El Salvador – Zwischen Glaube und Gewalt

Nach Weihnachten ist vor Weihnachten … oder so ähnlich. Bereits jetzt beginnt eine kleine Gruppe von Journalisten, die Adveniat Jahresaktion 2014 vorzubereiten. Erstes Ziel der Reise ist El Salvador.

Das kleine Land in Mittelamerika hat viel zu bieten. Nach drei sehr intensiven Tagen mit den Partnern von Adveniat, die gefüllt waren mit den unterschiedlichsten Impressionen, ist schnell klar, man trifft immer wieder auf zwei Themen: Glaube und Gewalt. Sowohl in der Vergangenheit als auch heute. 1980 wurde der damalige Erzbischof Oscar Romero während der Messe erschossen, heute wartet das Land auf den Seligsprechungsprozess.
Heute kämpfen in den kleinen Gemeinden verfeindete Jugendbanden, sogenannte „Maras“ erbarmungslos gegeneinander. Die Kirche will mit verschiedenen Programmen die jungen Menschen davon abhalten, sich den Banden anzuschließen. Vergibt Stipendien für Schulen und Universitäten, um den Jugendlichen eine Alternative zu geben. Nach der Messe am Donnerstag verteilt der Weihbischof gemeinsam mit Schwestern Kaffee und Brot an Bedürftige.

Fast auf jedem Bus, der durch die überfüllten Straßen von San Salvador rattert, liest man „Jesus Christus unser Herr“ oder „Vertraue auf Gott“. Gleichzeitig patrouillieren Soldaten oder Polizisten mit Messern, Schlagstöcken und Maschinengewehren in den Straßen, vor Restaurants oder sogar vor Krankenhäusern.

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Begegnung bei Kaffee und Brot in der Pfarrei San Francisco

Wenn man tagsüber durch die Stadt fährt, wirkt sie wie irgendeine Stadt in Mittelamerika: alte Busse, die ihre Abgase in die Luft schleudern, Straßenhändler, die Chips verkaufen, riesige Werbetafeln. Doch sicher ist in San Salvador eigentlich niemand. Eine Frau aus der Pfarrei erzählt mir, wer nach 21 Uhr nicht mehr unbedingt raus muss, bleibt zu Hause. Und dass merkt man: Sobald es dunkel wird, ist die Stadt erschreckend leer. Schwestern der Pfarrei San Francisco wurden auch am Tag schon überfallen. Eine hatte ein Messer an der Seite, eine andere eine Pistole am Hals.

In der Pfarrei treffe ich immer wieder junge Menschen, die ihre Zukunft in der Kirche sehen. Jungs, die mit 15 Jahren schon den Wunsch haben, Priester zu werden. Mädchen, die mit 18 Jahren bereits im Noviziat sind. Aber auch andere, die Lehrer oder Psychologe werden wollen. Junge Menschen, die trotz der harten Realität, die sie umgibt, tief im Glauben verwurzelt sind.

Lepra, ein neu geborenes Mädchen und zwei Schokobonbons

Am Nachmittag des ersten Arbeitstages ist das derzeitige amerikanische Team bereits wieder in Beirut. Sie werden heute Nacht bzw. morgen Früh zurück fliegen – und das nachfolgende Team wird in zwei Tagen am Abend hier bei uns eintreffen.

Am Abend ist Medikamentencheck und Auffüllen der Koffer und Kisten und das Schreiben von Berichten, Statistik und Meldungen angesagt. Aber auch Reflexion des Tages und Feststellen von Arbeitsoptimierung – wir werden zwei Tage lang nur mit einem Team (Doc, nurse, translator – und dem Orgpersonal für Registrierung und Koordination) arbeiten können – und wir wollen, dass alle, die sich in den Lagern behandeln lassen wollen, auch die Möglichkeit dazu haben.

Ein 12-jähriger Junge hat mich am ersten Tag ziemlich beschäftigt: Thalassämie – eine vererbte Krankheit wo zuwenig Hämoglobin und rote Blutkörperchen gebildet werden – die einzige Therapie ist eine regelmäßige Bluttransfusion. Kosten für den Jungen hier 100 € im Monat, die von der Familie natürlich nicht aufgebracht werden können und so ist der Zeitpunkt absehbar, wo der Junge sterben wird (In Syrien hatte es vor dem Krieg ein kostenfreies Gesundheitssystem gegeben, in dem auch solche Patienten versorgt wurden).

Bei einem früheren Besuch des Lagers wurde bereits versucht, den Jungen an eine andere Organisation (UNHCR, YMCA, ..) weiterzuleiten – aber uns wird heute berichtet, dass nach ein paar Kostenübernahmen keine weitere Unterstützung möglich ist! Mir bleibt nichts anderes als unserem Koordinator den Fall vorzutragen und ihn zu bitten, sich eventuell nochmals einen Weg zu überlegen, wie wir dem Patienten helfen könnten – wo anrufen, wohin schicken…

Am Abend will ich die Unterlagen fotografieren, um bei Vorträgen daheim zu zeigen, welche Grenzen die medizinische Versorgung hier haben kann.
Und ich stelle fest, dass der Bericht mit der Zusage der Kostenübernahme für ein Monat endet! Irgendwo in einem Budget von Humedica konnte noch Geld freigesetzt werden – zumindest für einen Monat. Ein Monat Leben für 100 €! – Auch jetzt werde ich das Bild zeigen und erklären!

