tun, um in der folgenden Nacht die Geschenke den entsprechenden Empfängern auch richtig zuzustellen. Denn schließlich möchte doch jedes Kind in Spanien, dass am Morgen des 6. Januar vor der Wohnungstür seine langersehnten Weihnachts-Geschenke stehen.