Die Avantgarde aus dem Urwald

Im Amazonas haben kleine indigene Gemeinschaften einen Weg gefunden, im Regenwald Früchte anzubauen und ihn gleichzeitig zu schützen.

Wenn Doña Antonia Lurisi vor ihren Gemüsebeeten sitzt und Bohnen, Kürbisse oder Tomaten jätet, während hinter ihr die Baumriesen des Urwaldes aufragen, dann ist die Bäuerin nur ein winziger Teil von einem großen System. Doch ein entscheidender: Indem indigene Gemeinschaften vom Wald leben, mit und in diesem einzigartigen Organismus aus Entstehen und Vergehen, schützen sie ihn. Ohne sie gäbe es die Regenwälder hier im Norden Boliviens vielleicht gar nicht mehr. Mehr als ein Viertel des gesamten Amazonasgebiets könnten bis 2030 verloren sein, schätzt der WWF. Welche Dimensionen dieser Urwald hat, können wir uns manchmal nur schwer vorstellen. Er ist nicht nur viel größer als alle Wälder, die wir aus Europa kennen, sondern auch höher und dichter: Über 80 Meter ragen manche Baumkronen in den Himmel, im Altbau wären das fast 25 Stockwerke. Es herrscht eine riesige Artenvielfalt: Wo hier rund 12.000 unterschiedliche Baumarten stehen, sind es in Deutschland 77. Der Regenwald ist außerdem unglaublich fruchtbar: Maniok, Ananas, Bananen, Guaven, Papaya, Kakao, Kaffee oder Palmenarten wie Asaí und Majo, die bei uns als Superfoods vermarktet werden, wachsen neben Zedern, Eichen, Mahagoni, Teakbäumen und verschiedenen Heilkräutern. Auf mehreren Ebenen wuchern Pflanzen, die auf, in und mit anderen Pflanzen in Symbiose leben. Alles scheint hier miteinander verwachsen. Auf jeder Etage wimmelt es, vom dichten Gesträuch auf dem Boden, über das Gestrüpp in der Mitte, bis hinauf in die Baumkronen wohnen unzählige seltene Tierarten.

Ob Doña Antonia beschneidet oder veredelt, eine oder viele Pflanzensorten sät, nach dem Roden abbrennt oder Baumstämme, Äste und Blätter liegen lässt, all das sind Entscheidungen, die das empfindliche Ökosystem des Regenwaldes nachhaltig beeinflussen – und aus dem Gleichgewicht bringen können. Der Wald aber bildet die Lebensgrundlage für indigene und kleinbäuerliche Gemeinschaften, er ist existenziell. Deshalb können sie sich einen ausbeuterischen Umgang mit den natürlichen Ressourcen nicht leisten. „Früher haben wir einfach alles abgebrannt, um auf den freien Flächen Reis, Yucca und Bananen anzubauen“, erklärt Doña Antonia. Heute kann sie das nicht mehr verstehen. Eine der Folgen war, dass der Boden nach wenigen Jahren unfruchtbar wurde und neu gerodet werden musste. Denn wenn alte Bäume, Blätter und Zweige nicht liegen bleiben, können sie den Boden nicht düngen. Wenn es zu wenige unterschiedliche Gewächse gibt, die ihr Wurzelwerk tief in der Erde verankern, dann laugt der Boden aus und erodiert. „Jedes Jahr leiden wir hier unter Überschwemmungen“, führt Doña Antonia aus, was dann passiert. Die Fluten verderben die Früchte und Pflanzen, sie verfaulen einfach. Ist die Ernte vernichtet, müssen einige Familienmitglieder anderswo Geld verdienen, um die Familie durchzubringen. Ihre Arbeitskraft fehlt später beim Anbau. So gerät das ganze System durcheinander, Gemeinschaften zerreißen.

Der Regenwald bietet eine riesige Artenvielfalt: Kakao, Reis, Mais, Yucca, Bananen, Bohnen und viele andere Früchte werden im Schatten des Regenwaldes angebaut. Foto: Reyes/Misereor
Der Regenwald bietet eine riesige Artenvielfalt: Kakao, Reis, Mais, Yucca, Bananen, Bohnen und viele andere Früchte werden im Schatten des Regenwaldes angebaut. Foto: Reyes/Misereor
Im Einklang mit dem Wald: Doña Lurisibetreibt schonenden und nachhaltige Land-und Forstwirtschaft. Foto: Reyes/Misereor
Im Einklang mit dem Wald: Doña Lurisibetreibt schonenden und nachhaltige Land-und Forstwirtschaft. Foto: Reyes/Misereor
Doña Lurisimit ihrem Ehemann. Mit Nachbarn und Gemeindemitgliedern tauschen sie sich über erfolgreiche Anbaumethoden und Saatgut aus. Foto: Reyes/Misereor
Doña Lurisimit ihrem Ehemann. Mit Nachbarn und Gemeindemitgliedern tauschen sie sich über erfolgreiche Anbaumethoden und Saatgut aus. Foto: Reyes/Misereor
Kleinbauern und indigene Gemeindemitglieder in Bolivien tauschen sich über Anbaumethoden und Saatgut aus. Foto: Reyes/Misereor
Der Regenwald bietet eine riesige Artenvielfalt: Kakao, Reis, Mais, Yucca, Bananen, Bohnen und viele andere Früchte werden im Schatten des Regenwaldes angebaut. Foto: Reyes/Misereor
Der Regenwald bietet eine riesige Artenvielfalt: Kakao, Reis, Mais, Yucca, Bananen, Bohnen und viele andere Früchte werden im Schatten des Regenwaldes angebaut. Foto: Reyes/Misereor
Die indigenen Gemeinschaften leben im und vom Regenwald. Ihre Erfahrungen inspirieren Agroforstprojekte in anderen Ländern und Kontinenten. Foto: Reyes/Misereor
Die indigenen Gemeinschaften leben im und vom Regenwald. Ihre Erfahrungen inspirieren Agroforstprojekte in anderen Ländern und Kontinenten. Foto: Reyes/Misereor
Die indigenen Gemeinschaften leben im und vom Regenwald. Ihre Erfahrungen inspirieren Agroforstprojekte in anderen Ländern und Kontinenten. Foto: Reyes/Misereor
Die indigenen Gemeinschaften leben im und vom Regenwald. Ihre Erfahrungen inspirieren Agroforstprojekte in anderen Ländern und Kontinenten. Foto: Reyes/Misereor