Die Amerikaner sind gerade angekommen – und wieder muss sich das Team neu finden – aber das ist bei solchen Einsätzen so, wo die Fluktuation des Personals einfach da ist. An den US-Slang muss ich mich erst gewöhnen. Wir werden uns natürlich zusammenfinden und gut arbeiten. Es ist ja dann auch wieder einfacher, nicht als alleiniger Doc dann 130 bzw. 180 Patienten anzuschauen und zu versuchen zu versorgen.

So z.B. den Jungen, der mit seiner Großmutter da ist, weil seine Eltern im Krieg gestorben sind. Er ist im Gesicht ziemlich entstellt, die Hände sind massiv infiziert, ja fast schon teilweise faulend – ist es Lepra, eine angeborene Erkrankung (Porphyrie), wo man dann wohl nichts machen könnte außer Lichtschutz (und das im Flüchtlingslager??!!) – oder Folgen einer toxischen (= giftigen) Schädigung. Wir versuchen irgendwie einen Spezialisten zuzuziehen, um hier Hilfe geben zu können. Vielleicht – was ich aber nicht glaube – ergibt sich morgen eine Gelegenheit, wenn die UNHCR und irgendwelche leitende Personen aus dem libanesischen Gesundheitsministerium kommen, um unsere Arbeit zu begutachten. Bei den Libanesen soll es Menschen geben, die der Arbeit der NGO (Hilfsorganisationen) nicht sonderlich wohlgesonnen sind – darauf kann ich eigentlich verzichten!

Wir brachten gerade alles ins Auto, weil wir mit unserer Arbeit im Camp fertig waren und die Dämmerung zieht um 16.30 schon auf. Da werde ich noch von einem Vater in ein Zelt gerufen: Vor zwei Tagen ist sein Mädchen zur Welt gekommen, gesund munter – ich untersuch sie, alles ist ok, die Mutter lächelt und ist glücklich, der Vater strahlt – wir erhalten zwei Schokobonbons – es sind für mich mit die wertvollsten, die ich je erhalten habe.

Krokodilfleisch zum Probieren

Zurzeit bin ich in Tabatinga, einer kleine Stadt mitten im Urwald vom riesigen Amazonas-Gebiet. Die Stadt hat ca. 25.000 Einwohner und liegt an der Grenze von Peru und Kolumbien. Gestern war ich abends mit den Schwestern in Kolumbien beim Pizzaessen und morgen fahre ich schnell mal nach Peru – auf die andere Seite des Flusses „Rio Solimoes“ – kurz gesagt, es geht mir sehr, sehr gut hier.

Die Gegend, die Menschen, einfach alles ist sehr geprägt vom Drogenhandel, die Route geht von Kolumbien und Peru durch den brasilianischen Dschungel, auf dem Fluss und/oder mit kleinen Fliegern in „alle Welt hinaus!“. Die Gewalt, Korruption, Morde, Folter,… sind hier Alltag. Ich habe ja schon einiges gesehen und gehört in Brasilien, aber was ich hier antreffe ist noch viel, viel schlimmer, dem entsprechend sind auch die Gefängnisse, aber davon später mal mehr.

Das Gesicht der Menschen hier ist „Indigena“ – Gesicht der Indianer, das prägt natürlich auch die Kirche, eine sehr lebendige Kirche der Basisgemeinden. Die Städte Tefe und Tabatinga sind mit dem Flieger erreichbar (und natürlich mit dem Schiff), alle andere Städte und Dörfer nur mit Booten, die Preise sind sehr gesalzen. Ich flog von Manaus nach Tefe (1 ½ Std.) und dann ging es weiter mit dem Schiff (18 Std.) nach „Fonte Boa“, nach drei Tagen dann wieder 9 Std. mit dem Schiff nach Jutai und nun wieder 12 Stunden unterwegs auf dem riesigen Fluss nach Tabatinga ins sogenannte „Drei-Länder-Eck“.

Ich bin noch keinen Monat unterwegs, aber mir scheint es schon viel, viel länger. Es sind viele verschiedenste Eindrücke. Die Menschen hier sind sehr freundlich, meistens bin ich bei Schwestern untergebracht, besuche immer die Gefängnisse, die Richter und Staatsanwälte (wenn es sie gibt), die Gruppe der Gefängnisseelsorge vor Ort. Das Programm ist sehr dicht, aber dann auf dem Schiff geht es ruhig dahin, flussaufwärts mitten in einer riesigen Dschungellandschaft. Ein riesiger Fluss, der Rio Solimoes, besser gesagt es sind viele Flüsse, große Inseln, riesige Nebenflüsse, da ist die schöne blaue Donau ein kleines „Bach’l“. Es gibt natürlich viel Fisch zum Essen, viele verschiedenste Sorten, mir schmeckt das sehr, diese Tage bekam ich sogar Krokodilfleisch zum Probieren, es gibt wenig Gemüse und Salat, aber dafür viele verschiedenste Früchte. Ich habe schon viele Fluss-Delfine gesehen und natürlich die Krokodile am Ufer.