Zukunftsperspektiven schaffen mitten im Wald

Die ersten, die gehen, sind die jungen Leute. Sie suchen sich Arbeit in großen Städten, wenn ihnen das Leben im Regenwald keine Perspektiven für die Zukunft geben kann. Dort gibt es viele wie sie, so viele, dass ihre Arbeitskraft kaum etwas wert ist. Solche Geschichten nehmen fast immer denselben Ausgang: Am Ende landen die jungen Leute in den Slums der Vororte, die sich in ständig wachsenden Ringen um die Stadtzentren ziehen. Sie halten sich mit Gelegenheitsjobs am Leben. Ihre Kinder werden in Armut aufwachsen. Dass auch Doña Antonia große Angst davor hatte, dass ihr Sohn und ihre Tochter der Gemeinschaft eines Tages für die Stadt den Rücken kehren, kann man nur ahnen. Darüber spricht sie nicht. Ich kann sie auch nicht fragen, denn wegen der Coronapandemie ist es nicht möglich, die Menschen vor Ort zu treffen. Die Gebiete sind abgeschottet. Nur über ein kompliziertes System aus übermittelten Fragen und Videobotschaften kommt die Kommunikation zustande. Was sie aber erzählt: Ihr Mann musste die Familie oft tage- oder wochenlang verlassen, um als Tagelöhner woanders Geld zu verdienen. Es wäre wohl wie bei so vielen nur eine Frage der Zeit gewesen, bis die Kinder sich aufgemacht hätten, um woanders eine Zukunft zu suchen.

Vielleicht war Doña Antonia deshalb so fest entschlossen, etwas am Schicksal ihrer indigenen Community zu ändern und die Sache in die Hand zu nehmen. Ein Umdenken in den indigenen Territorien findet schon länger statt. Doch wirklichen Wandel brachten Versammlungen und Workshops, in denen es um eine schonende Waldwirtschaft und bessere Vernetzung der verstreuten Gemeinschaften geht. Organisiert werden sie zum Beispiel von der lokalen kirchlichen Organisation Caritas Reyes in Nordbolivien. Die Inhalte werden mit Gemeinden im Regenwald gemeinsam entwickelt. Mitarbeitende der Caritas und Teilnehmerinnen und Teilnehmer teilen ihr Wissen und ihre Erfahrungen miteinander, tauschen sich über Methoden aus und überlegen gemeinsam, welches Werkzeug angeschafft werden könnte. Seit Doña Antonia und ihr Mann Leoncio sich in Workshops und Versammlungen ihrer Gemeinde engagieren, kommt die Familie ohne Brandrodung aus. „Ich säe heute eine Vielfalt von Pflanzen: Reis, Mais, Yucca, Bananen, Feigenbananen, Bohnen, Canavalia-Hülsenfrüchte. Ich hätte nie geglaubt, dass das alles keimt. Doch die Mitarbeitenden der Caritas haben uns die neuesten Techniken gezeigt, wie man die Qualität der Ernte verbessert, indem man Landwirtschaft im Einklang mit dem Wald betreibt und dabei die Umwelt schützt.“ Die Lebensqualität in dem Örtchen Guaguauno in der Gemeinde Reyes nördlich des Regierungssitzes La Paz ist durch die sogenannte „Agroforstwirtschaft“ deutlich gestiegen. Sie bedeutet ein Besinnen auf eine Lebensweise, die Indigene im Amazonas traditionell pflegten, bevor der Kapitalismus den Wald zum Supermarkt erklärte.

Der Regenwald ist wertvoller als Geld

„Die Menschen haben hier natürlich keine großen finanziellen Ressourcen und kein großes Einkommen“, sagt Franco Calle Patroni, der seit fünf Jahren bei Caritas Reyes arbeitet und selbst aus der Gegend kommt. Trotzdem haben die Indigenen auch etwas sehr Wertvolles, nämlich das Wissen, dass es auch anders geht: dass die Natur als Lebensraum einen ganz anderen Stellenwert haben kann als unsere technisierten und industrialisierten Gesellschaften sich vorstellen können. Dass sich auch zu Bäumen, Insekten, Bächen und Steinen Beziehungen aufbauen lassen und man sie so sacht und behutsam behandeln kann, als gehörten sie zur Familie.

Deshalb schätzt man bei der kirchlichen Organisation die Weltanschauung der Regenwald­bevölkerung, denn sie gibt neue Impulse für die westliche Lebensweise, die an ihre Grenze gekommen ist. So lernen die Workshop-Leiterinnen und -Leiter selbst ständig dazu.

Doña Antonia hat genau die Erfahrung gemacht, dass ihre Sichtweise und ihre Erfahrungen geachtet werden. Besonders stolz ist sie darauf, dass sie zu einer Reise nach Florianópolis in Brasilien eingeladen wurde, um sich dort mit anderen Bäuerinnen auszutauschen. Dabei ging es auch um ein solidarisches und enges Miteinander auf dem Weg zu einer Produktionsweise im Einklang mit dem Wald und der Natur. Dieses Gefühl, sich mit den eigenen Ideen einbringen zu können, ernstgenommen zu werden, eine Stimme zu haben, nicht allein zu sein mit ihrer Weltanschauung, bedeutet der Indigenen viel. Die neuen Denkanstöße hat Doña Antonia zurück in ihre Gemeinschaft getragen.

Das ist das Prinzip: Auf der einen Seite betreiben Bäuerinnen und Bauern wie Antonia ihren Landbau im Wald so minimalinvasiv und schonend wie möglich. Auf der anderen Seite sind sie weit über ihre Gemeinschaften hinaus vernetzt und tauschen international ihr Knowhow aus. Vielleicht gehören sie damit schon zu einer neuen Avantgarde, die eine progressive Lebensweise verkörpert. Weil sie inmitten und von der Natur leben und damit ganz direkt von ihr abhängig sind, bekommen Indigene und Kleinbäuerinnen und Kleinbauern Veränderung durch den Klimawandel sofort zu spüren. Die Verletzlichkeit des Waldes wird zu ihrer eigenen Verletzlichkeit. Der Klimawandel ist für Doña Antonia keine zukünftige Bedrohung, sondern längst da.

„Ernährungssouveränität“ ist aus diesem Grund existenziell. Sie bedeutet, dass die Bevölkerung durch die Vielfalt ihrer Produkte unabhängig leben und sich gesund ernähren kann. „Ich bin Mitglied einer Frauenkooperative“, erzählt Doña Antonia. „Wir sind 20 Frauen aus fünf verschie­denen Gemeinschaften. Gemeinsam lernen wir, wie wir Milch und Früchte weiterverarbeiten können, die uns früher einfach schlecht geworden wären. Wir stellen Joghurt her und Marmelade aus Sternfrucht, Papaya, Guave, aus allem, was uns die Natur gibt.“ Die Ernährungssouveränität hat in der Gemeinde einen umfassenden Umbruch mit sich gebracht. Während früher die Fami­lienväter irgendwo anders einen schlecht bezahlten Job als Saisonarbeiter annahmen, um Geld für zusätzliche Nahrungsmittel zu verdienen, mussten die Familienmütter neben der Versorgung der Kinder, dem Kochen und Wäschewaschen auch noch die landwirtschaftliche Produktion allein stemmen. Heute ist die eigene Nahrungsmittelproduktion so vielseitig, dass fast nichts dazu gekauft werden muss. Im Gegenteil: Sie wirft Überschüsse ab, von deren Verkauf die Familie gut leben kann.

Das Kleine kann Großes bewirken

Tatsächlich bietet die Waldparzelle Doña Antonia mittlerweile alles, was sie für ein gutes Leben braucht: „Die vielfältigen Produkte, die wir hier auf natürliche und nachhaltige Weise produzieren, sind gut für unsere Gesundheit.“ Doch das wichtigste ist für die zähe Frau, dass sie mit Mann und Kindern zusammen arbeiten kann. Ihr Land bestellen sie gemeinsam: „Wir sind als Familie vereint, wir reden über alles, wir planen gemeinsam, was wir wie und wo anbauen. Wir leben wirklich im Überfluss durch die Gemeinschaft und die Vielfalt an Pflanzen, die wir hier auf engstem Raum haben“. Die beiden Kinder sind inzwischen erwachsen, sie haben das Dorf nicht verlassen.

Wäre die Geschichte von Doña Antonia an dieser Stelle zu Ende, wäre es ein Happy End. Doch so einfach ist es im Amazonas nicht. Von allen Seiten wird der Regenwald und mit ihm die kleinen selbstbestimmten Gemeinschaften bedroht, denn auf dem Weltmarkt ist er viel Geld wert. Der indigene Anspruch auf Bodenrechte wird da schnell zur Auslegungssache. Großunternehmen holzen die Bäume in großem Stil ab, um Monokulturen von genmanipulierter Soja anzubauen oder riesige Rinderzuchten zu betreiben. Solche Flächen fressen sich immer weiter in den Urwald hinein. Auf den ausgelaugten Böden wächst kaum noch etwas, das Land wird anfällig für Überschwemmungen und den Klimawandel. Die Regierung plant immer neue Großprojekte, gewaltige Stauseen, die alles überfluten würden. Erdgasfelder mitten im Urwald.

„Wir sind leider untereinander noch nicht gut genug organisiert, um dem etwas entgegenzusetzen“, ist Doña Antonia klar. „Das müssen wir ändern“. Sie sagt das mit derselben anpackenden Art, mit der sie sich die Ärmel hochkrempelt und lospflanzt. Irgendwie macht das zuversichtlich, dass jemand wie sie die gigantische Abholzung der Wälder doch noch aufhalten kann.

Mehr zum Thema: Misereor-Fastenaktion 2021

Verheerende Folgen der Pandemie in brasilianischen Gefängnissen

Seit März 2020 wurden die eh schon abgeschotteten Gefängnisse in Brasilien noch mehr von der Aussenwelt abgeriegelt. Die Kirchen dürfen keine Seelsorge anbieten, auch Besuche von Familienangehörigen sind verboten. Rechtsanwälte können nur unter großen Schwierigkeiten ihre Mandanten besuchen. Da auch die Gerichte zum Teil im Homeoffice arbeiten, werden die Prozessakten nur sehr langsam bearbeitet. Viele Gerichtsverhandlungen wurden ausgesetzt oder finden online statt.