Die Armut der Menschen, die Gewalt, die verheerenden Zustände in den Gefängnissen, das Desinteresse der Regierung für diese Gegend und dieser Menschen – außer wenn es um große Projekte mit den multinationalen Firmen geht, um das reiche Amazonasgebiet auszubeuten – berührt mich sehr, beschäftigt mein Denken, Fühlen, mein Gebet und meine Träume,… und es ist ein Geschenk morgen gerade hier das Christkönigsfest zu feiern – für uns Missionarinnen Christi ein sehr wichtiges und schönes Fest – ich werde in einem kleinen Indianer-Dorf im Urwald die Messe mitfeiern.

Herzlichen Gruß und Vergelt’s Gott an allen, die mitgeholfen haben, diese Reise zu ermöglichen, noch ist sie nicht zu Ende, andermal wieder mehr.

Ich wünsche Euch allen einen gesegneten Advent und hoffe vor Weihnachten nochmal „online“ zu sein, um euch Weihnachtsgrüße schicken zu können.

Um grande abraço!

Petra

Hier im Amazonas Zugang zum Internet zu haben ist gar nicht so leicht, in Tabatinga funktioniert es ganz gut, die letzten 14 Tage war ich aber „offline“!

Einsatz im Flüchtlingslager im Libanon

Wieder bin ich unterwegs – und wieder im Libanon bei den syrischen Flüchtlingen – zur medizinischen Basisversorgung bei den nicht Registrierten in der Beeka-Ebene.

Wegen der in den Nachrichten immer wieder berichteten Situation hier mit Schießereien (v.a. in Tripoli), Autobomben und zuletzt vor wenigen Tagen der Anschlag auf die iranische Botschaft in einem südlichen Viertel von Beirut gab es natürlich viele Fragen und Ängste — aber: die Wahrscheinlichkeit, dass es gerade jetzt einen weiteren Anschlag gibt, ist definitiv nicht groß! Des Weiteren hat unser Team hier eine sehr enge Anbindung an die internationalen Sicherheitsinformationen (mit Alarmierungssystem und Notfall-Evakuierungsplan) und weiterhin sehr vielfältige Kontaktmöglichkeiten (Internet, Handy mehrfache Notnummern, Satellitentelefon).

Land und Mentalität sind mir ja nicht unbekannt. Trotzdem nutze ich die Wartezeit auf dem Flughafen in Istanbul bis zum Weiterflug nach Beirut um mich nochmals eingehend zu informieren: Landesinfo, Projektskizze, Info über das medizinische Team, allgemeine Sicherheitsrichtlinien und speziell für den Libanon, Sicherheitshinweise vom auswärtigen Amt.

In Beirut angekommen (23.20) holt mich ein Taxi ab und bringt mich ins Guesthouse – mitten in Beirut eine Unterkunft, wo alle Teammitglieder „durchlaufen“. Am frühen Vormittag geht’s dann in das Einsatzgebiet – in die Beeka-Ebene nach Zahle. Hier hält sich ein Teil der mittlerweile geschätzten Millionen syrischer Libanonflüchtlinge auf – nahe der Heimat (es sind ca 30 km bis zur syrischen Grenze) und doch sicher. Oft unregistriert – aus Angst, dass Listen in falsche Hände geraten und Angehörige „daheim in Syrien“ zu leiden haben oder es mit dem Leben büßen. Unregistriert – und dadurch aber auch nicht offiziell für Hilfslieferungen vorgemerkt!

Jetzt am ersten Tag – Sonntag – ist keine Behandlung in den Lagern – und wir nutzen die Zeit zu Kennenlernen, zur Sicherheitsunterweisung, zum Check der Medikamente und zur Absprache von Behandlungsmöglichkeiten und medizinischen Möglichkeiten – auch durch Einbeziehung offizieller Stellen, die so langsam für wichtige Erkrankungen Ansprechpartner und Behandlungen zur Verfügung stellen – wenn denn jemand Patienten zu ihnen schickt. Es ist beruhigend, dass die Absprache mit den anderen Teilnehmern hier – Amerikaner mit Doc und Krankenpfleger – völlig problemlos ist.

Soeben kommt eine Sicherheitsmeldung, dass es einen kleinen waffenmässigen Konflikt im Norden gegeben hat. Betrifft uns nicht. Aber es zeigt, dass das System funktioniert.

Und während ich da so sitze, kommen natürlich ein paar Gedanken: Im Nahen Osten, Menschen unterwegs ohne würdige und vernünftige Unterkunft, gerade noch geduldet aber bestimmt nicht willkommen, eher irgendwo noch hingeschoben! – so oder ähnlich hab ich das doch schon mal – immer wieder – gehört, es passt in die kommenden Wochen: nicht als Erzählung, Geschichte, Bericht, sondern Real Live!

Einen Gruß an alle
Gerhard Gradl