So hat die Pandemie verheerende Folgen in den brasilianischen Gefängnissen, in denen auch schon ohne Covid-19 menschenunwürdige Verhältnisse herrschen. Die medizinische Versorgung in den Haftanstalten ist kaum oder gar nicht vorhanden. Ansteckende Krankheiten wie Tuberkulose, Hepatitis, Krätze, HIV, Dauerdurchfall, Hautausschläge etc. gehören zum Alltag bei den Männer und Frauen in Haft. Wenn einmal ein Arzt vorbeikommt und ein Rezept ausstellt, wird nur von der Haftanstalt „Paracetanol“ und Aspirin für alle Krankheiten ausgegeben. Andere Medikamente müssen die Angehörigen selbst ins Gefägnis bringen.

In den total überfüllten Zellen mit viel Ungeziefer aller Art, ohne ausreichende Wasserversorgung und wenn, dann ohne sauberem Wasser, ungenügende und schlechte Ernährung, verbreiten sich Krankheiten in diesem tropischen Land ganz schnell. Und jetzt, in der Zeit von Corona, ist die Situation noch schrecklicher. Die Hygieneregeln, die für uns „hier draussen“ gelten, sind unmöglich umsetzbar im Gefängnis, dementsprechend haben sich viele Gefangene angesteckt und starben auch. Genaue Zahlen gibt es nicht, weil fast keine Corona-Tests gemacht werden. So starben die Häftlinge laut offiziellen Angaben an Lungenentzündung oder Tuberkulose.

Durch das Besuchsverbot sind es nun schon zehn lange Monate der Ungewissheit für die Angehörigen und auch für die Häftlinge selbst, die somit keine Nachricht von ihren Familien haben und auch keine materielle Unterstützung bekommen, d.h. es gibt mehr Hunger, kaum oder keine Medikamente, Seife, Zahnpasta, Bekleidung… Alles fehlt, da der Staat diese Dinge nicht verteilt.

Die wenigen Nachrichten, die trotzdem nach aussen gelangen, sind schrecklich, vor allem die anonymen Beschwerden von Folterungen und Misständen aller Art, die uns online erreichen, haben sich seit März verdoppelt. Es ist keine leichte Zeit in dieser „Pandemie“, die sich zu einer „Hekatombe“ entwickelte – das Wort kommt aus dem griechischen und bedeutet im übertragenen Sinn eine erschütternd grosse Zahl von Menschen, die einem Massaker oder Unglück zum Opfer gefallen sind.

Wir von der Gefängnisseelsorge nützen die Zeit für Fort- und Ausbildungskurse – natürlich alles online. Die Technik macht es möglich, sich mit Menschen aus allen Ecken Brasiliens zu verbinden. Auch versuchen wir, möglichst viele Familienangehörige zu unterstützen. Einerseits konkret mit Lebensmitteln oder einfach mit Dasein und Zuhören, Solidarität und Unterstützung bei Protestveranstaltungen (vor allem online) und einreichen von Anklagen auf nationaler und internationaler Ebene.

Die Corona-Krise trifft die Menschen in Brasilien hart durch Arbeitslosigkeit, Unsicherheit, Krankheit, Tod von Angehörigen, Trauer, Isolierung, Kontaktsperre zu Familienangehörigen, die im Gefängnis sind, Angst und Schmerz.

Was hilft?

Dass die Menschen in einer vertrauten „Umgebung“ über ihre Erfahrungen sprechen können und dass ihnen zugehört wird. Die zirkulären, friedensschaffenden Prozesse, ermöglichen den Ausdruck von Gefühlen und menschlichen Bedürfnissen in einer Atmosphäre echten Respekts und Angenommenseins. Es werden Lebenserfahrungen und Lebenssituationen zu einem bestimmten Thema erzählt – das bewegt und verbindet alle Teilnehmer. Das Zuhören und das Teilen der Erfahrungen schenken ein Gefühl des Angenommenseins und können die Sensibilität für die Würde jedes Menschen stärken. Darüber hinaus fördern zirkuläre Prozesse die Kommunikation und eine Kultur des Friedens im Alltag, in der Familie, in einer Jugendgruppe, in der Schule, am Arbeitsplatz, im Gefängnis.

Trotz allem dürfen wir die Hoffnung nicht verlieren, aufmerksam sein für die kleinen Zeichen der Verbundenheit, der Dankbarkeit der Menschen, denen wir Beistand geben können, solidarisch sein, präsent sein, auch wenn es nur online ist, die Technik ist derzeit eine grosse Hilfe dafür.

Auch das Gebet füreinander verbindet – auch online, ja, wir entdeckten sogar wie uns Online-Wortgottesdienste mit fast 100 ehrenamtlichen Gefängnissseelsorgern stärken und Hoffnung spenden.

Das Phänomen der „Eurowaisen“ in der Ukraine

„Manchmal, in traurigen Minuten wie heute, kommen mir solche Gedanken: Du und Papa kehrt in die Ukraine zurück, und wir bleiben für immer zusammen. Lass es weniger Geld geben, weniger Möglichkeiten, aber wir werden glücklich sein!“, schreibt in einem Brief die elfjährige Olena, deren Eltern im Ausland arbeiten. Sie gehört zu den sogenannten ukrainischen „Eurowaisen“: Das sind Kinder der Arbeitsmigranten aus der Ukraine, die zwar wirtschaftlich gut versorgt sind, aber ohne Eltern bei ihren Familienangehörigen aufwachsen.

Dieses Phänomen ist nicht neu. Laut Olexandra Slobodian, der Migrationsexpertin des CEDOS [ukrainisches Sozialforschungszentrum] gingen allein 2016 rund 700 000 Ukrainer ins Ausland. Die gegenwärtige Tendenz wird leider nicht besser, und das hat klare Gründe: Wirtschaftliche und politische Krise im Staat sowie ständig steigende Arbeitslosigkeit zwingen immer mehr Bürgerinnen und Bürger ins Ausland zu gehen, dort eine bessere soziale und wirtschaftliche Lage zu suchen und von dort aus ihren Kindern eine „bessere“ Zukunft zu ermöglichen.

Ist es jedoch genug, die Beziehung mit Mama und Papa nur per Skype (wohl auf einem teuren Handy) zu pflegen? Einerseits ist die Aufgabe einer guten materiellen Kinderversorgung dadurch gewissenhaft erfüllt. Die meisten Kinder, deren Eltern im Ausland arbeiten, bestätigen, dass ihre Familien grundsätzlich keine materiellen Schwierigkeiten mehr haben. Anderseits führen die mangelnde Betreuung und Aufsicht vonseiten der Eltern zu einer Reihe sozialer und psychologischer Probleme: Immer öfter werden die Kinder der Arbeitsmigranten mit „Straßenkindern“ verglichen, da sie oft ohne jede Erziehung bleiben. Weil das Geld für die „Eurowaisen“ kein Problem ist, werden sie manchmal alkohol- oder sogar drogenabhängig, was sie zu einem guten Ziel und Opfer des Drogenhandels macht. Negative Folgen kann man auch bei ihrer Leistung in der Schule merken. Im Juni 2016 wurde in der Ukraine eine Umfrage unter mehr als 50 000 Schulabgänger durchgeführt, einschließlich der Kinder der Arbeitsmigranten: Ergebnisse zeigen, dass die durchschnittliche Note der Absolventinnen und Absolventen mit beiden Elternteilen im Ausland etwa zehn Prozentpunkte niedriger ist als bei ihren Altersgenossen, die mit ihren Eltern zusammenwohnen.

Obwohl das Problem der „Eurowaisen“ in der Ukraine nicht neu ist, gibt es da im Gegensatz zu anderen Ländern immer noch keine Einrichtungen bzw. erfolgreiche Projekte für die vorübergehende Betreuung solcher Kinder. In der Praxis heißt es auch, dass das Kind, dessen Eltern ins Ausland gegangen sind, ohne gesetzliche Vertreter bleiben kann, die seine Rechte schützen würden. Das Kind weiß in diesem Alter auch noch nicht immer, was für sich am besten ist. Dies weist darauf hin, dass die Kinder der Arbeitsmigranten eine verletzliche Kategorie sind, die deswegen eine besondere staatliche Hilfe benötigt. Diese Staatsaufgaben übernehmen in der Ukraine einige soziale und christliche Organisationen und Stiftungen. Spitzenreiter bei der Hilfe für die „Eurowaisen“ ist die Caritas Ukraine. Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben mehr als zehn Jahre aktiver Erfahrung in der Arbeit mit den Kindern und Familien der Arbeitsmigranten, erzählt in einem Gespräch mit dem Bistum Eichstätt Andrij Waskowycz, der Leiter der Caritas Ukraine. Caraitas stellt Fachleute zur Verfügung, wie z. B. Sozialarbeiter und Psychologen, die solche Familien ständig und professionell unterstützen und begleiten können.

Natürlich ist nicht jedes Kind, dessen Eltern derzeit in der EU arbeiten, erfolglos in der Schule oder sofort alkoholabhängig. Wenn es allerdings auch nur eins wäre, bräuchte das Problem eine Lösung. es sind jedoch viele Kinder, die kein Geld brauchen, sondern jemanden zu lieben und zu sprechen.

Sternsinger-Aktion

„Segen bringen, Segen sein. Kindern Halt geben – in der Ukraine und weltweit“ lautet das Motto der kommenden, 63. Aktion Dreikönigssingen. Dabei werden die Sternsinger auf das Schicksal von Mädchen und Jungen aufmerksam machen, die mit nur einem Elternteil, bei Großeltern oder in Pflegefamilien aufwachsen, weil ihre Eltern im Ausland arbeiten.

Mehr zum Thema:
Sternsinger-Aktion im Bistum Eichstätt
Sternsinger: Hilfe für Kinder von Arbeitsmigranten

„Wir müssen die Wunden der Natur und die der Menschen heilen“

Bevor er aufs Gaspedal tritt, spricht Bischof Johannes Bahlmann noch kurz ein Vaterunser. Dann steuert er seinen Pick-up rasant über eine buckelige Staubpiste. Die Rinderweiden rechts und links der Straße werden nur ab und zu von Waldstücken unterbrochen. „Hier ist schon alles abgeholzt“, sagt er. „Schlimm ist das.“

Seit zehn Jahren leitet der Mann, der aus dem niedersächsischen Visbek stammt und den hier alle nur Dom Bernardo nennen, die Diözese von Óbidos. Die Stadt mit 50.000 Einwohnern liegt am Ufer des Amazonas im brasilianischen Bundesstaat Pará. An diesem heißen Nachmittag ist er auf dem Rückweg aus Alenquer, dem nächsten größeren Ort. Er hat dort ein kleines, von Ordensschwestern geleitetes Krankenhaus besucht. Es gilt vor allem wegen seiner Geburtsstation, die vom Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat gefördert wird, als eines der besten Hospitäler der Region. Rund drei Stunden dauert die Rückfahrt nach Óbidos – gar nicht so lang, wie Dom Bernardo betont. Seine Reisen dauern sonst länger.

Die Diözese des 59-Jährigen ist eine der größten in Brasilien, sie reicht vom Amazonas bis an die Grenze zu Surinam. Diese ländliche, größtenteils von Dschungel bedeckte Region gehört zu den konfliktreichsten des Landes. Hier herrschen eigene Gesetze. Es geht rauer zu, der Staat ist weit weg und die Infrastruktur prekär. Großgrundbesitzer, Holzfäller und Viehzüchter geben den Ton an. Die Situation ist durchaus mit der im „Wilden Westen“ vergleichbar. „Man braucht Mut und Vertrauen, wenn man hier etwas bewirken will“, sagt Dom Bernardo und weicht einem Schlagloch aus.

Drei besonders drängende Probleme gibt es für den Bischof. Da sei erstens die Umweltzerstörung. Sie nehme immer beunruhigendere Ausmaße an, insbesondere seit Brasiliens rechtsextremer Präsident Jair Bolsonaro den Amazonas praktisch zur Ausbeutung frei gegeben hat – ohne Rücksicht auf Ureinwohner, Kleinbauern und Fischer. Der Amazonas werde von der Regierung an transnationale Konzerne verscherbelt, meint der Bischof.

Damit eng verbunden sei eine tiefe soziale Ungerechtigkeit. „Viele Menschen in meiner Diözese sind arm, sie besitzen kein oder nur sehr wenig Land“, sagt Bischof Bahlmann. „Sie leben häufig von der Hand in den Mund.“ Ihnen gegenüber stünden wenige, sehr reiche Großgrundbesitzer, die meist mit der Politik verbandelt seien.

Um in die Dörfer zu gelangen, fährt Bischof Bernardo Bahlmann mit dem Boot der Diozöse. Foto: Florian Kopp/Adveniat

Als dritte große Herausforderung nennt Dom Bernardo die Ausmaße seiner Diözese. Sie ist halb so groß wie Deutschland, hat aber lediglich eine Handvoll Straßen. „Es ist nicht einfach für mich, bei den Menschen präsent zu sein“, erklärt Dom Bernardo. „Aber ich versuche es.“

Und so reist der Bischof manchmal tagelang mit Booten über die Flüsse, um die Menschen in seiner Diözese zu besuchen. Einige tief im Dschungel gelegene Missionsstationen sind nur mit dem Propellerflugzeug zu erreichen. „Es ist heute wichtiger denn je, dass die Kirche zu den Menschen geht“, zitiert Dom Bernardo Papst Franziskus. „Wir dürfen nicht bequem sein. Was nützen uns die schönsten Gebete, wenn wir die Menschen nicht mehr erreichen.“

Deswegen ist Dom Bernardo auch ein großer Befürworter von Laienpriestern. „Ohne sie gäbe es vielerorts im Amazonasgebiet gar keine Gottesdienste mehr“, sagt er. Besonders am Herzen liegt ihm die von Adveniat finanzierte Laienschule in Óbidos. Katholiken aus den entferntesten Orten werden hier zu Laienpredigern ausgebildet und in sozialen und ökologischen Themen unterrichtet. Die Ausbildung habe schon einige Führungspersönlichkeiten hervorgebracht, die in ihren Gemeinden etwas zum Positiven veränderten, berichtet Dom Bernardo. Nur so bekomme man auch die Jugend ins Boot.

Der Bischof macht nach langer Fahrt zum ersten Mal Halt an einem kleinen Weiler. Die Kirche am Wegesrand ist mit Blumen und bunten Bändern geschmückt. Am nächsten Tag sollen hier die Kinder Erstkommunion feiern. Als er aus dem Wagen steigt, eilen gleich einige Kinder und Frauen herbei. Sie küssen die Hand von Dom Bernardo, der es ihnen gleichtut. So ist es Brauch in dieser Region. Man wünscht sich gegenseitig den „Segen“.

Bischof Bernardo Bahlmann trinkt mit Dorfbewohern einen Kaffee. Foto: Florian Kopp/Adveniat

Sogleich wird der Bischof auch zu Kaffee und Kuchen auf den Hof der Familie eingeladen. Die Zuwanderer aus dem armen und trockenen Nordosten Brasiliens haben sich im Amazonasgebiet eine bescheidene Landwirtschaft aufgebaut. Sie schätzen an ihrem Bischof, dass er ein Mann des Volkes ist, einer zum Anfassen. Tatsächlich macht Dom Bernardo kein großes Aufheben um sich. Der Franziskaner ist meist in hellen Baumwollhosen und Hemd unterwegs und stellt außer einem Bischofsring keine Insignien seines Amtes zur Schau.

Bischof Bernardo Bahlmann spricht mit dem Jugendlichen Paulo Aquila (15), der später ins Seminar eintreten will. Sein Vater Aginaldo Silva ist Diakon und leiter der katholischen Gemeinde des Dorfes Maria Theresa.

Dafür bewirkt das Engagement des Bischofs für ökologische und soziale Gerechtigkeit umso mehr. Auch dank seines Einsatzes fährt seit 2019 ein Hospitalschiff mit rund 30 Ärzten und Krankenpflegern an Bord auf dem Amazonas und seinen Zuflüssen. Die „Papa Francisco“ bringt medizinische Versorgung an Orte, an denen die Menschen häufig noch nie zuvor einen Arzt gesehen haben. 700.000 Menschen sollen so erreicht werden. „Wir leisten hier einen ganz konkreten wichtigen Dienst am Menschen“, erklärt Dom Bernardo. 50.000 Euro hat Adveniat zu Beginn der Coronakrise der Gesundheitspastoral des Bistums und dem Krankenhaus in Alenquer zur Verfügung gestellt.

Nach einer kurzen Nacht in Óbidos bricht der Bischof am nächsten Morgen erneut auf. Diesmal geht es ins Dorf Arapuçu, eine halbe Stunde flussaufwärts. Arapuçu ist ein Quilombo, eine Siedlung von Nachkommen ehemaliger Sklaven. Dem Bischof ist es wichtig, heute hier zu sein, denn in Brasilien wird der „Tag des Schwarzen Bewusstseins“ begangen, der an die Leiden und den Kampf der afro-brasilianischen Bevölkerung erinnern soll.

Im nach allen Seiten offenen Gemeindesaal von Arapuçu haben sich die Bewohner versammelt. Einige Schüler singen ein Lied über die Diskriminierung einer schwarzen Frau. Dann ergreift Dom Bernardo das Mikrofon. Es sei wichtig, die eigene Geschichte und Kultur zu kennen und dafür einzutreten, sagt er. Zum Abschied küssen die Menschen dem Bischof wieder die Hand, und er erwidert die liebevolle Geste: „Segen!“ Auf dem Rückweg sagt er nachdenklich: „Wir haben zwei große Aufgaben als Kirche im Amazonasgebiet. Wir müssen die Wunden der Natur heilen. Und wir müssen die Wunden der Menschen heilen.“

Adveniat-Weihnachtsaktion 2020: ÜberLeben auf dem Land
Trotz Landflucht lebt jeder Fünfte in Lateinamerika und der Karibik auf dem Land. Das bedeutet häufig auch, abgehängt und ausgeschlossen zu sein. Wer auf dem Land geboren ist, ist dreimal häufiger von Armut betroffen als eine Person, die in der Stadt geboren wird. Die Gesundheitsstationen in ländlichen Regionen sind oft miserabel ausgestattet, denn es gibt dort kaum Diagnosemöglichkeiten, Medikamente und Fachpersonal. Und dann kam im Mai 2020 auch noch Corona. Das Virus trifft mit der Landbevölkerung auf eine besonders verletzliche Gruppe von Menschen, deren Immunabwehr aufgrund ihrer Armut, den chronischen Leiden an Infektionskrankheiten sowie ihrer schlechten Ernährungssituation bei einer Infektion schnell überfordert ist. Deshalb rückt das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat mit seiner diesjährigen Weihnachtsaktion unter dem Motto „ÜberLeben auf dem Land“ die Sorgen und Nöte der armen Landbevölkerung in den Blickpunkt. Schwerpunktländer sind Argentinien, Brasilien und Honduras. Die Eröffnung der bundesweiten Adveniat-Weihnachtsaktion findet am 1. Advent, dem 29. November 2020, im Bistum Würzburg statt. Die Weihnachtskollekte am 24. und 25. Dezember in allen katholischen Kirchen Deutschlands ist für Adveniat und die Hilfe für die Menschen in Lateinamerika und der Karibik bestimmt. Spendenkonto bei der Bank im Bistum Essen, IBAN: DE03 3606 0295 0000 0173 45 oder unter www.adveniat.de. 

Beginn einer neuen spirituellen Blütezeit?

Das Marienkloster im norwegischen Tautra wird erweitert – das Bonifatiuswerk unterstützt mit der Diaspora-Aktion 2020 unter anderem die Arbeit der Ordensschwestern.

Ringsherum tiefblaues Wasser, in dem sich das Licht der Frühlingssonne bricht. Erst die teils schneebedeckten Berge begrenzen in einiger Entfernung die Weite des Fjordes. Über all dem das Azurblau des Himmels, an dem kaum eine Wolke zu sehen ist: Dieses Panorama, das sich dem Betrachter von dem grasbedeckten Hügel auf Tautra aus bietet, kann sich sprichwörtlich sehen lassen. Kein Wunder, dass sich einst an genau dieser Stelle auf der kleinen Insel im Trondheim-Fjord Zisterziensermönche niederließen. Von dem 1207 gegründeten Kloster sind nur die Ruinen der Abteikirche übriggeblieben – davor eine Hinweistafel, die über Bedeutungsverlust und Aufgabe des Klosters infolge der Reformation informiert. Das Ende des Ordenslebens auf Tautra? Nein. Nur wenige hundert Meter entfernt vom alten Standort setzen Trappisten-Schwestern die Tradition in ihrem 2006 eingeweihten Marienkloster fort.

Das Kloster Tautra ist nur ein Beispiel dafür, dass die kontemplativen Orden in Norwegen derzeit eine Blüte erleben. Wirkten bis vor wenigen Jahren vor allem aktive Gemeinschaften wie die Josephs-, die Franziskus-Xaverius- oder die Elisabethschwestern in Krankenhäusern und Pfarrgemeinden – heute sind vor allem aktive Gemeinschaften aus den Philippinen und Vietnam mit jungen Schwestern vertreten –, zeigt sich mittlerweile ein Trend zu monastischen Orden. Aus deutscher Sicht wirkt das alles wie eine verkehrte Welt: Hierzulande mangelt es den Ordensgemeinschaften massiv an Nachwuchs, es mangelt zudem an Geld. Als Folge werden Klöster – auch traditionsreiche – aufgegeben, Ordensprovinzen werden zusammengeschlossen. Ein Spiegelbild der allgemeinen Kirchenkrise in Deutschland. Parallel dazu Norwegen: Hier heißt es bei den Orden Aufbruch statt Abbruch – in einem Land, in dem die katholische Kirche insgesamt kontinuierlich wächst, in einigen Regionen monatlich sogar um ein Prozent.

Mittagsgebet in der Klosterkirche: Sonnenlicht dringt durch das gläserne Dach und fällt auf das darunter liegende Holzgebälk. Ein einzigartiges Licht- und Schattenspiel erfüllt den Raum. Hinter dem Altar gibt eine große Glaswand den Blick auf den Fjord frei: die Schönheit der Schöpfung wird zum Altarbild. Der klare Psalmgesang der Schwestern, begleitet von zarten Harfenklängen, vollendet die mystische Atmosphäre, die ausstrahlt. Ließen sich einst sieben Schwestern aus dem US-Bundestaat Iowa auf der einsamen Insel nieder, führen hier mittlerweile 16 Nonnen aus zwölf Nationen ein beständiges Leben im benediktinischen Rhythmus von Ora et labora et lege.

Das Kloster ist daher inzwischen zu klein. Es soll nun um einen neuen Flügel mit weiteren Zellenzimmern erweitert werden. „Manchmal kommen Menschen zu uns, um nach Orientierung im Leben zu suchen“, berichtet Schwester Gilchrist Lavigne von ihren Erfahrungen, „wenn sie mögen, helfen wir ihnen auf ihrem Weg.“ Und genau in dieser Aussage spiegeln sich die Offenheit des Klosters und die gelebte Willkommenskultur der Schwestern wider. In einem Gästehaus bieten die Nonnen Raum für all jene, die sich in die Stille und die spirituelle Atmosphäre dieses Ortes zurückziehen möchten. Auf der Halbinsel sind alle Menschen willkommen und zum Gebet eingeladen, egal ob sie tief im Glauben verwurzelt sind, der Kirche skeptisch gegenüberstehen oder einfach nur aus der Neugierde heraus einen Einblick in das klösterliche Leben bekommen möchten. Viele der Menschen in der Region hätten lange darauf gewartet, dass auf Tautra wieder ein Kloster entstünde. Viele von Ihnen möchten eine Nacht auf Tautra verbringen, um die Stille und Spiritualität des Ortes zu erleben. Die Nachfrage sei so groß, dass die Schwestern leider immer mehr Absagen machen müssten.

Ein angenehmer Duft liegt in der Luft, wenn die Nonnen 50 Kilogramm schwere Seifenblöcke, die mit Lavendel, Sandelholz, Mandel, Honig oder diversen Kräutern versetzt sind, in 630 handgerechte Stücke zerteilen. Die Trappistinnen verdienen einen Teil ihres Lebensunterhalts durch die Produktion von Seifen und Cremes. Doch Geld steht hier nicht im Mittelpunkt: „Die Seife bietet ein wunderbare Möglichkeit, den Menschen zu begegnen und mit ihnen in Dialog zu treten“, erklärt Schwester GilChrist: »Wir produzieren jedes Stück Seife als ein Gebet für den Frieden und wir beten für die Menschen, die sie kaufen.“

„Orte wie das Marienkloster auf der Halbinsel Tautra, an denen Glaube und Kirche auf besondere Weise gelebt werden sind besondere Ort die zeigen, wie lebendig und erfolgreich Norwegens Katholiken trotz oder gerade wegen ihrer Diaspora-Situation sind“, ist sich der Generalsekretär des Bonifatiuswerkes, Monsignore Georg Austen sicher. Bei all seinen Besuchen habe er stets eine sehr internationale und stark wachsende Glaubensgemeinschaft erlebt, die sehr viel Mut für die Zukunft mache. Mit seinen 16 Schwestern aus zwölf unterschiedlichen Nationen ist das Marienkloster ein Spiegel der multikulturellen Migrantenkirche in Norwegen.

Bischof Bernt Eidsvig spricht von einem Pfingstwunder, denkt er an die vielen verschiedenen Sprachen, die er sonntags in den Gottesdiensten hört. „Die Kirche in Norwegen ist eine ganz untypische Kirche“, betont er, „85 Prozent unserer Mitglieder sind im Ausland geboren.“ Das klinge zwar zunächst schwierig, meint der Oberhirte, allerdings dürfe man dabei nicht vergessen, dass die Kirche in Norwegen schon immer eine Einwandererkirche gewesen sei. „Im 19. Jahrhundert kamen die Katholiken vor allem aus Deutschland, Holland oder Frankreich. Ab den 1970er Jahren war die Kirche asiatisch geprägt. Heute stammen mehr als die Hälfte aller aus Polen.“ Eine ständige pastorale Herausforderung bleibt daher die Frage der Integration all jener, die neu hinzukommen. Die verschiedenen Muttersprachen spielen dabei eine bedeutende Rolle. Gerade die Ordensgemeinschaften spielten daher eine zentrale Rolle bei der Integration der Migranten.

Um ihr Kloster weiterentwickeln und weiterbauen zu können, hoffen die Ordensfrauen auf die Unterstützung des Bonifatiuswerkes, das sich der Anliegen der Katholiken annimmt, die in einer Minderheit leben. Ihnen steht das »Hilfswerk für den Glauben« solidarisch zur Seite. „Die Schwestern zeigen auf eindrückliche Weise, wie das Leitwort unserer Diaspora-Aktion 2020 „Werde Hoffnungsträger!“ mit Leben gefüllt werden kann. Die Ordensschwestern lassen ihre Hoffnung überspringen und setzen für viele Menschen einen Anker des Vertrauens. Durch sie ist zu spüren, was christliche Hoffnung bedeutet, die andere inspirieren, motivieren und mitreißen kann«, sagt der Generalsekretär des Bonifatiuswerkes, Monsignore Georg Austen. In diesen herausfordernden Zeiten will das Hilfswerk mit der diesjährigen Diaspora-Aktion ermutigen, zu Hoffnungsträgern für andere zu werden.

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